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Breitbandausbau:Twittern im Walde

Bäume im Internet, Coworking neben dem Güllewagen: Das Beispiel Brandenburg zeigt, dass auch das flache Land längst digital ist - und welche Probleme es dabei gibt.

Wer könnte das besser einsehen als hippe digitale Nomaden aus der Großstadt: Ohne Internet geht auch auf dem Land nichts mehr. Das erlebten Julianne Becker und Janosch Dietrich, als sie aus Berlin ins tiefste Brandenburg zogen. Das Paar plante ein Coworking-Space mitten im Nichts, weit weg von den Ablenkungen und der Hektik der Stadt. Gemeinsam mit Freunden räumten sie über Wochen eine verlassene Villa in Götzerberge bei Groß Kreutz im Landkreis Potsdam-Mittelmark auf. Richteten Schlaf- und Arbeitsplätze ein. Kochten für die Gäste, die dort in Abgeschiedenheit arbeiten wollten, "Workation" heißt das, ein Mischwort aus "work" für Arbeit und "vacation" für Urlaub. Die Probephase war ein voller Erfolg. Doch nach ein paar Monaten mussten Becker und Dietrich die Idylle verlassen - es gab kein stabiles Internet. Eine Lösung hätte bis zu 80 000 Euro gekostet, zu teuer für die Jungunternehmer.

Urlaub und Arbeit müssen nicht notwendigerweise Gegensätze sein.

(Foto: oh)

Anfang 2019 setzte Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) den Maßstab: "Schnelles Netz ohne weiße Flecken ist eine Frage der Daseinsvorsorge". Mehr noch, schnelles Internet sei "schlichtweg für den Zusammenhalt im Land" notwendig. Gerade der ländliche Raum könne von einer digitalen Vernetzung profitieren.

Kurz vor der Landtagswahl zog Woidke jetzt eine Zwischenbilanz der Digitalisierungsstrategie. Keinem Brandenburger soll entgehen, dass es hier voran geht. 300 Millionen Euro wurden bereits für Breitbandausbau, Mobilfunk und freies Wlan vom Land veranschlagt. Bis 2023 soll der Ausbau "fast überall" erfolgen. In den kommenden Jahren versprechen EU, Bund und Land außerdem rund eine Milliarde Euro in die Digitalisierung zu investieren. Der Digitalbeirat, der im Frühjahr 2018 gegründet wurde und einen Katalog aus 202 Maßnahmen und 10 Thesen formulierte, sendet das nötige Signal. These Nummer eins: "Digitalisierung wird das menschliche Miteinander fördern."

Die Betreiber von "Coconat" bieten Coworking und Coliving in der brandenburgischen Provinz an.

(Foto: oh)

An Julianne Becker und Janosch Dietrich, den hippen Berlinern, zeigt sich, das noch allerhand zu tun ist. Ja, sie sind noch in Brandenburg mit ihrer Geschäftsidee. Vier Jahre nach dem Versuch in Götzerberge sitzt Becker auf der Terrasse ihres neuen Workation-Ortes "Coconat". Er ist in einem alten Gutshof in Klein Glien bei Bad Belzig untergebracht, nur eine Stunde Autofahrt vom alten Ort.

Der neue Hof liegt an der Straße, abgeschieden ist das nicht. Dafür gibt es hier 100 Mbits/s

Das Geschäft läuft seit mehr als zwei Jahren, der Laden sei oft komplett ausgebucht, sagt sie. Während des Gesprächs muss Becker allerdings ab und zu ihre Stimme heben. Direkt neben dem Hof verläuft eine Landstraße. Jeden Tag passieren hier Hunderte von Autos, gerade fährt ein Lkw mit einer Gülleladung vorbei. Abgeschieden von der Zivilisation, so wie ihr erster Standort in Götzerberge, ist das hier nicht. Doch wer in Brandenburg ein Geschäft starten will, findet eben noch nicht überall die nötige Infrastruktur dafür vor. In Klein Glien dagegen ist die vorhanden. Unter der Straße liegen verheißungsvolle Kabel, die Übertragungsgeschwindigkeit beträgt 100 Megabits pro Sekunde, für "Coconat" eine Erfolgsgarantie.

Weit weg von den Ablenkungen und der Hektik der Stadt lässt es sich besser arbeiten, sind die Gründer überzeugt.

