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Autoindustrie:Elektrifizierung von Dingolfing

Platzsparend: Elektromotor, Getriebe und die Steuerung sind nun in einem Gehäuse untergebracht.

(Foto: oh)

BMW will bei der Elektromobilität Fortschritte machen und eröffnet im größten deutschen Werk eine neue Fertigungslinie. Das Wort Tesla nimmt keiner in den Mund. Mit Ausnahme des Ministerpräsidenten.

Von Max Hägler, Dingolfing

Auch wer nicht gesagt bekäme, was die ganzen Menschen in kurzen blauen Hosen und die Roboter zusammenschrauben: dass es um Strom geht, ist schnell klar, hier in diesen weitläufigen Hallen in Niederbayern. "Hochspannung! Vorsicht Lebensgefahr" steht auf etlichen Schildern. Und die Arbeiter haben einen kleinen Blitz auf ihre Hemden genäht bekommen. Sie sind ausgebildet in Stromdingen, wissen um die Gefahren und die Chancen der Elektromobilität. Und es werden immer mehr hier in Dingolfing, im größten Fahrzeugwerk von BMW in Europa.

An diesem Donnerstag hat die Fertigung der fünften Generation des Elektroantriebs begonnen. Nun sind Elektromotor, Getriebe und die Steuerung dafür in einem Gehäuse untergebracht. Kleiner sind die Motoren, die etwa im neuen Model iX3 zum Einsatz kommen sollen. Sie brauchen weniger teure Rohstoffe, kommen komplett ohne begehrte Metalle wie Seltene Erden aus. Entwickelt wurden sie zu großen Teilen bei BMW selbst. Ein technischer Fortschritt, der Geld spart. Und den die Manager nutzen, um zu zeigen, dass man tatsächlich auf dem Weg ist. "Schon 2022 werden wir allein in Dingolfing E-Antriebe für über eine halbe Million elektrifizierte Fahrzeuge pro Jahr fertigen", sagt Vorstandschef Oliver Zipse. Um ihn haben sie irgendwie zwei Elektroautos zwischen die Förderbänder gequetscht. Überall in der Halle bohrt, hämmert, dröhnt es.

Gut möglich, dass die Regie die Produktion ganz bewusst laufen lässt. Denn die Botschaft hier soll sein: "BMW redet nicht nur über Zukunft", wie es Zipse formuliert. "BMW liefert Zukunft in Serie." Ein hübscher Werbesatz, der auch schon seine Relevanz hat. Die ganze Industrie ist in einem Rennen um die neuen Antriebe. Zum einen, weil die Politik in einigen Regionen - China und Europa zuvorderst - immer mehr E-Autos einfordert. Zum anderen, weil diese Elektrosache attraktiv ist für viele Kunden: Tesla macht es vor, hat in den USA im Oberklassebereich die deutschen Premiumhersteller beinahe abgehängt bei den Stückzahlen. Und ist im Begriff den europäischen Markt aufzurollen, gerade wird nahe Berlin der Baugrund für die erste Tesla-Fabrik auf diesem Kontinent bereitet. Schon im kommenden Jahr sollen die Bänder dort anfahren.

Zipse und seine Kollegen ersparen sich, den Firmennamen dieses gefährlichen Konkurrenten auszusprechen. Das übernimmt Markus Söder. Der bayerische Ministerpräsident ist seit seinem Amtsantritt Stammgast bei dem Münchner Autobauer. Es ist ja auch immer angenehm für alle, weil man sich ganz ohne jede Zurückhaltung gegenseitig mit Freundlichkeiten überschüttet. Da bedankt sich Zipse "ganz speziell" bei Söder für den "beherzten und konsequenten Einsatz für eine zukunftsfähige Industrielandschaft". Und der wiederum meint, dies sei "ein Tag von Glaubwürdigkeit und Hoffnung zusammen": Was hier in Dingolfing entstehe, weise weiter hinaus als über die kurzfristige Bewältigung der Corona-Krise, stehe für den notwendigen Umbau der Autoindustrie hin zu nachhaltigen Antrieben. Und dafür brauche es "nicht nur amerikanische Hersteller", sagt Söder, der BMW sowieso für "den FC Bayern der Wirtschaft" hält.

Aber was ist da nun mit Tesla und deren Führung in Sachen Elektromobilität? Er bewundere Elon Musk, antwortet Söder. Was der in der Raumfahrt mache, das sei wirklich allererste Klasse. Und er, Söder, sei ja Fan, mithin ein bisschen Experte. Aber Söder ist auch Autoexperte. Und wenn es um den Autobau gehe, dann sehe er Deutschland schon noch ein bisschen vorn. Und er sei guter Dinge, dass dies auch so bleibe, wenn sie von Strom angetrieben werden.

© SZ vom 03.07.2020

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