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Areva-Chefin Lauvergeon zwischen den Wahlen:Atomic Anne muss warten

Den deutschen Windradhersteller Repower kaufen oder Ministerin in Frankreich werden? Areva-Chefin Anne Lauvergeon kann mit den Wahlen viel gewinnen - und noch mehr verlieren.

An der Frau ist vieles ungewöhnlich. Sie ist gerade 47 und steht schon seit sechs Jahren an der Spitze eines Unternehmens mit knapp elf Milliarden Euro Umsatz und 61000 Mitarbeitern.

Die britische Presse nennt sie "Atomic Anne" - die Areva-Chefin hat es geschafft, schon so manche Regierung zu überleben. Doch mit der Wahl am 6. Mai könnte sich das ändern.

(Foto: Foto: AP)

Dabei handelt es sich auch noch ausgerechnet um den größten Atomkonzern der Welt: Areva. Themen wie Kernspaltung, Brennstoffe oder Urananreicherung sind Anne Lauvergeons Spezialgebiete.

Auf Sitzungen und Konferenzen ist die Französin oft weit und breit die einzige Frau, und zwar eine, die ihre Weiblichkeit nicht versteckt, zumindest äußerlich nicht. Im Umgang dagegen kann die Mutter von zwei Kindern so ruppig sein wie ein Kerl. Durchsetzungsvermögen ist bei ihrem Job allerdings auch gefragt. Denn der ist so politisch wie kaum ein anderer in der französischen Industrie.

Der indische Konkurrent Suzlon

Dass er im Land der aristokratisch gefärbten Eliteschulen ausgerechnet der Tochter eines Gymnasiallehrers und einer Sozialarbeiterin zufallen sollte, ist eine weitere Besonderheit, die Lauvergeon auszeichnet.

Sie schaffte die Aufnahmeprüfung der renommierten Pariser Ingenieurshochschule Ecole des Mines, doch ihr Berufsleben startete sie als Physiklehrerin. Nichts deutete damals daraufhin, dass sie eine der einflussreichsten Frauen der Welt werden würde.

In dieser Woche stehen nun zwei Hürden an, die über Lauvergeons berufliche Zukunft entscheiden: die Wahl in Frankreich und das Auslaufen der Bieterfrist für Repower, falls die nicht noch einmal verlängert wird.

Letzteres ist noch ein vergleichsweise harmloses Ereignis: Legt Lauvergeon im Übernahmekampf um den deutschen Windradhersteller nach und sticht sie den Konkurrenten Suzlon am Ende aus?

Lauvergeon wäre das am liebsten. "Wir rechnen damit, dass die Windkraft, vor allem in Schwellenländern, ein sehr starkes und rentables Wachstum haben wird", sagt sie.

Hauptsache kein Kohlendioxid

Auch strategisch sieht sie keinen Widerspruch darin, dass ein Atomkonzern einen Hersteller von Windkrafträdern kauft. Alles, was nicht zum Ausstoß von Kohlendioxid beiträgt, hält die Atomlobbyistin für zukunftsträchtig. Warum erhöht sie dann nicht einfach?

Hier kommt die Politik ins Spiel. Areva ist ein Staatskonzern, der Staat hält direkt und über die Atombehörde CEA fast 85 Prozent. Am Ende muss der Wirtschafts- und Finanzminister allen wichtigen den Konzern betreffenden Entscheidungen zustimmen.

Mit dem derzeit noch amtierenden Minister Thierry Breton hat sich Lauvergeon jedoch überworfen, und er hält Repower im Moment ohnehin für zu teuer.

Dass die Frist, bis zu der Areva nachlegen muss, ausgerechnet zwischen den ersten und zweiten Wahlgang der Präsidentenkür fällt, macht die Sache für Lauvergeon knifflig.

Der Minister, dessen Zustimmung sie braucht, sucht sich längst einen neuen Job, weil er seinen bisherigen in jedem Fall verlieren wird. Lauvergeon dürfte sich daher eine neue Regierung mit einem Nachfolger herbeiwünschen, der wieder entscheidungswillig ist. Einerseits.

Sarkozy steht für Arevas Ende

Andererseits könnte es für Lauvergeon und Areva noch schlimmer kommen, unabhängig davon, ob die Stichwahl am 6. Mai eine rechte oder eine linke Mehrheit bringt: Die sozialistische Kandidatin Ségolène Royal will zwar mehr erneuerbare Energien, was Lauvergeons Position stärken könnte.

Unheil droht bei einem Sieg von Royal aber, weil sie den von Areva entwickelten neuen Druckwasserreaktor EPR in Nordfrankreich in Frage stellt. Lauvergeon weiß: Ein Exportschlager wird der Reaktor kaum, wenn er nicht einmal im eigenen Land gebaut wird, zumal der beschlossene Bau eines Prototypen des EPR in Finnland für viel Ärger sorgt.

Ein Ministerium als Trostpflaster

Mit dem konservativen Nicolas Sarkozy ist Lauvergeon nicht besser bedient. Der will die Karten zugunsten der mit ihm befreundeten Konzernlenker von Alstom und Bouygues neu mischen.

Der Atomkonzern Areva würde aufgeteilt und zum Teil an die Börse gebracht, Lauvergeon wäre die Verliererin der Umbaupläne, die griffbereit in der Schublade liegen. Darauf angesprochen, reagiert sie gereizt: "Warum sollte man kaputtmachen, was Erfolg hat? Da wäre man doch auf den Kopf gefallen."

Womöglich erklärt das Umbauszenario, warum derzeit in Paris hartnäckig das Gerücht kursiert, Lauvergeon könnte bei einer Wahl Sarkozys einen Ministerposten erhalten - als Trostpflaster für sie und als Vorzeigefrau für die Regierung.

Einleuchtend wäre das zwar nicht, wenn man bedenkt, dass der Sozialist François Mitterrand die Karriere von Lauvergeon förderte, und sie erst mal in die Industrie zur Bank Lazard und zum Telekomausrüster Alcatel flüchtete, als Jacques Chirac zum Präsidenten gewählt wurde.

Aber bei Lauvergeon ist, wie gesagt, vieles ungewöhnlich.