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China:Aus für Billiglöhne

Gehofft, gekämpft - und gewonnen: Chinas Fabrikarbeiter fechten eine bessere Bezahlung durch. Aber verlagern jetzt ausländische Investoren ihre Produktion in Drittländer?

Streiks und Unzufriedenheit unter Arbeitern haben Arbeitgeber in China gezwungen, höhere Gehälter zu zahlen. Die Steigerungen der Mindestlöhne erreichen nun auch die rückständigen Provinzen und erhöhen den Druck auf die Zentralregierung. Nur noch vier von 31 Provinzen und Regionen im Land haben sich bislang dem aktuellen Trend entzogen. Zuletzt verkündete die Provinz Qinghai, auch sie werde die Löhne ab dem 1. September anheben. Die steigenden Lohnkosten bereiten Peking jedoch neue Sorgen, weil der Exportsektor besonders von billigen Arbeitskräften profitiert. Die Ausfuhren sind ein Stützpfeiler des chinesischen Wachstumsmodells; sie drohen einzubrechen, wenn Arbeit in China zu teuer wird.

Der Mindestlohn macht die Produktion teurer - wandern demnächst Investoren ab?

(Foto: AFP)

Auch ausländische Investoren könnten sich nach Drittländern umschauen und ihre Produktion verlagern. Zuletzt hat der taiwanesische Elektronikhersteller Foxconn in Erwägung gezogen, Teile seiner Produktion aus dem südchinesischen Shenzhen zurück in die Heimat zu verlegen. Der iPhone-Produzent Foxconn hatte der Debatte um die chinesischen Billiglöhne Ende Mai neuen Schwung verliehen, weil sich 13 Mitarbeiter des Unternehmens seit Jahresbeginn das Leben genommen haben. Die Suizide waren mit schlechten Arbeitsbedingungen sowie geringen Löhnen in Verbindung gebracht worden. Im Zuge der öffentlichen Diskussion hatten Arbeiter in diversen Fabriken anderer Branchen im ganzen Land Streiks angefacht, auch sie forderten höhere Löhne. Besonders betroffen war der japanische Automobilhersteller Honda. In einer seiner Zulieferfabriken in Foshan erkämpften sich die Arbeiter 25 Prozent mehr Geld.

"Kurzfristig werden die steigenden Löhne negative Auswirkungen auf die Wirtschaft haben. Mittelfristig aber könnten die Steigerungen der Wirtschaft einen Schub geben", sagt der Ökonom Yao Zhongqiu vom unabhängigen Unirule Institut in Peking. Die Hoffnung der Regierung ist, dass die Unternehmer zu Aufwertungen ihrer Produktionen gezwungen werden und technologische Innovationen entwickeln. Nur so kann die Volksrepublik ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den anderen Exportnationen behaupten. Vielen klein- und mittelständischen chinesischen Unternehmern bleibt nichts anderes übrig, als in neue Technik und Maschinen zu investieren, wenn sie nicht pleitegehen wollen.

Trotz zum Teil deutlicher Erhöhungen von 20 Prozent und mehr bleiben die Mindestlöhne im Reich der Mitte vergleichsweise niedrig. In Shanghai wird noch am meisten gezahlt. Dort verdienen die Arbeiter jetzt mindestens 1120 Yuan im Monat, das entspricht knapp 128 Euro. Auch in den Autonomen Regionen Xinjiang und Tibet, die in den vergangenen Jahren von Unruhen mit zahlreichen Toten erschüttert wurden, stiegen rückwirkend zum 1. Juni die Mindestlöhne. Staatliche Medien berichten, in Xinjiang würden bis zu 960 Yuan gezahlt, zuvor waren es 630 Yuan. Allerdings gelte die Regelung nicht flächendeckend für die gesamte Region. In Tibet gab es einen Zuschlag von bis zu 35 Prozent. Global rangiert die zweitgrößte Volkswirtschaft mit ihren Mindestlöhnen auf Rang 159 - 15 Prozent unterhalb des Durchschnitts.

"Der Grund, weshalb China so billige Arbeitskräfte hat, ist nicht nur das Übermaß an Menschen, das zur Verfügung steht. Es ist auch durch eine ganze Reihe politischer Entscheidungen so weit gekommen", sagt Ökonom Yao. Dazu zähle unter anderem das System der Meldebescheinigungen, der Hukou. Arbeitern, die auf dem Land geboren sind, wird konsequent die Stadtbürgerschaft verwehrt, selbst wenn sie jahrelang in einer der Metropolen ihr Geld verdienen. So werden ihnen die Rechte eines Stadtbürgers wie subventionierte Bildung für die Kinder oder bessere gesundheitliche Versorgung vorenthalten.