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Augsteins Welt:Unter der Matratze

Diese Kolumne schreiben Franziska Augstein und Nikolaus Piper im Wechsel. Illustration: Bernd Schifferdecker

Immer mehr Banken fordern eine Gebühr auf Geldeinlagen. Kein Wunder, wenn die Leute ihr Erspartes lieber zu Haus aufbewahren.

John Locke hielt Versklavung für legitim: Wer da einen Krieg anfängt und unterliegt, so fand der große Aufklärungsphilosoph, dürfe samt Mann und Maus vom Sieger in Besitz genommen werden, ohne Rücksicht darauf, ob Mann und Maus ganz aus freien Stücken im Feld gewesen waren. Dessen ungeachtet sprach Locke dem Liberalismus das Wort, der Stärkung der Bürgerrechte gegen fürstliche Autokratie. Er erwog, wie ein Gemeinwesen funktionieren könne. In heutigem Deutsch gesagt, kam er zu dem Schluss: Ein bisschen Staat müsse schon sein.

Die Bürger, so Locke, würden unausgesprochen einen Vertrag eingehen, demzufolge sie sich bewährten Richtlinien unterwerfen, ohne um ihre explizite Zustimmung jeweils gebeten zu sein. Diese Idee von der stillschweigenden Übereinkunft ist simpel, weil nach der Erfahrung formuliert. Entsprechend gilt Lockes Wort heute für das Geld. Spätestens seitdem der US-Präsident Nixon 1971 erklärte, von nun an sei der Dollar nicht mehr durch Goldreserven gedeckt, ist Geld eine Frage des Kredits. Kredit - in dem Begriff steckt das Wort "Glauben" - bekommt nicht jeder.

Die Deutschen, das dürfte ein Erbe ihrer Geschichte sein, sind versessen auf das Solide, das Haltbare. Die Abschaffung der D-Mark wurde allgemein beklagt. Selbst einige Ökonomen trauern der D-Mark nach. An den Euro, den sie in der Tasche haben, glauben die meisten Deutschen mittlerweile aber auch. Wohlgemerkt: in der Tasche, nicht in der Luftikus-Sphäre des digitalen Nirwana. 2017 bezahlten die Deutschen 47,6 Prozent ihres Konsums in bar statt auf andere Weise. Anfang 2018 gaben in einer Umfrage 67 Prozent der Angesprochenen an, "wenn es kein Bargeld mehr gäbe und nur noch mit Karte oder elektronisch bezahlt werden könnte", fänden sie das "schlecht". In Schweden und Estland sind die Menschen längst weiter; da werden Pfennigbeträge elektronisch vom Konto abgebucht. Sind die Deutschen, die berühmten Waldliebhaber, womöglich Hinterwälder, weil eine Mehrheit auf Bargeld nicht verzichten möchte?

Der Finanzanalyst Ulrich Horstmann ist gegen Bevormundung jeglicher Art. Zusammen mit dem Münchner Wirtschaftsprofessor Gerald Mann hat er jetzt die aktualisierte 7. Auflage einer Apologie für das Bargeld publiziert: "Bargeldverbot. Alles, was Sie über die kommende Bargeldabschaffung wissen müssen" (Finanz-Buch-Verlag). Allein schon der Titel - "die kommende Bargeldabschaffung" - ist eine Fanfare.

Ohne Bargeld gäbe es angeblich weniger Terrorismus und Steuerhinterziehung

Einige Experten rechnen damit, dass viele Banken auf Dauer nicht bestehen, am schnellsten könnte es die Sparkassen treffen. Die Einlagen der Kunden werden bis auf Weiteres kaum Rendite erzielen. Ohne Zinseinkünfte können die Sparkassen nicht überdauern. Das Bankwesen muss sich umstellen: Die allgemein erwünschte, für das Wirtschaftswachstum nötige Inflation von zwei Prozent in florierenden Industriestaaten wird so bald nicht kommen. Diese zwei Prozent sind übrigens eine aus der Luft gegriffene Ziffer, die vermutlich gewählt wurde, weil sie hübsch rund ist und niemandem wehtut: Zwei Prozent Schwund pro Jahr am Geld- und Wertpapiervermögen sind verschmerzbar, zumal damit in der Bundesrepublik in früheren Jahrzehnten gerechnet wurde.

Heute gibt es zu wenig Inflation. Und es gibt kaum Zinsen auf das Ersparte. Vielmehr stehen Negativzinsen ins Haus, einige Banken haben sie für ihre Kunden schon eingeführt. Was machen da die sogenannten Kleinsparer? Ja, was machen sie wohl? Bevor sie dafür zahlen müssen, dass sie gespart haben, heben sie ihr Geld ab und verstecken es unter der Matratze. Wilhelm Busch lässt grüßen.

An diesem Punkt nimmt das Buch "Bargeldverbot" Fahrt auf. Die Frage ist nun nämlich: Wie können die Staatstragenden und die aufs Überleben trachtenden Banken verhindern, dass die Leute ihre Ersparnisse abheben und zu Hause bunkern? Einige Wirtschaftswissenschaftler schlagen vor: Es solle kein Bargeld mehr geben.

Käme es zur Abschaffung des Bargelds, würden dafür Gründe herangezogen, die umso peinlicher sind, als sie jetzt schon mit ostentativer Überzeugung vorgetragen werden (leider war von Wolfgang Schäuble zu seiner Zeit als Finanzminister im Bezug auf die avisierte Abschaffung des 500-Euro-Scheins Ähnliches zu hören): Ohne Bargeld gebe es weniger Terrorismus, weniger Geldwäsche und weniger Steuerhinterziehung. Der Verstand der Finanzkoryphäen aus aller Welt, die dafür plädieren, muss in einem alten James-Bond-Film hängen geblieben sein: in einer Zeit, da man noch nicht digital Unsummen über den Globus transportieren konnte.

Ehrlicher wäre es laut den Autoren von "Bargeldverbot", den Sparern zu sagen, dass sie zum Konsum gezwungen werden sollen: "Mit einem langweiligen Angsthasen verdient die Bank wegen sinkender Zinsmargen immer weniger. Und der Staat nimmt immer weniger Abgeltungssteuern ein wegen des niedrigeren Zinsniveaus. Vor diesem Hintergrund haben beide, Banken wie Staat, ein Interesse an der Ausweitung des Konsums: Die Banken können nach Abschaffung des Bargelds an jeder Transaktion eine gute Marge verdienen, und der Staat nimmt immer mehr Umsatz- und Verbrauchssteuern ein."

Die Europäische Zentralbank liebäugelt mit dem digitalen Euro, mehr noch nicht. Und was sagt die Bundesbank? Dort konstatiert man: "Die ausgegebene Menge an Bargeld steigt kontinuierlich an." In Dortmund lässt die Bundesbank eine Filiale bauen, die das Ruhrgebiet "auf Jahrzehnte hinweg" mit Bargeld versorgen soll. Ein Sprecher sagt: Solange die Deutschen am Bargeld hängen, werde die Bundesbank es zur Verfügung stellen. Das ist - zur Abwechselung mal - eine gute Nachricht.

© SZ vom 13.12.2019
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