Bei uns in Frankfurt:Ein bisschen autofrei

Lesezeit: 1 min

Der Mainkai, eine mehrspurige Autostraße in Frankfurt, ist seit Sommer 2019 für Autos gesperrt. Nun tobt ein politischer Streit darüber, ob die Sperrung verlängert werden soll oder nicht. Wohlgemerkt: Es geht um 700 Meter.

Von Markus Zydra

Der französische Sozialphilosoph André Gorz machte sich im Jahr 1973 inspirierende Gedanken über die autofreie Stadt. Der Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel allein, so meinte er, reiche nicht aus, um dieses Ziel zu erreichen. Vielmehr müssten sich die Leute "in ihrem Stadtviertel auf menschlicher Ebene zu Hause fühlen und von ihrer Arbeit mit Vergnügen zu Fuß nach Hause gehen - zu Fuß oder allenfalls ihr Fahrrad besteigen." Große politische Ziele brauchen einen kleinen Anfang. In Frankfurt sammelt man in dieser Hinsicht gerade Erfahrungen.

Der Mainkai, eine mehrspurige Autostraße, ist seit Sommer 2019 für Autos gesperrt. Anwohner, Kinder, Skater und Jogger haben auf dem Asphalt die Herrschaft übernommen. Begeisterte Bürger berichten von einem neuen Lebensgefühl. Doch die aktuelle Sperrung könnte Ende August aufgehoben werden, es tobt der politische Streit darüber, ob man diesen Verkehrsversuch nicht fortsetzen sollte. Vor allem streitet man sich über die Frage, welche Folgen die Sperrung für die Fließgeschwindigkeit des umliegenden Stadtverkehrs hat. Messungen im März zeigten, dass Autofahrer auf einem Abschnitt abends im Schnitt 96 Sekunden länger unterwegs waren. Das klingt so, als ob Autofahrer das verschmerzen könnten. Allerdings sollen die Messungen nicht berücksichtigt werden, weil der Verkehr aufgrund der Corona-Pandemie weniger dicht war. Erneute Messung? Straße gleich wieder öffnen? Den Abschnitt in einen Park verwandeln? Es geht wohlgemerkt um den nur rund 700 Meter langen Mainkai - das Straßennetz der Innenstadt umfasst Hunderte Kilometer. Die autofreie Stadt, für die der Sozialphilosoph Gorz einst so wunderbare Worte gefunden hatte, wird es wohl auch in Frankfurt noch lange nicht geben.

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