Buch über Goldman Sachs:Wie ein Ex-Investmentbanker abrechnet

Zwölf Jahre hat der frühere Wertpapierhändler Greg Smith für Goldman Sachs gearbeitet. Dann wurde er abtrünnig, berichtete aus dem Innenleben eines "moralisch bankrotten" Finanzkonzerns. Er wird dafür wie ein Deserteur verfolgt. Jetzt legt Smith nach, an diesem Montag erscheint sein Buch. Eine Begegnung.

Moritz Koch, New York

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"Mr. Blank Check" - eine Anspielung auf Goldman-Sachs-Chef Blankfein bei einer Demonstration vor der Niederlassung der Bank in San Francisco.

(Foto: AFP)

"Sie fürchten das Licht", diese blassen Gestalten, die noch vor Sonnenaufgang aus den U-Bahn-Schächten an der Wall Street strömen. Das sagt Greg Smith, einer, der weiß, wovon er spricht. Er war ein Teil ihres Schwarms.

Smith marschiert im mattgrauen Anzug in das Restaurant, das als Gesprächskulisse dient. In seinem neuen Leben als Abtrünniger ist der 33-Jährige der Kleiderordnung der Investmentbanker treu geblieben. Zwölf Jahre hat Smith für Goldman Sachs gearbeitet, erst als Berufseinsteiger an der Wall Street, dann als Wertpapierhändler in London.

Goldman Sachs - keine andere Investmentbank ist so renommiert und so verrufen. Goldman ist ein Mythos. Ein Kult, der nur die Besten aufnimmt, der unermesslichen Reichtum verspricht, aber die totale Hingabe verlangt. Und der öffentlich einen Ehrenkodex propagiert, den er intern offenbar permanent verletzt.

Im März hatte Smith genug. Er kündigte mit einem Brandbrief, veröffentlicht in der New York Times. Die Resonanz war überwältigend. Smith berichtete aus dem Innenleben eines "moralisch bankrotten" Finanzkonzerns, dessen Mitarbeiter ihre Kunden als "Muppets" verhöhnen, als Deppen, an denen es sich zu bereichern gelte. Jetzt legt Smith nach, dieses Mal mit einem Buch. Nun erscheint die deutsche Übersetzung.

"Die Unersättlichen: Ein Goldman-Sachs-Banker rechnet ab", hat der Verlag getitelt. Das klingt wütend, dabei ist Smith vor allen eines: enttäuscht. "Ich habe mein Herz und meine Seele in Goldman investiert", sagt er. Für ihn war Goldman anders als der Rest der Wall Street. Ein Geldhaus mit Prinzipien. "Long-term greedy" nennt sich das Konzept: Gier ist gut, solange sie an das Wohl der Klienten gekoppelt ist. Bald erkannte Smith jedoch, dass Goldman nur behauptet, im Kundeninteresse zu agieren, tatsächlich aber abkassiert. "Das Finanzsystem ist kein freier Markt", sagt Smith. "Es ist ein Kasino, in dem die Bank die Karten aller Spieler kennt."

Es wird viel Unsinn über Goldman Sachs verbreitet, bis hin zu der albernen Verschwörungstheorie, dass die Investmentbank die Welt beherrsche. Smith behauptet nichts von alledem. "Goldman hat die Wahl", sagt er nur. "Entweder es besinnt sich auf die Werte zurück, die es groß gemacht haben. Oder es gibt zu, was es geworden ist: ein Hedgefonds." Der Finanzkonzern schlägt zurück, mit aller Macht. Eine interne Untersuchung, die an wohlwollende Journalisten lanciert wurde, charakterisiert Smith als unzufrieden, überambitioniert und nur mittelmäßig talentiert. Genüsslich verweist die Bank darauf, dass Smith 1,5 Millionen Dollar für sein Buch erhalten hat.

