bedeckt München 17°

Bundesbankpräsident Jens Weidmann:Immobilien in Großstädten sind oft überteuert

File photo of Weidmann, chief of Germany's Bundesbank

Kritiker einer zu lockeren Geldpolitik: Bundesbankchef Weidmann.

(Foto: Hannibal Hanschke/Reuters)
  • Jens Weidmann, Präsident der Bundesbank spricht zum Thema: Welche Rolle spielt die Stabilität an den Finanzmärkten für die Geldpolitik der Notenbanken?
  • Die EZB steht in Deutschland unter großem Rechtfertigungsdruck. Doch Weidmann sagt: "Diejenigen, die nun der EZB und der europäischen Politik die Schuld an der wirtschaftlichen Schwächephase in den Krisenländern geben, verwechseln Ursache und Wirkung."
  • Weidmann fordert, zu überdenken, wie die Risiken auf den Vermögensmärkten künftig geldpolitisch berücksichtigt werden. Denn eine Folge der ultra-lockeren Geldpolitik der vergangenen Jahre waren Sprünge bei den Preisen von Vermögensgütern wie Aktien oder Immobilien.

Ganz ohne Griechenland geht es dann doch nicht. Jens Weidmann, Präsident der Bundesbank und als solcher Mitglied im Rat der Europäischen Zentralbank, ist am Mittwochabend nach München gekommen, um zu einem immer wichtigeren Thema zu sprechen: Welche Rolle spielt die Stabilität an den Finanzmärkten für die Geldpolitik der Notenbanken? Darüber gibt es unter Fachleuten eine intensive Debatte. Weidmann will diese Debatte erklären. Zunächst aber geht es um den Euro, um die Staatsschuldenkrise, um das Programm zum Ankauf von Staatsanleihen. "Vorspeise" nennt er diesen Teil seiner Rede. Mit dem Entree trägt er dem großen Rechtfertigungsdruck Rechnung, dem die EZB in Deutschland ausgesetzt ist.

"Der Ausnahmezustand ist in der Geldpolitik mittlerweile zur Gewohnheit geworden", sagt er im voll besetzten Hörsaal der Münchner Universität. Angefangen mit der Staatsschuldenkrise habe die europäische Geldpolitik erheblich dazu beigetragen, eine weitere Eskalation der Krise im Euroraum zu verhindern. Es sind bekannte Argumente, neu aufgetischt. Die Erfolge von Griechenland bis Irland ließen sich an den Zahlen zur Wettbewerbsfähigkeit ablesen. Den "gravierenden Härten" für die Menschen in den Krisenländern stünden "unausweichliche Anpassungen" gegenüber. "Diejenigen, die nun der EZB und der europäischen Politik die Schuld an der wirtschaftlichen Schwächephase in den Krisenländern geben, verwechseln Ursache und Wirkung", sagt Weidmann.

Später erinnerte er an den damaligen EZB-Präsidenten Jean-Claude Trichet, der vor sechs Jahren ebenfalls auf Einladung der Süddeutschen Zeitung und des Ifo-Instituts einen Vortrag bei den Münchener Seminaren gehalten hatte. Auch damals sei die Inflationsrate in der Euro-Zone in den negativen Bereich gerutscht, auch damals seien gesunkene Ölpreise der Hauptgrund für die niedrige Inflation gewesen. So begründet Weidmann, warum er das Anleihekaufprogramm der EZB ablehnt: "Ich glaube, dass eine Geldpolitik der ruhigen Hand im Fall eines Ölpreiseinbruchs durchaus begründbar ist." Die Inflationsrate werde mittelfristig wieder steigen. Zudem sinke womöglich die Motivation der Krisenstaaten, zu reformieren - was langfristig die Fähigkeit der Geldpolitik beschädigen könne, für stabile Preise zu sorgen.

Eine Folge der ultra-lockeren Geldpolitik der vergangenen Jahre waren Sprünge bei den Preisen von Vermögensgütern wie Aktien oder Immobilien. Es drohen Preisblasen. Die Vermögenspreise stehen aber nicht im Fokus der Geldpolitik. Maßstab sind allein die Verbraucherpreise. Reicht das? Weidmann fordert, zu überdenken, wie die Risiken auf den Vermögensmärkten künftig geldpolitisch berücksichtigt werden. "Egal, ob Absicht oder Nebenwirkung: Geldpolitik beeinflusst den Risikoappetit der Finanzmarktteilnehmer und damit die Finanzstabilität." Deshalb dürfe sie nicht mit den Schultern zucken, wenn es Anzeichen für spekulative Übertreibungen gibt. Die Kurssprünge müsse man "sorgsam beobachten".

Zudem warnte Weidmann vor den Folgen steigender Immobilienpreise. Daten der Bundesbank legten nahe, dass es in deutschen Städten mittlerweile deutliche Übertreibungen gebe. "Wir gehen davon aus, dass die Preise zwischen zehn und 20 Prozent über den Werten liegen, die fundamental zu rechtfertigen wären", sagte der Notenbanker. In den angesagten Vierteln der Großstädte dürfte die Überbewertung noch darüber hinausgehen.

Von diesen In-Vierteln solle man aber nicht auf den Rest der Republik schließen, sagte er. "Für Deutschland als Ganzes ist nach wie vor keine substanzielle Überbewertung zu erkennen." Außerdem habe sich die Preisdynamik im vergangenen Jahr wieder merklich abgeschwächt. Von einer gefährlichen Immobilienblase möchte Weidmann denn auch nicht sprechen. Dazu fehlten zwei wichtige Zutaten, sagte er: kräftiges Kreditwachstum und ein steigender Verschuldungsgrad.