Autozulieferer:Schlampern in Hannover

Continental lieferte jahrelang Autoteile mit zu hohem Bleigehalt

Leiterplatten-Produktion in Nürnberg: Jetzt hat Continental Ärger.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Continental verkaufte Bauteile mit zu hohem Bleigehalt

Von Angelika Slavik, Hannover

Der einst so erfolgsverwöhnte Zulieferkonzern Continental durchlebt gerade turbulente Zeiten. Erst vor zwei Wochen musste das Unternehmen seine Ergebnisprognose für das zweite Halbjahr verringern, schon wieder. Bereits 2018 gab es bei Conti zweimal eine Gewinnwarnung. Es holpert also in Hannover. Und nun könnte es noch schlimmer kommen.

Das Unternehmen hat offenbar über Jahre hinweg elektronische Bauteile mit einem zu hohen Bleigehalt verkauft. Man habe eine "geringfügige Überschreitung" der gesetzlichen Grenzwerte festgestellt, teilte Continental mit. Demnach ist der Fehler bei Conti selbst festgestellt und Anfang Juni den Behörden gemeldet worden. Betroffen seien demnach Bauteile, die mehrheitlich seit 2016 ausgeliefert und zum Beispiel als Kondensatoren in Leiterplatten eingesetzt wurden.

Conti ist einer der wichtigsten Arbeitgeber in Niedersachsen, entsprechend eng sind die Verbindungen zwischen Unternehmen und Politik. Niedersachsens Umweltministerium beeilte sich daher zu versichern, dass vom überschrittenen Grenzwert keine Gefahr für Mensch oder Umwelt ausgehe: Die Komponenten seien fest in den Fahrzeugen verbaut und keinem Verschleiß ausgesetzt. Auch Conti betonte, dass im Recyclingprozess die gesamte Bleimenge zurückgewonnen werde.

Der Autozulieferer hat die problematischen Bauteile nach eigenen Angaben von einem chinesischen Unternehmen bezogen und dann weiter verbaut. Bei Conti hieß es, man habe dabei eine gesetzliche Regelung übersehen - die Bauteile dürfen zwar in Nutzfahrzeugen in über 3,5 Tonnen legal verbaut werden, nicht aber in anderen Fahrzeugklassen. Der Fehler sei in Hannover passiert, nicht in China.

Continental legte gleich ein solides Krisenmanagement an den Tag: Man habe dem Umweltministerium in Hannover bereits einen Maßnahmenplan vorgelegt, um die Bleimenge in den Bauteilen "umgehend" auf das gesetzlich erlaubte Maß zu senken, teilte das Unternehmen mit. Im Ministerium hieß es, man prüfe den Plan - man kann davon ausgehen, dass der vorab bereits abgesprochen und entsprechend positiv aufgenommen werden wird.

Trotz der krisendiplomatischen Bemühungen ist jedoch bislang unklar, welche Folgen die illegal verbauten Komponenten haben könnten. Nach Branchenschätzungen könnten die Bauteile in Millionen von Fahrzeugen praktisch aller Hersteller weltweit zu finden sein. Bei Conti konnte man dazu noch keine Angaben machen, weil sich die Grenzwerte für Schwermetalle in den Komponenten mehrfach geändert hätten. Ob ein behördlicher Rückruf droht, ist bislang unklar. Gleiches gilt für die Frage, ob der Fehler bei Continental Folgen für die Neuzulassung von Fahrzeugen haben könnte. Beim Unternehmen hieß es, nach aktuellem Wissensstand seien bevorstehende Neuanläufe von Fahrzeugserien "durch die Umstellung nicht gefährdet". Die Überschreitung sei mit 0,0003 Gramm Blei pro Bauteil zudem sehr gering.

Auch Bosch hat Probleme mit Elektroteilen, in denen offenbar zu viel Blei drin ist

Die Bild am Sonntag berichtete allerdings, das Kraftfahrt-Bundesamt KBA verlange von Conti und den Herstellern nun Gutachten und eidesstattliche Versicherungen darüber, dass der Bleigehalt in allen Bauteilen gesetzeskonform sei.

Bei Continental versucht man jedenfalls mit Nachdruck in der aktuellen Krise ein besseres Bild abzugeben als die Autohersteller im Dieselskandal. In Hannover räumt man gleich die eigene Schuld ein und gelobt Besserung: Viele der insgesamt rund 51 000 verschiedenen Komponenten, die man jedes Jahr zukaufe, werde man künftig an besonders strengen Grenzwerten ausrichten, teils über die gesetzlichen Vorgaben hinaus. Das ist wohl auch ein Versuch, die Öffentlichkeit milde zu stimmen - und mit ihr das Kraftfahrtbundesamt.

Conti ist mit seinem Blei-Problem nicht alleine: Auch der Zulieferer Bosch hat in Elektroteile für Autos Komponenten mit zu hohem Bleigehalt eingebaut, bestätigte das Unternehmen am Sonntag. Man sei vor einigen Wochen auf das Problem aufmerksam gemacht worden und habe die Auslieferung potenziell betroffener Produkte daraufhin gestoppt. Zu Art und Anzahl der illegalen Bauteile gab es zunächst keine Angaben.

© SZ vom 12.08.2019
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