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Bahnreisen:Zug weg, Geld weg?

Deutsche Bahn

Für Verspätungen unter 60 Minuten bekommt der Fahrgast nichts erstattet. Ein Viertel des Ticketpreises bekommen Kunden zurück, wenn sie mehr als eine Stunde später am Ziel ankommen. Ab zwei Stunden gibt es die Hälfte zurück.

(Foto: Matthias Schrader/dpa)

Wer bei Verspätungen der Bahn Geld zurück haben möchte, kann Start-ups mit dem lästigen Papierkram beauftragen.

Von Jacqueline Hadasch, München

Verspätungen der Deutschen Bahn kosten Kunden oft doppelt Zeit: Weil Betroffene zu spät zum Zielort gelangen und weil es ziemlich aufwendig ist, eine Rückerstattung der Fahrtkosten zu beantragen. Kunden bekommen ein Viertel des Ticketpreises zurück, wenn sie mehr als eine Stunde später am Ziel ankommen. Grundsätzlich gibt es ab einer zweistündigen Verspätung die Hälfte wieder. Dafür müssen Bahngäste ein umfangreiches Papierformular ausfüllen, etwa mit Zugnummer, Ankunftszeit und Belegen für etwaige Ersatzfahrten. Ausgedruckt, per Post versendet oder persönlich eingereicht, so will die Bahn ihre Verspätungszettel.

Das geht auch anders, fanden Michael Zierlein, 32, und Sebastian Hennig, 25. Vor rund zwei Jahren gründeten sie das Start-up Lateback. Deren App ermöglicht es Betroffenen, Anträge online zu stellen. Dafür nehmen Zierlein und Hennig viel Papierkram in Kauf. "Vor Corona haben wir dadurch an Spitzentagen 7000 bis 8000 Anträge erhalten", erzählen die Gründer. Die meisten davon gingen an Nahverkehrsverbände. Rund 300 davon seien für die Deutsche Bahn - die drucken die beiden aus und bringen sie zur Post. Den Konzern haben die Gründer Ende 2019 in ihre App integriert. Zunächst nahmen sie 50 Cent pro Antrag. Seit Februar dieses Jahres ist der Service gratis.

Durch die kostenlose Dienstleistung wollen sie das Bahnfahren bequemer machen, sagen die Gründer, beide selbst Pendler. So solle Lateback motivieren, das Auto stehen zu lassen. Deshalb macht das Start-up aus Darmstadt die App nicht zum Profitbringer - und finanziert den Gratis-Service über andere Projekte. "Unser Geld verdienen wir nicht mit der App, sondern wenn wir Software an Unternehmen verkaufen", erzählen Zierlein und Hennig. Die beiden vertreiben zum Beispiel Analysetools an Mobilitätsfirmen. Daher habe der kostenlose Service bei Lateback einen willkommenen Nebeneffekt: Die App soll mehr Firmenkunden anlocken.

Allerdings wirken sich die schwindenden Passagierzahlen während Corona auch auf Lateback aus: Im April 2020 seien die eingehenden Anträge um knapp 90 Prozent eingebrochen, heißt es. Doch langsam erholen sich die Zahlen wieder: "Wir sind bei 30 bis 40 Prozent des Volumens von vor Corona angelangt", sagen die Jungunternehmer.

Auf dem kleinen Markt für digitale Erstattungsanträge wetteifern etwa sieben Start-ups. Konkurrent Refundrebel betont, man sei nicht bloß digitaler Postbote und sende Anträge zur Deutschen Bahn. Die Firma aus Ludwigshafen übernimmt nach eigenen Angaben auch die Kommunikation mit dem Konzern, falls es Rückfragen zur Erstattung gibt. Im Gegenzug behält das 2017 gegründete Start-up 16,5 Prozent jeder Entschädigungszahlung ein.

Genau wie Lateback will auch Refundrebel Software an Geschäftskunden verkaufen. Man biete Firmen an, Geschäftsreisen per Bahn anonymisiert zu überwachen, sagt ein Firmensprecher. Bei Verspätungen sende ein Tool dann automatisch einen Antrag für die anteilige Kostenerstattung zur Bahn. Davon profitieren besonders Arbeitgeber. Buchen Arbeitnehmer Geschäftsreisen mit der Bahn selbst, können sie bei Verspätungen die Erstattung behalten - und dem Arbeitgeber den vollen Fahrpreis in Rechnung stellen. Durch die Software bekämen Arbeitgeber die Zahlungen. Auch bei Refundrebel sei durch die Pandemie ein Großteil der Anträge privater Fahrgäste weggebrochen. "Allerdings konnten wir Geschäftskunden für die Verspätungsüberwachung hinzugewinnen."

Pro Bahn sieht in dem Service der Start-ups keinen großen Mehrwert

Die meisten Start-ups auf dem Markt richten sich aber an Endkunden. Auch die Plattform RE.X bietet ein Onlineformular für Bahngäste an. Ein Antrag kostet hier 1,09 Euro. Bei Robin Zug zahlen Kunden für den Rückerstattungsservice zwischen 69 Cent und 1,99 Euro - je nach Höhe der Entschädigung.

Der Fahrgastverband Pro Bahn sieht in dem Service der Start-ups allerdings keinen großen Mehrwert für die Bahngäste. Auch in den Onlineformularen müssten die Kunden etliche Angaben machen. Daher würden die digitalen Anträge nur wenig Zeit sparen. Die Verbraucherorganisation Stiftung Warentest hingegen nennt die Serviceidee "bequem und günstig". Allerdings bemängeln die Verbraucherschützer, dass Kunden oft lange auf Entschädigungszahlungen warten müssten. Wenn es schnell gehen muss und etwas teurer sein darf, solle man den Erstattungsanspruch gegen eine sofortige Auszahlung tauschen, empfiehlt das Testportal. Beispielsweise beim Anbieter Bahn-Buddy - gegen eine Provision von rund 15 Prozent der Entschädigung.

Unterdessen will die Deutsche Bahn Erstattungen beschleunigen: per digitalem Antragssystem, das im ersten Halbjahr 2021 eingeführt werden soll, so die Bahn. Weder Lateback noch Refundrebel fürchten deshalb um ihre Nutzer. "Die beste digitale Lösung wird sich durchsetzen", sagen die Gründer.

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