Cebit "Da brennt doch der Dachstuhl"

Roboter auf der Cebit in Hannover: Kritiker sagen, dass in Deutschland noch viel zu wenig für die Entwicklung von künstlicher Intelligenz getan werde.

(Foto: Focke Strangmann/EPA-EFE/REX/Shutterstock)

Auf der Cebit treffen sie sich wieder, die Ankündigungsweltmeister. Digitalisierung ist den Politikern wichtig. Doch Wissenschaft und Wirtschaft wollen endlich Taten sehen.

Von Helmut Martin-Jung, Hannover

Wie digital ist Deutschland? Auf dem Digitalisierungsindex der EU erreicht der Exportweltmeister nur einen bescheidenen Mittelplatz, und wenn es um die Verwaltung geht, wird es noch düsterer: Platz 23 von 28. Die erschütternde Diagnose kommt nicht etwa von der politischen Opposition oder Interessensgruppen. Sie kommt von der Bundesregierung. Stefan Schnorr ist Abteilungsleiter im Wirtschaftsministerium. "Das kann nicht unser Anspruch sein", sagt Schnorr auf der IT-Messe. Und tut dann das, was die deutsche Politik schon sehr lange tut: Er kündigt an, was nun passieren soll.

Doch das reicht vielen Akteuren aus Wissenschaft und Wirtschaft nicht mehr. "Wir werden an dem gemessen, was wir fertigbringen, nicht, was wir ankündigen", nennt Reimund Neugebauer, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, das Problem unverblümt beim Namen. In Deutschland betrage der Anteil von schnellen Glasfaser-leitungen fürs Breitbandinternet gerade einmal 2,1 Prozent, in Japan dagegen 76, "da brennt doch der Dachstuhl".

Christian Lamprechter, der Chef von Intel Deutschland, sieht es ähnlich: Die Frage sei ja gar nicht, ob die Verantwortlichen es womöglich immer noch nicht verstanden hätten, sondern: "Haben wir überhaupt die Infrastruktur? Da ist ja schon noch Luft nach oben." Ein wichtiger Schritt dabei ist die neue Mobilfunktechnik 5G, aber: "Haben wir da aus der Vergangenheit genug gelernt?", fragt Lamprechter. "Es wird nicht mehr gehen, dass wir erst Businessmodelle durchrechnen und dann starten. Wir sind ein Flächenland, und da braucht es eine flächendeckende Versorgung."

"Es fehlt ein Ökosystem für Start-ups."

Aber warum das alles, warum jetzt? Ginni Rometty, die charismatische Chefin des IT-Konzerns IBM, kann gar nicht oft genug betonen: "Wir erleben gerade eine Zeit des exponentiellen Lernens", Unternehmen könnten der Konkurrenz durch besseres Lernen davoneilen. Besseres Lernen, damit meint sie natürlich künstliche Intelligenz (KI). Erst diese Technologie erlaubt es ja, Daten in rasender Geschwindigkeit auszuwerten und zu bewerten. In den vergangenen Jahren ist die KI aus einem langen Winterschlaf erwacht, weil es ausreichend starke Rechner endlich zu bezahlbaren Preisen gibt, aber auch die nötigen Algorithmen dazu. Und sofort hat sich ein weltweites Wettrennen entwickelt. Deutschland und Europa sind zwar gut in der Grundlagenforschung, aber "es fehlt das Ökosystem für Start-ups", sagt Richard Socher.

Der gebürtige Dresdner ist mit nur 35 Jahren Chief Scientist des Software-Konzerns Salesforce und Professor in Stanford. "Die Wagniskapitalgeber haben mich armen Doktoranden angesprochen, ob ich nicht aus meinen Forschungen ein Start-up machen wolle", erzählt er. "Es war unglaublich stressig als kleiner Start-up-Unternehmer", sagt er, aber das Ökosystem im Silicon Valley unterstütze einen eben auch. Im Vergleich dazu, aber auch zu Kanada, China oder Großbritannien, sei in Deutschland "noch nicht so viel Konzentration" hinter dem Thema KI. Es werde zu wenig an konkreten Anwendungen künstlicher Intelligenz geforscht, zum Beispiel, wie sich Spracherkennung gezielt einsetzen lässt. Start-ups sollten erheblich besser gefördert werden.

Ganz neu sind diese Erkenntnisse nicht, weshalb es nicht verwundert, dass Peter Altmaier, seit wenigen Monaten neuer Wirtschaftsminister der großen Koalition, viele der wunden Punkte deutscher Digitalpolitik anspricht, als er nach einer Showeinlage, etwas Musik und vielen anderen Reden endlich die Cebit eröffnen darf. "Speed ist in der Luft", ruft er in den Saal. Neue Technologien entwickelten sich in wenigen Monaten, Arbeitsplätze gingen verloren. Neue entstünden zwar, aber nicht zwingend dort, wo sie wegfielen. In Summe: Noch gehe es Deutschland gut, aber "das Erfolgsmodell ist in Gefahr". Beim G-7-Gipfel in Kanada haben man viele Stunden über Zölle geredet. "Aber wenn man sich ansieht, welche Probleme wir sonst so haben, dann weiß ich nicht, ob es richtig ist, wenn die wichtigsten Politiker der Welt über Zölle auf Stahl und Aluminium und auf Motorräder und Whiskey reden." Tosender Applaus.

Viel Zustimmung auch für Altmaiers Forderung, die KI-Branche müsse ihre "PS auf die Straße bringen". Und: KI-Forscher müssten gute Angebote aus der EU bekommen, damit sie nicht auswanderten dorthin, wo sie bessere Arbeitsbedingungen bekommen, "sonst werden wir diese Auseinandersetzung nicht gewinnen". Fürchten müsse man sich vor KI nicht, sagt Altmaier, menschliche Intelligenz könne die künstliche im Zaum halten. Nur eines sagt Altmaier nicht. Dass es die deutsche Politik bisher nicht geschafft hat, wenigstens die Grundlagen für die digitale Erneuerung zu schaffen - einen guten Ausbau der Infrastruktur, eine gute digitale Aus- und Weiterbildung.

"Es fehlt eine Vision, wie eine digitale Gesellschaft entstehen kann."

Letzteres macht Gesche Joost mehr und mehr fassungslos. "Die digitale Spaltung nimmt zu", sagt die Wissenschaftlerin, Professorin für Designforschung an der Universität der Künste in Berlin. "Es fehlt eine Vision, wie eine digitale Gesellschaft entstehen kann." Bis zu zwei Drittel der Bevölkerung sähen sich auf die Veränderungen durch die Digitalisierung nicht genügend vorbereitet. "Wenn wir nicht strukturell was machen, werden wir noch weiter abgehängt", fürchtet sie, die Kinder würden nicht auf die Welt vorbereitet, in der sie einmal leben sollen.

Aber wieso kommt das industriell so starke Deutschland nicht voran bei der Digitalisierung? Frank Riemensperger hat dazu eine Theorie: "Wir setzen keine ambitionierten Ziele", sagt der Chef der Unternehmensberatung Accenture für die deutschsprachigen Länder. Seiner Meinung nach gibt es zu viele Basisthemen, die nicht in konkrete, skalierende Produkte umgesetzt werden. Skalierend, damit meint er, dass sie sehr schnell wachsen und sehr groß werden können. "Wir haben nicht verstanden, wie neue Geschäftsmodelle funktionieren", klagt er. Sie müssten immer ein neues Leistungsversprechen enthalten. Nur das sei skalierbar und könne einen Wirtschaftszweig umkrempeln.