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China Valley:Der Kuchen ist verteilt

Christoph Giesen

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Marc Beise (München), Karoline Meta Beisel (Brüssel), Christoph Giesen (Peking), Helmut Martin-Jung (München) und Jürgen Schmieder (Los Angeles) im Wechsel. Illustration:Bernd Schifferdecker

Google möchte wieder zurück nach China und entwickelt dafür eigens eine zensierte Suche. Doch in China haben sich längst heimische Unternehmen etabliert.

Es war im 2005, da entschied man sich in bei Google im Silicon Valley endlich diesen chinesischen Markt in Angriff zu nehmen. Eine Werbeagentur wurde angeheuert, ein schöner chinesischer Name sollte her. Nach Monaten der Geheimniskrämerei präsentierte der damalige Google-Chef Eric Schmidt im April 2006 in Peking in den neuen Namen: "Guge", hieß der Konzern in China fortan. Übersetzt: "das Lied aus dem Tal". Der Song aus dem Valley also. Eine hübsche Anspielung eigentlich, in China verstand das niemand.

Marktführer war der chinesische Wettbewerber Baidu. Eine Firma aus Peking gegründet von Robin Li, einem Programmierer, der lange Zeit in den USA gelebt hatte. Zu seinen ersten Geldgebern nach seiner Rückkehr nach China gehörte übrigens Google. Auch beim Design und der Technik war Google sein Vorbild. In der Anfangszeit war Lis Dienst nicht mehr als eine billige Kopie. Der Erfolg der ersten Stunde ist vor allem Raubkopien zu verdanken. Millionen an Musiktiteln konnte man bei Baidu herunterladen. Legal war das nicht, aber welche Plattenfirma reicht vor einem chinesischen Gericht Klage ein?

Guge hingegen musste sich an Recht und Gesetz halten und zwar das chinesische. Die Auflagen der Zensoren waren streng: Wer bei Google.cn nach dem Platz des Himmlischen Friedens suchte, bekam Fotos der Verbotenen Stadt oder die Öffnungszeiten des Mao-Mausoleums angezeigt. Keine Spur von den Panzern, die am 4. Juni 1989 den Studentenprotest niederwalzten. Die Selbstzensur währte gut vier Jahre, 2010 zog sich Google zurück. Die Begründung: Ein Konzern, dessen Firmenmotto "Don't be evil", heißt, könne sich nicht verbiegen. Das war allerdings nur die halbe Wahrheit. Trotz größter Anstrengungen googelte die Chinesen nicht so viel wie im Rest der Welt. Über 36 Prozent Marktanteil kam Guge in China nie hinaus. Das Problem: Wer in den Eingabeschlitz etwas schreiben wollte, musste die lateinische Umschrift beherrschen. Vor allem ältere Chinesen haben das aber nie gelernt. Viele chinesische Websites sahen aus wie Wimmelbilder - überall Links. Für viele war das der einfachste Weg, im Netz zu navigieren. Erst der Boom der Smartphones, bei denen man Schriftzeichen mit dem Finger auf den Bildschirm malen kann, macht es älteren Nutzern überhaupt möglich, Suchmaschinen ohne Umstände zu nutzen.

Bei Google überlegt man nun ernsthaft wieder in China einzusteigen. Versprechen und Zensur hin oder her. Der neue Dienst soll Dragonfly heißen, extra für China entwickelt. Die Suchmaschine soll die Zensurvorgaben der kommunistischen Führung erfüllen. Dragonfly filtert offenbar automatisch alle Begriffe mit einem Bezug zu Menschenrechten, Demokratie, Religion und friedlichen Protesten heraus. Die Behörden in China sollen Dragonfly bereits vorgeführt bekommen haben.

Der aktuelle Google-Chef Sundar Pichai ist häufiger in China, bei der letzten Weltinternetkonferenz, einer Propagandaschau, die chinesische Regierung, die jedes Jahr in einem malerischen Wasserdorf in der Nähe von Shanghai stattfinet, war Pichai Ehrengast. Auch Apple-Chef Tim Cook war 2017 dabei. Und Facebook-Gründer Mark Zuckerberg? Der lobt gar öffentlich Staats-und Parteichef Xi Jinping - radebrechend auf Chinesisch und geht selbst bei gesundheitsgefährdenden Luftwerten demonstrativ eine Runde joggen in Peking.

Chinesische Mittelständler wickeln mit Wechat ihr gesamtes Geschäft ab

Der Markt treibt. Knapp 800 Millionen Chinesen nutzen inzwischen das Internet, fast alle von ihnen gehen mobil ins Netz. In den Vereinigten Staaten sind es nicht einmal 300 Millionen Nutzer. Noch größer ist die Kluft beim Zahlen mit dem Mobiltelefon. 527 Millionen Chinesen zücken inzwischen Handy, wenn sie einkaufen, in den USA sind es 48 Millionen Nutzer. Und während in Europa das Einkaufen von Lebensmitteln im Internet allenfalls in der Testphase steckt, wird der Umsatz in der Volksrepublik in diesem Jahr laut Schätzungen 30 Milliarden Dollar ausmachen.

Doch selbst wenn Facebook, Google oder Twitter die Gnade der Kommunistischen Partei widerfährt: China, der mit Abstand größte Internetmarkt der Welt, ist längst aufgeteilt. Statt bei Amazon kaufen die Chinesen bei Alibaba und seinen Diensten. Das Monopol zum Suchen hat Baidu, genauso wie für den Kartendienst, ja sogar Chinas Wikipedia-Klon wird von Baidu betreut: Baike nennt sich dieses politisch streng redigierte Lexikon.

Kommuniziert wird über Wechat. Mehr als eine Milliarde Menschen nutzen inzwischen die App. Im Unterschied zu Whatsapp ist der Dienst, den Konzern Tencent 2011 auf den Markt gebracht hat, deutlich potenter. Man kann seine Rechnungen per Wechat bezahlen, sich mit Freunden austauschen, Kinotickets buchen. Mittelständische Unternehmen wickeln teilweise ihren gesamten Kundenverkehr über diese App ab. Seit Anfang 2017 geht das recht gut. Unternehmen können eine eigene App für Wechat programmieren. Miniapps nennen sie das bei Tencent. Mehr als eine halbe Million dieser Anwendungen existieren bereits. Und die Hälfte aller Nutzer greift darauf zu. Auch in fast jedem anderen Feld mischen die drei Konzerne mit.

Künstliche Intelligenz? Na klar: Baidu AI, Alibaba AI Lab oder Tencent AI heißen die Ableger. Auch bei Fahrdiensten sind sie beteiligt. Baidu ist Investor von Shouqi in China und Uber in den USA. Alibaba und Tecent wiederum finanzieren Didi. Baidu ist aktuell bei knapp 100 Start-ups und Firmen engagiert. Bei Alibaba sind es noch ein paar mehr: Rund 130 Beteiligungen. Am aktivsten ist Tencent. Bei mehr als 270 Unternehmen hat sich der Konzern eingekauft. Statt zu fragen: Wann fasst das Silicon Valley in China Fuß? Müsste es lauten: Wann stoßen Chinas Konzerne in Europa und den USA vor?