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Augsteins Welt:Klassengesellschaft

An dieser Stelle schreiben WZB-Präsidentin Jutta Allmendinger, Franziska Augstein und Nikolaus Piper jeden Freitag im Wechsel.

Britannien ist ein wohlhabendes Land. Aber die Austeritätspolitik der vergangenen Jahre hat die Armen abgehängt. Wie lebt man in Armut? Der schottische Autor Darren McGarvey erklärt es. Auch, warum so viele für den Brexit stimmten.

In den 90er-Jahren hatte Britannien sich zu "cool Britannia" hochgespielt, womit allerdings vor allem London gemeint war. Wer damals gedacht hatte, mit der englischen Klassengesellschaft gehe es zu Ende, der hat sich getäuscht. Sie hat lediglich Turnschuhe angezogen. Britannien wurde nicht so durchgerüttelt, wie es die Deutschen nach den Niederlagen in zwei Weltkriegen erlebten. In England ist die Unterteilung in Klassen immer noch lebendig - besonders bei den Bürgern, die keinen Platz in der schicken oder sogenannten guten Gesellschaft haben.

Nicht zufällig also ist ein exzellentes Buch über Armut von einem Briten verfasst worden: "Poverty Safari" (Picador, 2017). Der Autor, Darren McGarvey, will erklären, warum die britische Unterschicht wütend sei. Das Buch wurde preisgekrönt, es wurde ein Bestseller in Britannien und erklärt nebenbei, warum so viele Briten gegen ihre wirtschaftlichen Interessen für den Brexit stimmten.

Angeblich ist die Weihnachtszeit dazu da, die Christen an das Gute in sich und in der Welt zu erinnern. Viele erinnern sich vor allem an das Schlechte, das sie erlebt haben. An Weihnachten gibt es mehr Selbstmorde, mehr Gewalttaten und mehr Herzinfarkte als an anderen Tagen. Wer sich in der eigenen Haut halbwegs passabel fühlt, spendet in den Weihnachtstagen Geld für jene, denen es nicht gut ergeht: für Kranke, für Arme.

Von Armen handelt McGarveys Buch, das auf seiner Erfahrung basiert, einer Kindheit in einem verlorenen Viertel von Glasgow. Sein Vater war Geringverdiener, seine Mutter Alkoholikerin, und im Suff schlug sie ihren kleinen Sohn. Über Jahre hin wurde ihm eine wichtige diplomatische Lehre eingeprügelt: Er lernte, die Aggressivität seiner Mutter einzudämmen, indem er einen sechsten Sinn für ihre jeweilige Stimmung entwickelte.

Er lernte, nicht zu sagen, was er dachte; er sagte nur, was seine Mutter hören mochte. Vielleicht auch deshalb erwarb er sich sprachliche Ausdruckskraft; seine Aufsätze auf der Schule waren gut, und er begann zu rappen. In jungen Jahren wurde er vom BBC-Radio entdeckt: Da war einer, der zwischen der Unterschicht und den besser Situierten vermitteln konnte. McGarvey bemerkte aber bald, dass es der BBC nicht um ihn und sein Talent ging, sondern bloß um einen sprachkräftigen Vertreter der Unterschicht. Er soff, nahm Drogen, wurde Alkoholiker, war obdachlos, fand Hilfe bei staatlichen Stellen. Heute ist McGarvey Mitte dreißig. 2015 war er der erste "Rapper-in-residence" bei einer Gewaltpräventionseinheit von Schottlands Polizei. Jetzt hat er eine Familie. Für sich, seine Geschwister, seine Familie und alle hat er sein Buch geschrieben.

Die Armen gehen nicht mehr wählen. Die Politiker reden zu anderen: Es ist ein Teufelskreis

Wer arm ist, steht ohne Pause unter Stress, was das konzise Denken konstant behindert. Jeden Tag aufs Neue stellt sich die Frage, wie es weitergeht, woher das Essen kommen soll. Man muss Ämter aufsuchen, Formulare ausfüllen, die Bedürftigkeit immer wieder neu begründen. Das ist demütigend. In Britannien wurde 2008 ein Gesetz erlassen, dessen Kern McGarvey so beschreibt: Eine alleinstehende Mutter bekomme staatliche Unterstützung für ein drittes Kind nur, wenn sie glaubhaft machen könne, dass dieses dritte Kind bei einer Vergewaltigung gezeugt wurde.

Die Austeritätspolitik der britischen Konservativen hat ihrem Land übel getan. Man schielt nach dem Verhältnis zwischen Bruttosozialprodukt und staatlicher Schuldenaufnahme. Wie die Menschen die Ausdünnung des Sozialstaats vertragen, ist dabei ziemlich einerlei. Frühere Politiker der Tory-Partei verstanden sich als Vertreter der ganzen Nation. Mittlerweile ist die Idee verbreitet, ein Minister müsse sich wie ein CEO verhalten, der sein Unternehmen an die Börse bringen will.

Die Wut all jener, die dabei zurückgelassen werden, ist ziemlich groß und speist sich auch aus dem Umstand, dass sie sich von den Politikern nicht mehr angesprochen fühlen. Sie gehen nicht mehr zur Wahl. Deshalb, schreibt McGarvey, sprechen die arrivierten Politiker aller Parteien vornehmlich zu besser situierten Schichten, deren Angehörige wählen gehen. Der Teufelskreis ist damit geschlossen.

Hilfsorganisationen, die sich um Arme kümmern, helfen laut McGarvey wenig: "Dieser Sektor, dazu gehören die Künste, die Medien, Wohlfahrtsorganisationen und andere, benimmt sich wie eine Imperialmacht. Arme Gemeinden werden als primitive Kulturen betrachtet, die modernisiert, auf die Reihe und auf Vordermann gebracht werden müssen."

An sich, schreibt McGarvey, sei die Idee des Forderns und Förderns ja gar nicht schlecht; nur dass sie halt über die Köpfe der Leute hinweg in die Tat umgesetzt werde - als könnten Menschen nicht selbst denken, nur weil sie arm sind. Überhaupt würden soziale Probleme so kompliziert erörtert, dass weniger gebildete Bürger nicht mehr mitkommen. Allzu oft würden gesellschaftliche Übel "unsichtbaren Kräften oder Strukturen" zugeschrieben. Die Angehörigen der Unterschicht blieben außen vor, seien in das, was dann "Diskurs" genannt werde, nicht einbezogen. Das störe die Leute, schreibt er, und deshalb fühlten sie sich auch von wohlmeinenden Initiativen wenig angesprochen.

Die Pro-Brexit-Kampagne warb mit dem Slogan "Take back control". Was immer der intelligente, ruchlose Selbstdarsteller und Ex-Außenminister Boris Johnson damit meinte: Bei den Wählern kam das an. Menschen wollen Kontrolle über ihr Leben haben. Psychologen nennen das "Selbstermächtigung". Hätte man mit demselben Slogan ein Referendum über die Abschaffung der repräsentativen Demokratie oder der Gravitationskraft des Mondes anberaumt, wären sicherlich viele Wähler aller Schichten und Klassen dafür gewesen.

© SZ vom 14.12.2018
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