Anlagefonds:Bei Panik: drinbleiben!

Raubvogel vor Skyline

Noch herrscht schöne Stimmung in Frankfurt. Doch die nächste Finanzkrise kommt, irgendwann. Um die Folgen einzudämmen, sollen schärfere Auflagen für Anleger gelten.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

Eine Expertengruppe der EU will die Regeln für Investmentfonds ändern. Wenn die Kurse fallen, sollen Anleger nicht verkaufen dürfen. Damit soll Verkaufswellen im Falle eines Crashs vorgebeugt werden.

Von Markus Zydra

Der Ausbruch der globalen Finanzkrise vor zehn Jahren war ein Schock. Politiker und Börsen hatten mit so einer Katastrophe nicht gerechnet. Banken standen vor dem Kollaps, und Bürger mussten um ihre Ersparnisse fürchten. In Europa war man sich einig: Eine böse Überraschung wie diese darf nicht mehr passieren. Deshalb berief die EU-Kommission 2009 eine Expertengruppe. Den Vorsitz übernahm der ehemalige französische Notenbankchef Jacques de Larosière. Er sollte ein Frühwarnsystem aufbauen, das künftig rechtzeitig Alarm schlagen sollte, wenn die Stabilität des Finanzsystems gefährdet ist. So entstand 2010 der Europäische Ausschuss für Systemrisiken (ESRB).

In dem Gremium sitzen unter Vorsitz von Mario Draghi Notenbanker, Wissenschaftler und Finanzexperten. Sie sind der Seismograf der Finanzmärkte, ständig auf der Suche nach den größten Risiken für das Finanzsystem. Jetzt haben sie eines entdeckt: Nicht bei Banken und Versicherern, sondern in einem Sektor, dem viele Sparer ihr Vermögen anvertraut haben: die Investmentfondsbranche. In seinem neuesten Bericht warnt der ESRB, dass Aktien-, Renten-, Index- und Immobilienfonds im Ernstfall die Stabilität des Finanzsystem ins Wanken bringen könnten. Die Investmentfondsbranche verwaltet weltweit rund 80 Billionen Dollar. Das entspricht der globalen Wirtschaftsleistung. So viel Geld wird gefährlich, wenn es in einer Börsenpanik plötzlich in Bewegung gerät. Dann wollen viele Anleger gleichzeitig verkaufen, was den Preisverfall noch verstärkt. Das passiert so: Wenn Anleger ihre Fondsanteile abstoßen, dann muss die Fondsgesellschaft entsprechend viele Aktien verkaufen. Das senkt den Preis für das Wertpapier, was andere Anleger ermuntert, auch zu verkaufen. Es ist ein Wettrennen. Alle möchten noch den höchsten Schleuderpreis für ihre Wertpapiere kassieren, niemand will der letzte Verkäufer zum niedrigsten Preis sein.

Die Fondsbranche verwaltet weltweit rund 80 Billionen Dollar - ein gefährlich großes Volumen

Eine solche sich selbstverstärkende Panik kann, wie die globale Finanzkrise gezeigt hat, eine wirtschaftliche Rezession auslösen, das Überleben von Firmen und Arbeitsplätze wären gefährdet. Der ESRB möchte Panikverkäufe der Investmentfonds deshalb unterbinden. Finanzmarktaufsichtsbehörden sollen künftig in Notlagen den Verkauf von Fondsanteilen beschränken oder zeitweise aussetzen dürfen, so die Ausschuss-Empfehlung, die nun von der EU-Kommission aufgegriffen werden muss. Es gilt als wahrscheinlich, dass entsprechende Gesetze eingeführt werden. Die EU-Kommission müsste ansonsten ausführlich begründen, warum sie der Expertenempfehlung nicht folgt.