(Foto: oh)

Becker und ihr Team sind nicht die einzigen in Brandenburg, die auf eine gute Internetverbindung und verlässliches Mobilfunknetz hoffen. An Tanja Sanders und ihrer twitternden Buche in der Gemeinde Britz kann man sehen, dass der Bedarf an digitaler Infrastruktur heute bis tief in den Wald reicht.

Früher sollen in der Gegend 50 000 Russen stationiert gewesen sein, erzählt Sanders. Heute liegt das Waldstück, in dem die Buche steht, am Ende einer Reihenhaussiedlung etwa 60 Kilometer nordöstlich von Berlin. Es gehört dem Thünen-Institut in Eberswalde. Sanders betreut die Forstforschung, die hier seit 1972 gemacht wird. Die Waldökologin zeigt den Weg zur twitternden Buche, der Sensation, die beweisen soll, dass Digitalisierung und Provinz keine Gegensätze sind. Vom Stamm hängen Schläuche und Kabel, als wäre der Baum ein Patient im Krankenhaus. Ein Gerät misst, wie der Baumstamm täglich anschwillt und wieder schrumpft. Ein anderes zählt die Millimeter, in denen der Baum wächst. Ein weiteres ermittelt, wie viel Liter Wasser täglich von den Wurzeln in die Baumkrone aufsteigen und wieder absickern. Mit Hilfe einer Simkarte sendet die Buche seit etwa einem Monat unter @TW_Britz Nachrichten in die digitale Welt. So wie diese: "Today I've transported 15.6 Liter. How much water did you drink today?" Auch hier kennt man das Scheitern an der Verbindung, so wie einst bei Julianne Becker in Götzerberge. Eigentlich sollte eine Kiefer an einem anderen Standort twittern. Aber es habe immer wieder technische Probleme gegeben, nicht einmal eine Lösung mit zwei Simkarten und einem Signalverstärker funktionierte zuverlässig, erzählt Sanders. Vor kurzem wurde in der Nähe ein neuer Funkmast aufgestellt. Reiner Zufalls, sagt die Forscherin, aber gut fürs Experiment. Seitdem twittert die Buche sogar mit 4G.

Verkabelt wie ein Intensivpatient: Die Buche twittert unter @TW_Britz aus dem Wald in Brandenburg.

(Foto: Ekaterina Kel)

Es gibt also Lücken bei der Digitalisierung in Brandenburg, alles andere wäre ja auch ein Wunder. Wer mit Staatssekretär Thomas Kralinski spricht, erfährt, dass es aus seiner Sicht gar nicht vorrangig am Geld fehlt. Sondern an Firmen, die mit dem bereitgestellten Geld die notwendige Infrastruktur bauen.

Der neue Hof liegt an der Straße, abgeschieden ist das nicht. Dafür gibt es hier 100 Mbits/s

Der Digitalkoordinator sagt, dass trotz manchen Mangels schon viel geht - und das will er demonstrieren. Also wartet er nicht, bis das letzte Glasfaserkabel verlegt ist, sondern prescht schon mal vor. Fährt zu Imkern, die ihre Bienen mit einer App zählen und Obstbauern, die programmieren, welche Düsen ihre Heidelbeeren bewässern. Kralinski streichelt kleine Roboter von der Technischen Hochschule Wildau und hält Handys mit Stadt-Apps in die Kamera, die das Leben der Bürger vereinfachen sollen. Es wirkt, als ob sein Wahlkampf nicht vorrangig seiner Partei, der SPD, gilt, sondern der Digitalisierung.

Lohnt sich das alles, auch wenn er nach der Wahl mit seinem Parteibuch vermutlich nicht mehr gefragt ist, weil die Umfragewerte schlecht sind? Für Kralinski keine Frage. "Die Digitalisierung geht ja nicht weg", sagt er. Wenn Brandenburg weiter eine Rolle im wirtschaftlichen Wettbewerb spielen will, müsse es sich weiterentwickeln - egal, unter welcher Regierung. Im Übrigen sei man "gut aufgestellt". Auf dem digitalpolitischen Länderkompass des Verbands der Internetwirtschaft Eco nimmt Brandenburg den vierten Platz ein, als einziges ostdeutsches Bundesland in der Top Fünf. Das Netz müsse ausgebaut werden, keine Frage. Aber der eigentliche Ausbau finde in den Köpfen statt.

© SZ vom 29.08.2019
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