Buch über Goldman Sachs:"Die Wetten gehen weiter"

Banken sollen der gesamten Wirtschaft nutzen. Ihre Rolle ähnelt der von Energieversorgern, nur dass sie keinen Strom weiterleiten, sondern Geld. So werden aus den Ersparnissen von Privatleuten Investitionsmittel für Unternehmen. Im Fall von Goldman Sachs ist die Sache komplizierter. Die Investmentbank führt keine Sparkonten, sondern wickelt Anlagegeschäfte für Großinvestoren ab - darunter Pensionsfonds, Stiftungen und Universitäten. Zudem hilft sie Unternehmen bei der Platzierung von Aktien und Anleihen, treibt Kapital für junge Firmen auf.

"Allerdings machen produktive Aktivitäten heute nur noch einen Bruchteil des Geschäfts von Großbanken aus", sagt Smith. "Der sicherste Weg, an der Wall Street Geld zu verdienen, ist es, arglosen Klienten komplexe Produkte anzudrehen." Den Banken gehe es nicht mehr darum, Wohlstand zu mehren, sondern darum, Wohlstand abzuschöpfen. Smith steht mit diesem Urteil nicht allein. Moderne Banken erfüllen keinen sozialen Nutzen, hat der oberste britische Finanzaufseher Lord Adair Turner festgestellt.

Goldman bestreitet nicht, dass vor der Finanzkrise einiges schief gegangen ist. 2010 sah sich die Bank sogar gezwungen, 550 Millionen Dollar zu zahlen, um eine Klage der US-Börsenaufsicht auszuräumen. Aber das sei Vergangenheit, heißt es nun, man gewinne das Vertrauen der Klienten zurück und spekuliere nicht mehr mit eigenem Geld. Die Abteilung für den Eigenhandel wurde abgestoßen. Smith kennt diese Argumente: "Die Wetten gehen weiter, nur dass sie nicht mehr Eigenhandel heißen, sondern im Klientengeschäft laufen." "Market Making" und "Hedging" sind die Fachbegriffe, hinter denen die Branche sich versteckt. Um ihren Handelspartnern einen liquiden Markt zu bieten, halten Banken Wertpapiere vor und springen als Käufer ein, wenn sich kein anderer findet.

Doch die Grenzen zur Spekulation sind fließend. Will die Bank auf fallende Zinsen wetten, braucht sie nur ihren Wertpapierbestand aufzublähen, schon kann sie auf Kursgewinne hoffen. Die Finanzreform, mit der die US-Regierung diesem Treiben Einhalt gebieten wollte, ist in wichtigen Teilen immer noch nicht umgesetzt.

"Es gilt nur eine Regel: Nimm, was du kriegen kannst, und soviel davon, wie möglich", sagt Smith. Aber er sagt auch: "Man kann das System nicht verändern, indem man gegen die Gier protestiert." Vielmehr müsse man die Machenschaften der Banken ans Licht bringen, um der Öffentlichkeit zu zeigen, wie sich Banker auf Kosten von Sparern bereichern. "Nichts fürchtet die Wall Street so sehr wie Transparenz."

© SZ vom 29.10.2012/fran/odg
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