Die Kampagne war erfolgreich. Bisher ist das Presseecho auf Smith verheerend ausgefallen. Die Rezensenten in den USA lästern. Sie vermissen die ganz große Enthüllung und übersehen die vielen kleinen Übeltaten, die in den Handelssälen Alltag sind. "Ich glaube, dass es ziemlich skandalös ist, wenn Kunden systematisch überteuerte Produkte angedreht werden", sagt Smith. "Der Wall Street werden die Ersparnisse der ganzen Welt anvertraut; die Menschen müssen begreifen, was dort vor sich geht. Wenn ihr Pensionsfonds abgezockt wird, werden sie selbst abgezockt." Wer sich in New York umhört, findet frühere Goldman-Mitarbeiter, die Smith in vielen Punkten recht geben. Die von Selbstherrlichkeit, Eigennutz und Arroganz berichten. Nur wollen sie nicht mit ihrem Namen in der Zeitung stehen. Sie haben gesehen, wie Goldman mit Deserteuren verfährt.

"Die Wetten gehen weiter"

Banken sollen der gesamten Wirtschaft nutzen. Ihre Rolle ähnelt der von Energieversorgern, nur dass sie keinen Strom weiterleiten, sondern Geld. So werden aus den Ersparnissen von Privatleuten Investitionsmittel für Unternehmen. Im Fall von Goldman Sachs ist die Sache komplizierter. Die Investmentbank führt keine Sparkonten, sondern wickelt Anlagegeschäfte für Großinvestoren ab - darunter Pensionsfonds, Stiftungen und Universitäten. Zudem hilft sie Unternehmen bei der Platzierung von Aktien und Anleihen, treibt Kapital für junge Firmen auf.

"Allerdings machen produktive Aktivitäten heute nur noch einen Bruchteil des Geschäfts von Großbanken aus", sagt Smith. "Der sicherste Weg, an der Wall Street Geld zu verdienen, ist es, arglosen Klienten komplexe Produkte anzudrehen." Den Banken gehe es nicht mehr darum, Wohlstand zu mehren, sondern darum, Wohlstand abzuschöpfen. Smith steht mit diesem Urteil nicht allein. Moderne Banken erfüllen keinen sozialen Nutzen, hat der oberste britische Finanzaufseher Lord Adair Turner festgestellt.

Goldman bestreitet nicht, dass vor der Finanzkrise einiges schief gegangen ist. 2010 sah sich die Bank sogar gezwungen, 550 Millionen Dollar zu zahlen, um eine Klage der US-Börsenaufsicht auszuräumen. Aber das sei Vergangenheit, heißt es nun, man gewinne das Vertrauen der Klienten zurück und spekuliere nicht mehr mit eigenem Geld. Die Abteilung für den Eigenhandel wurde abgestoßen. Smith kennt diese Argumente: "Die Wetten gehen weiter, nur dass sie nicht mehr Eigenhandel heißen, sondern im Klientengeschäft laufen." "Market Making" und "Hedging" sind die Fachbegriffe, hinter denen die Branche sich versteckt. Um ihren Handelspartnern einen liquiden Markt zu bieten, halten Banken Wertpapiere vor und springen als Käufer ein, wenn sich kein anderer findet.

Doch die Grenzen zur Spekulation sind fließend. Will die Bank auf fallende Zinsen wetten, braucht sie nur ihren Wertpapierbestand aufzublähen, schon kann sie auf Kursgewinne hoffen. Die Finanzreform, mit der die US-Regierung diesem Treiben Einhalt gebieten wollte, ist in wichtigen Teilen immer noch nicht umgesetzt.

"Es gilt nur eine Regel: Nimm, was du kriegen kannst, und soviel davon, wie möglich", sagt Smith. Aber er sagt auch: "Man kann das System nicht verändern, indem man gegen die Gier protestiert." Vielmehr müsse man die Machenschaften der Banken ans Licht bringen, um der Öffentlichkeit zu zeigen, wie sich Banker auf Kosten von Sparern bereichern. "Nichts fürchtet die Wall Street so sehr wie Transparenz."

© SZ vom 29.10.2012/fran/odg
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