Bertelsmann-Stiftung Dunkle Wolken über der Denkfabrik

Die Bertelsmann-Stiftung gilt als eine der einflussreichsten Denkfabriken. Nun ermittelt die Münchner Staatsanwaltschaft gegen ein Vorstandsmitglied, den prominenten Wissenschaftler Werner Weidenfeld. Der Verdacht: Er soll Spesen falsch abgerechnet haben.

Von Kristina Läsker

Das hat es bei der Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh bisher nicht gegeben: Dort, wo regelmäßig Politiker, Wissenschaftler und andere Vordenker durch die Glastür in eine der bekanntesten Denkfabriken dieses Landes schreiten, hielt am 20. Juni ein Wagen der Kriminalpolizei.

Gabriele Kokott-Weidenfeld und ihr Mann Werner Weidenfeld posieren vor der Eröffnung der Bayreuther Festspiele 2006

(Foto: Foto: ddp)

Die Beamten waren nicht gekommen, um über moderne Verwaltungsstrukturen bei der Polizei zu diskutieren - sie waren vielmehr auf Hausdurchsuchung.

Auf Anordnung der Münchner Staatsanwaltschaft wollten die Beamten Akten von Stiftungsvorstand Werner Weidenfeld beschlagnahmen. "Es besteht der Verdacht der Untreue", bestätigt der Münchner Oberstaatsanwalt Anton Winkler die Ermittlungen im Hause Bertelsmann.

Die Strafverfolger verdächtigen den an den Münchner Universität aktiven Politik-Professor Weidenfeld, die Bertelsmann Stiftung im Jahr 2004 bei kleineren Spesen- und Reiseabrechnungen betrogen zu haben. So habe er zum Beispiel private Essen mit Freunden als Geschäftsessen abgerechnet. Bei diesen Spesen handele es sich aber "höchstens um einen vierstelligen Betrag", sagt Winkler. Besonders pikant: Das Verfahren geht zurück auf anonyme, aber sehr konkrete Hinweise.

Einflussreiche Stiftung im Zwielicht

Die Ermittlungen werfen einen Schatten auf eine der einflussreichsten Stiftungen des Landes. Die Gütersloher betreiben momentan etwa 60 Projekte, die sich mit sozialen, wirtschaftlichen und ordnungspolitischen Themen des Gemeinwesens befassen und oft Pilot- und Modellcharakter haben. Die Stiftung ist stimmrechtsloser Großaktionär von Bertelsmann. Sie hält 76,9 Prozent der Anteile an dem Medienkonzern, was ihr ein Jahresbudget von etwa 70 Millionen Euro beschert. Der Verdacht der Untreue richtet sich mit Werner Weidenfeld gegen einen ihrer prominentesten Vertreter.

Der rührige Wissenschaftler kooperiert seit 20 Jahren mit dem Haus, seit 1992 sitzt er im Stiftungsvorstand. Der 60-Jährige ist über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt: Er berät Politiker und Konzernchefs, ist Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse und leitet das Centrum für angewandte Politikforschung (CAP) in München mit etwa 100 Mitarbeitern.

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