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Bei uns in London:Mehr Gerechtigkeit auf den Toiletten

Zumindest auf einigen stillen Örtchen der englischen Hauptstadt könnte bald Geschlechtergerechtigkeit herrschen. Der Bürgermeister fordert mehr Toiletten für alle im öffentlichen Raum.

Das Thema weckt bei Politikern, Verbandsvertretern und Wissenschaftlern ein dringendes Bedürfnis, sich zu äußern: Londons Bürgermeister Sadiq Khan präsentierte nun neue Richtlinien für Stadtplaner, und darin fordert er, mehr geschlechterneutrale Toiletten an öffentlichen Plätzen, in Einkaufszentren, Sporthallen oder Theatern zu bauen. Solche stillen Örtchen grenzen Männer oder Frauen nicht aus; jede und jeder kann jedes Klo besuchen. Das ist angenehm für Menschen, die sich nicht eindeutig auf ein Geschlecht festlegen lassen wollen, die sich als Frau in einem Männerkörper fühlen oder umgekehrt oder die eine Geschlechtsumwandlung hinter sich haben.

Doch Kritiker lehnen Khans Vorstoß ab: Eine konservative christliche Organisation klagt, hier siege Ideologie über Vernunft und biologische Tatsachen, ein Ratsherr der EU-feindlichen Partei Ukip sagt, der Verzicht auf reine Frauentoiletten sei gefährlich. Forscher melden sich ebenfalls zu Wort - und verteidigen den Sozialdemokraten Khan, der 2016 als erster Muslim zu Londons Bürgermeister gewählt wurde. Luc Bovens ist Professor an der London School of Economics and Political Science, Alexandru Marcoci wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der angesehenen Universität. Beide beschäftigen sich aus akademischer Sicht mit Toiletten, und sie argumentieren, dass geschlechterneutrale WCs nicht nur Menschen ohne eindeutiger sexuellen Identität helfen, sondern auch Frauen.

Denn die müssen dank dieser Toiletten nicht mehr so elendig lang warten, wie die Wissenschaftler vorrechnen. Bei ihrem Modell geht das Duo davon aus, dass Männer im Durchschnitt zwei Minuten auf stillen Örtchen verbringen und Frauen drei. Die Forscher vergleichen zwei Szenarien: In einer Kneipe gibt es eine Frauentoilette mit sechs Kabinen und eine Herrentoilette mit drei Kabinen und drei Urinalen. Innerhalb einer Stunde müssen 150 Männer und 150 Frauen aufs Klo. Männer warten der Computersimulation zufolge 27 Sekunden vor dem Klo, bevor sie Erleichterung finden, Frauen hingegen schockierend viel länger - sieben Minuten und 40 Sekunden.

Dann werden die Toiletten geschlechterneutral gestaltet. Die drei Urinale werden durch eine weitere Kabine ersetzt, sodass nun ein WC mit vier und eins mit sechs Plätzen Erlösung bieten. Beide Toiletten können von allen Gästen genutzt werden. In diesem Fall müssen sämtliche Besucher, Frauen wie Männer wie in Geschlechterfragen Unentschlossene, durchschnittlich drei Minuten anstehen.

Für Frauen hat sich die quälende Wartezeit also mehr als halbiert. Dafür müssen sich Männer stärker in Geduld üben. Bei Gehalt und Aufstiegschancen sind Frauen in London, Europas Bankenkapitale, immer noch gegenüber Männern im Nachteil. Doch zumindest auf einigen stillen Örtchen der Stadt könnte bald Geschlechtergerechtigkeit herrschen.

© SZ vom 08.12.2017
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