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Bezahlung:Google hat ein Problem mit Frauen

Die Google-Büroeinrichtung ist zeitgemäß (hier in Chicago), die Zusammensetzung der Belegschaft weniger.

(Foto: dpa)

Das US-Arbeitsministerium klagt: Es will die genaue Bezahlung der Mitarbeiter einsehen. Bisher weigert sich der Tech-Konzern.

Von Kathrin Werner, New York

Für die Unternehmen im Silicon Valley gehört es fast schon zum Alltag: Irgendeine Frau verklagt sie ständig. Prozesse wegen anzüglicher Sprüche, ungebetener Anbaggereien von Vorgesetzten, schlechterer Karrierechancen oder geringerer Bezahlung als männliche Kollegen überraschen in der amerikanischen Hightech-Industrie kaum noch jemanden. Doch das hier ist neu: Der Staat klagt. Und zwar nicht gegen irgendwen, sondern gegen das Aushängeschild des Silicon Valley: Google.

Das Arbeitsministerium der USA wirft Google vor, Frauen für die gleiche Arbeit weniger Gehalt zu zahlen als Männern. Die Untersuchung der Behörde widme sich "systematischen Unterschieden in der Bezahlung von Frauen und Männern in der ganzen Arbeitnehmerschaft", sagte Janette Wipper, die als Regionalchefin des Arbeitsministeriums für den Staat Kalifornien zuständig ist, in einer Gerichtsanhörung. Das Ministerium habe die Diskriminierung in den Gehaltsabrechnungen von 2015 bemerkt und will Google vor Gericht zwingen, frühere Abrechnungen zugänglich zu machen und der Behörde vertrauliche Gespräche mit Mitarbeitern zu ermöglichen. "Wir wollen verstehen, was die Unterschiede verursacht", sagte Wipper.

Sogar im notorisch unfairen Silicon Valley sei der Konzern "extrem"

Das Arbeitsministerium prüft, ob Google sich an die Ethikregeln des Staates hält. Das ist eine Routineuntersuchung, denn der Internetkonzern erhält Regierungsaufträge und muss deshalb mehr offenlegen und sich an strengere Vorgaben halten als andere US-Unternehmen. Die Behörde versuche schon seit September 2015, Einblick in die Daten von Google zu bekommen, teilte sie mit. Weil der Konzern sich weigerte, sei die Klage der nächste Schritt. Wenn die Lage eskaliert, könnte Google die Regierungsaufträge verlieren. Die Informationen, die dem Ministerium vorliegen, zeigten, dass die Lage bei Google selbst für das notorisch frauenunfreundliche Silicon Valley "extrem" sei, sagte eine Behördenvertreterin dem Guardian.

Google wies die Vorwürfe zurück. Es gebe keine Unterschiede zwischen der Bezahlung von Männern und Frauen. Einen Teil der gewünschten Unterlagen habe Google schon überreicht, es beeinträchtige die Privatsphäre der Mitarbeiter, wenn Google noch mehr Daten herausgäbe. Gerade mal drei Tage vor der Gerichtsanhörung hatte Google stolz verkündet, die Gehaltslücke zwischen Frauen und Männern, das sogenannte Gender Pay Gap, geschlossen zu haben. In einer Twitter-Meldung bot Google an, anderen Firmen dabei zu helfen, das Gleiche zu schaffen.

Für das Gehaltsgefälle in der Tech-Branche gebe es viele Gründe, sagte Harin Contractor, Wirtschaftsberater des Arbeitsministers unter US-Präsident Barack Obama, dem Radiosender NPR. Frauen nehmen zum Beispiel häufiger längere Zeit frei, um sich um Nachwuchs oder pflegebedürftige Eltern zu kümmern, was ihre Gehälter drückt. Für einen Teil des Gehaltsgefälles gebe es dennoch nur eine Erklärung: Diskriminierung. "Diese Unternehmen müssen sich ein bisschen mehr Mühe geben", sagte Contractor. Wenn fast ausschließlich weiße Männer entschieden, wer welchen Job zu welchem Gehalt bekommt, profitierten davon wiederum die weißen Männer. "Manchmal steckt man in seiner Blase fest. Das muss noch nicht einmal bewusst passieren." Google veröffentlicht seit 2014 Statistiken zur Zusammensetzung der Belegschaft. Frauen machen 31 Prozent der mehr als 70 000 Angestellten aus. Ein Fünftel aller technischen Berufe und weniger als ein Viertel aller Führungspositionen sind von Frauen besetzt. Nur zwei Prozent der Mitarbeiter sind schwarz, drei Prozent stammen aus Lateinamerika. Beide Gruppen sind damit - wie Frauen - deutlich unterrepräsentiert. Wie andere Hightech-Unternehmen hält Google Daten zur Gehaltsstruktur geheim. Fast alle schwören seit Jahren, Gehaltsunterschiede zu bekämpfen. Es passiert allerdings wenig. Als eine der Ausnahmen hat die Speichertechnik-Firma Salesforce im vergangenen Jahr drei Millionen Dollar ausgegeben, um die Löhne der Frauen anzupassen. Dieses Jahr haben weitere elf Prozent der Belegschaft deshalb eine Gehaltserhöhung bekommen, was wieder drei Millionen kostet.

Es laufen weitere Klagen des Arbeitsministeriums gegen IT-Konzerne, auch Oracle und Palantir wirft die Behörde Gehaltsdiskriminierung vor. Es ist aber unklar, wie es mit den Prozessen unter der Regierung von Donald Trump weitergeht, sie beruhen auf Vorgaben seines Vorgängers. Trump hat schon einige von Obamas Antidiskriminierungs-Regeln aufgehoben.

Das Gender Pay Gap ist kein amerikanisches Phänomen und längst nicht auf die Technologiebranche beschränkt. In Deutschland liegt der Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern derzeit bei 21 Prozent. Das Statistische Bundesamt hat diese Zahl für alle Arbeitsplätze in Betrieben mit mindestens zehn Beschäftigten berechnet, mit Ausnahme der Landwirtschaft, öffentlichen Verwaltung und der privaten Haushalte.

Frauen entscheiden sich zwar häufiger für schlechter bezahlte Berufe, allerdings ergibt sich selbst dann noch ein Lohnunterschied, wenn man nur Männer und Frauen in der gleichen Position, Erfahrung und Qualifikation miteinander vergleicht: Gleich ausgebildete Frauen verdienen in Deutschland für gleiche Arbeit sechs Prozent weniger. In den meisten europäischen Ländern ist das Gender Pay Gap deutlich kleiner.

© SZ vom 11.04.2017
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