Wenn der Verkauf von Fondsanteilen in turbulenten Zeiten beschränkt würde, dann kämen Anleger nicht mehr so schnell an ihr Geld, wie sie es vielleicht möchten. Man kennt diese Art von Beschränkung bei offenen Immobilienfonds. Weil Häuser und Wohnungen nicht binnen weniger Minuten verkauft werden können, müssen Anleger, die aus solchen Fonds aussteigen wollen, entsprechende Fristen einhalten. Aber Aktien und Anleihen? Die sind an den Börsen jederzeit handelbar. Soll man da auch Haltefristen einführen? "Schon heute sind Aussetzung und Einstellung des Handels unter bestimmten Umständen möglich und zulässig", sagt Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. "Warum die bestehenden aufsichtsrechtlichen Instrumente hier nicht ausreichen sollen, erschließt sich mir nicht."

Die globale Investmentfondsbranche ist enorm gewachsen. Das verwaltete Vermögen hat sich von 55 Billionen Dollar im Jahr 2007 auf mehr als 80 Billionen Dollar erhöht. Die Gründe für das rasante Wachstum liegen im gestiegenen Wohlstand. Global ist die Anzahl der Sparer gewachsen, die Menschen werden älter und sind deutlich reicher als früher - im Durchschnitt zumindest. Wenn die Menschen in den Schwellenländern ihre Sparquoten weiter erhöhen, dann könnten, so der Chefvolkswirt der Bank of England, Andrew Haldane, bei einem Vortrag an der London Business School, die globalen Investmentgesellschaften bis 2050 rund 400 Billionen Dollar verwalten.

Es gibt einen weiteren Grund, warum Panikverkäufe der Fondsgesellschaften nun gefährlicher sind. Früher haben die Eigenhändler der Banken und auch Versicherungen Aktien aufgekauft, deren Preise stark gefallen waren. Dadurch wurde der Marktabschwung abgebremst. Der Eigenhandel ist den Banken heute verboten, und für Versicherer lohnen sich Aktien aufgrund strengerer Eigenkapitalreglen nicht mehr.

Der Finanzstabilitätsrat FSB, der Regulierungsvorschläge für die G 20-Staaten entwickelt, wird im nächsten Jahr entscheiden, ob die größten Geldverwalter wie Blackrock oder Pimco als "finanzsystemisch relevant" eingestuft werden. Dann würde den Fondsgesellschaften eine ähnlich strenge Aufsicht wie den Großbanken und Versicherern drohen, was die Investmentlobby verhindern möchte.

Jetzt überlegen die Experten, mit welchen Instrumenten man im Falle einer Börsenpanik den Geldabfluss aus Investmentfonds verringern könnte. Eine Möglichkeit bestünde darin, den Verkauf zu verteuern. Anleger müssten also drauflegen, wenn sie sich von Fondanteilen trennen wollten. Allerdings dürften viele Sparer, die voller Angst sind ihr Vermögen zu verlieren, diese Zusatzkosten in Kauf nehmen, um trotzdem ihre Aktien zu veräußern. Eine andere Möglichkeit wäre, die Rücknahme von Fondsanteilen zu beschränken ("Redemption Gates"). Anleger dürften dann beispielsweise nur zehn Prozent ihrer Fondsanteile pro Handelstag verkaufen. Die Fondsindustrie findet die Pläne gut. "Um Risiken aus größeren Anteilrückgaben bei offenen Publikumsfonds besser steuern zu können, sollten in Deutschland geeignete Instrumente wie "Gates" eingeführt werden", so der Fondsverband BVI.

Doch ob das auch den Anlegern nützt? Der Blick auf die vergangenen zehn Jahre zeigt, dass sich Geduld gerade in turbulenten Zeiten auszahlen kann. Der Dax ist zwischen 2008 und 2009 von 8000 auf 3600 Punkte gefallen. Inzwischen notiert das Aktienbarometer bei 12 200 Punkten. Wer damals in aller Hektik seine Fonds verkauft hat, der hat womöglich mehr Verluste gemacht als ihm lieb war. Die Krise auszusitzen hätte sich gelohnt. Vielleicht ist es da gar nicht so schlecht, wenn die Finanzaufsicht durch eine Beschränkung oder Aussetzung des Fondsverkaufs den Anleger "zwingt", eine Börsenpanik auszusitzen. Andererseits weiß man immer erst hinterher, wie es ausgegangen ist. Es gibt kein Gesetz, dass die Kurse an den Börsen nach einer Krise wieder stark ansteigen.

© SZ vom 09.03.2018
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