Süddeutsche Zeitung

Bertelsmann-Stiftung:Dunkle Wolken über der Denkfabrik

Die Bertelsmann-Stiftung gilt als eine der einflussreichsten Denkfabriken. Nun ermittelt die Münchner Staatsanwaltschaft gegen ein Vorstandsmitglied, den prominenten Wissenschaftler Werner Weidenfeld. Der Verdacht: Er soll Spesen falsch abgerechnet haben.

Das hat es bei der Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh bisher nicht gegeben: Dort, wo regelmäßig Politiker, Wissenschaftler und andere Vordenker durch die Glastür in eine der bekanntesten Denkfabriken dieses Landes schreiten, hielt am 20. Juni ein Wagen der Kriminalpolizei.

Die Beamten waren nicht gekommen, um über moderne Verwaltungsstrukturen bei der Polizei zu diskutieren - sie waren vielmehr auf Hausdurchsuchung.

Auf Anordnung der Münchner Staatsanwaltschaft wollten die Beamten Akten von Stiftungsvorstand Werner Weidenfeld beschlagnahmen. "Es besteht der Verdacht der Untreue", bestätigt der Münchner Oberstaatsanwalt Anton Winkler die Ermittlungen im Hause Bertelsmann.

Die Strafverfolger verdächtigen den an den Münchner Universität aktiven Politik-Professor Weidenfeld, die Bertelsmann Stiftung im Jahr 2004 bei kleineren Spesen- und Reiseabrechnungen betrogen zu haben. So habe er zum Beispiel private Essen mit Freunden als Geschäftsessen abgerechnet. Bei diesen Spesen handele es sich aber "höchstens um einen vierstelligen Betrag", sagt Winkler. Besonders pikant: Das Verfahren geht zurück auf anonyme, aber sehr konkrete Hinweise.

Einflussreiche Stiftung im Zwielicht

Die Ermittlungen werfen einen Schatten auf eine der einflussreichsten Stiftungen des Landes. Die Gütersloher betreiben momentan etwa 60 Projekte, die sich mit sozialen, wirtschaftlichen und ordnungspolitischen Themen des Gemeinwesens befassen und oft Pilot- und Modellcharakter haben. Die Stiftung ist stimmrechtsloser Großaktionär von Bertelsmann. Sie hält 76,9 Prozent der Anteile an dem Medienkonzern, was ihr ein Jahresbudget von etwa 70 Millionen Euro beschert. Der Verdacht der Untreue richtet sich mit Werner Weidenfeld gegen einen ihrer prominentesten Vertreter.

Der rührige Wissenschaftler kooperiert seit 20 Jahren mit dem Haus, seit 1992 sitzt er im Stiftungsvorstand. Der 60-Jährige ist über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt: Er berät Politiker und Konzernchefs, ist Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse und leitet das Centrum für angewandte Politikforschung (CAP) in München mit etwa 100 Mitarbeitern.

Lesen Sie weiter, was der Beschuldigte sagt.

Dunkle Wolken über der Denkfabrik

Weidenfeld selbst weist alle Vorwürfe von sich: "Da ist nichts dran, ich habe mir nichts vorzuwerfen"', sagte er der Süddeutschen Zeitung. Er sei schon von der Staatsanwaltschaft befragt worden: "Die Vorwürfe sind längst widerlegt, es handelt sich um Kleinkram." Auffällig sei, so Weidenfeld, dass ein anonymer Hinweis verfolgt werde: "Das ist eine gezielte Strategie der Rufschädigung."

Kuratorium distanziert sich

Bis der Verdacht geklärt ist, wird die Münchner Staatsanwaltschaft nach eigener Aussage noch ein bis zwei Monate benötigen. Aber selbst wenn Weidenfeld Recht behält, könnte sein Image bereits beschädigt sein: In der Stiftung mehren sich die Gerüchte, dass die stellvertretende Vorsitzende Liz Mohn, die Gattin von Firmengründer Reinhard Mohn, und ihre Vertrauten von Weidenfeld abrücken.

Im nächsten Jahr wird dem Gremium - wie auch dem Aufsichtsrat - der derzeitige Konzernchef Gunter Thielen vorstehen, der schönste Pläne hat. Die ostwestfälische Stiftung soll international werden, mit Dependancen in Washington und Moskau. Da stört eine kleine Spesenaffäre in heimischen Gefilden nur.

Auffällig ist, wie distanziert sich das Kuratorium der Stiftung, eine Art Aufsichtsrat, zu dem Verdacht äußert: "Das Kuratorium hat seit Kenntnis der Vorwürfe eine zurzeit noch andauernde interne Prüfung der Vorgänge veranlasst", sagte dessen Chef Dieter Vogel, der auch dem Aufsichtsrat von Bertelsmann vorsteht. "Die Bewertung der Ergebnisse wird zeigen, welche Maßnahmen gegebenenfalls getroffen werden müssen." Worte, die Weidenfeld bis zum Beweis der Schuld in Schutz nehmen, enthält der Text nicht.

Die Ermittlungen treffen die Stiftung in einem schlechten Moment. Zeichnet sich doch ab, dass die Einrichtung des Medienkonzerns Bertelsmann den Kontakt zu wichtigen Gesprächspartnern im Land verliert. So beschloss die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi auf ihrem jüngsten Bundeskongress, nicht mehr mit der Stiftung zusammenzuarbeiten. Verdi wirft der gemeinnützigen Denkfabrik vor, sich zu stark von kapitalistischen Konzerninteressen leiten zu lassen.

Die Stiftung beschere der Bertelsmann-Tochter Arvato neue Geschäfte, indem sie sich dafür einsetzt, dass öffentliche Tätigkeiten privatisiert werden, argwöhnt Verdi. "Wir haben den Eindruck, dass die Bertelsmann-Stiftung ihren politischen Einfluss benutzt, um den öffentlichen Dienst gezielt auf die 'feindliche' Übernahme von privaten Unternehmen à la Arvato vorzubereiten."

Die Stiftung hat dazu eine klare Gegenmeinung: Sie spricht von einem "offensichtlichen Missverständnis".

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SZ vom 23.10.2007/jja
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