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China Valley:Die kopierten Klone

Christoph Giesen

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Marc Beise (München), Karoline Meta Beisel (Brüssel), Christoph Giesen (Peking), Helmut Martin-Jung (München) und Jürgen Schmieder (Los Angeles) im Wechsel. Illustration:Bernd Schifferdecker

Chinas Unternehmen pausen bloß ab, so lautet das Vorurteil. Für Digital-Firmen gilt das nicht mehr. Ganze Delegationen reisen dort hin.

Wahr ist: Das Internet gibt es zwei Mal. In China und im Rest der Welt. Chinesen googeln nicht, sie suchen mit Baidu. Mit ihren Freunden tauschen sie sich bei Wechat und nicht bei Facebook aus. Statt bei Amazon kaufen sie bei Alibaba ein. In China gibt es kein Instagram, kein Youtube, kein Twitter, selbst eine eigene Wikipedia hat sich etabliert, Baike heißt der politisch streng redigierte Dienst. Lange Zeit galt die These: Im Silicon Valley werden neue Ideen geboren und wenig später in der Volksrepublik von der staatlichen Zensur weggesperrt, irgendwann taucht dann ein chinesischer Klon auf.

Für die frühen Jahre des Internets mag das stimmen: Baidu wurde groß als Nachbau von Google, Weibo als Mixtur aus Facebook und Twitter. Doch heute gilt: Was in China entwickelt wird, hat Einfluss auf den Rest der digitalen Welt, das zweite Internet. Immer mehr chinesische Ansätze werden nachgeahmt. Auch aus Deutschland reisen inzwischen regelmäßig Delegationen an, um sich Chinas Start-ups erklären zu lassen. Es sind Investoren, Verleger, Digitalmanager und auch manch ein Industriekapitän aus der Old Economy. Bis zu 20 Termine und Unternehmensbesichtigungen absolvieren sie dann in einer Woche. Was funktioniert ausschließlich in China? Was kann man adaptieren? Wo kann man noch einsteigen?

Für ein Engagement bei Tiktok dürften selbst den meisten betuchten Geldgebern inzwischen die Mittel fehlen: Die aktuelle Bewertung liegt seit der letzten Investorenrunde bei sagenhaften 75 Milliarden Dollar - das sind drei Milliarden mehr als der Fahrdienstvermittler Uber. Genutzt wird Tiktok vor allem von Teenagern - und das weltweit. Das Prinzip ist simpel: Man zeichnet mit dem Smartphone ein Video auf und lädt es hoch, maximal 15 Sekunden dürfen die Aufnahmen lang sein - verdichtetes Youtube also.

Sobald man Tiktok startet, beginnt im Hintergrund künstliche Intelligenz zu arbeiten, schon nach wenigen Videos, die man zu sehen bekommen hat, hat die App die Interessen ausgewertet und blendet zielsicher nur noch für den Nutzer relevante Clips ein. Jugendliche verbringen so Stunden mit Tiktok, hangeln sich von einem Video zum nächsten, ohne Ende. "Man stelle sich eine Version von Facebook vor, mit der man seinen Feed füllen kann, bevor man eine einzelne Person befreundet hat. Das ist Tiktok", schreibt die New York Times. Inzwischen hat Facebook nachgezogen. Lasso heißt die konzerneigene Tiktok-Kopie, mit dem Nutzer des chinesischen Dienstes abspenstig gemacht werden sollen. Für Facebook ist das allerdings nur ein Nebenkriegsschauplatz. Viel wichtiger ist für das Unternehmen, ja die gesamte Branche, ein Trend, an dem chinesischen Unternehmen schon länger werkeln: Dem Bau einer Super-App.

Ziel ist es, dass Nutzer nicht mehr ins Internet gehen, Suchmaschine befragen und gezielt einzelne Websites ansteuern, sondern alle Dienstleistungen in nur einer einzigen Anwendung angeboten bekommen: Essen bestellen, Kinokarten kaufen, mit Freunden quatschen. In China ist das fast schon Realität. Das Schweizer Taschenmeser unter den Apps heißt Wechat und wird vom IT-Konzern Tencent betrieben. Etwa eine Milliarde Nutzer haben den Dienst installiert. Statt Telefonnummern tauscht man in China häufig nur noch Wechat-Kennungen aus. Ein eigenes Bezahlsystem gibt es auch. Seit gut zwei Jahren arbeitet Tencent daran, sogenannte Miniprogramme als Standard zu etablieren. Es sind Apps in der App, Dienste, die nur innerhalb von Wechat laufen. Restaurants zum Beispiel können per Miniprogramm ihre Speisekarte veröffentlichen, Bestellung mit einem Klick inklusive.

Die künstliche Intelligenz ist das nächste große Ding. Oh Wunder, die Chinesen liegen vorne

Im Silicon Valley nimmt man diese Entwicklung sehr ernst: Facebook etwa verpasste seinem Messenger jüngst einige neue Funktionen. Statt bloß Nachrichten auszutauschen, kann man nun online spielen oder mobil bezahlen. Auch in Südostasien orientieren sich die Start-ups inzwischen an China. Go-Jek aus Indonesien startete als Fahrdienstvermittler für Motorräder.

Inzwischen hat Go-Jek etliche Funktionen dazu bekommen. Man kann sich Essen liefern lassen oder eine Massage buchen und digital bezahlen, kann man via Go-Jek natürlich auch. Ebenfalls aus China stammt die Idee, Onlinehandelsplattformen mit Videos und Livestreams auszustatten. Alibaba, das asiatische Amazon, hat damit bereits vor ein paar Jahren begonnen, anfangs wurde das noch als chinesische Eigenart belächelt. Produktfernsehen und Youtube in einem. Wozu?

Die Antwort formulierte Alibaba bemerkenswert offen: Die Gedanke sei es, dass Kunden möglichst viel Zeit bei Alibaba verbringen. Viel Zeit bedeutet viel Geld.

Diese chinesische Logik ahmt man nun auch in den USA nach: Amazon startete im Februar einen Livestream, in dem Moderatoren Produkte vorstellen, die Kunden dann ohne allzu viel Mühen bestellen können. Ganz ähnlich bei Instagram, seit März können Nutzer, Dinge, die sie in Videos oder auf Bildern sehen kaufen, ohne die App zu verlassen. Ende des Jahres - wen wundert es - wird Youtube folgen und seine Nutzer mit Kaufvorschlägen behelligen.

Der nächste große Trend aus China zeichnet sich bereits ab: Die künstliche Intelligenz, Tiktok ist da nur der Anfang. Beim Versandhändler JD.com kann man sich bereits per Gesichtserkennung ein digitales 3D-Abbild erstellen lassen und online testen, wie man mit einem Anzug der Kleid aussieht. Die Gefahr: Man gibt, wie so oft in China, private Daten preis und es ist nicht ausgeschlossen, dass der Staat darauf Zugriff hat.