bedeckt München 13°

16.000 Arbeitsplätze in Gefahr:Helle Aufregung bei den staatlichen Klassenlotterien

Die Süddeutsche und Nordwestdeutsche Klassenlotterien befürchten angesichts der geplanten Einschränkung von Glücksspielen ihre Abschaffung.

Klaus Ott

Die Süddeutsche und die Nordwestdeutsche Klassenlotterie (SKL und NKL), die mit Fernsehshows und hohen Gewinnen regelmäßig Millionen von Loskäufern anlocken, haben möglicherweise bald ausgespielt.

Zwei, die sich mögen: Die SKL und Günther Jauch. Jauch moderiert die SKL-Show bei RTL.

(Foto: Foto: AP)

Beide Gesellschaften stellen sich darauf ein, bald keine Lose mehr via Fernsehen, Post und Telefon verkaufen zu dürfen, weil die Bundesländer diese Vertriebswege für Glücksspiele untersagen wollen. SKL-Direktor Gerhard Rombach erwartet, dass auch die SKL-Show mit Quizmaster Günther Jauch im Fernsehsender RTL unter das Verbot fällt. "Davon gehe ich aus."

Die 16 Länder, denen die SKL und die NKL gehören, würden auf diese Weise ihre eigenen Klassenlotterien abschaffen, warnen deren Chefs. Rombach hat nach eigenen Angaben den Freistaat Bayern und die anderen Eigentümer der SKL vor den Konsequenzen des neuen Lotteriegesetzes gewarnt, das die Ministerpräsidenten und Landesparlamente verabschieden sollen.

EU will Markt öffnen

In Deutschland wird das Glücksspiel weitgehend von den Bundesländern geregelt. Ein seit zwei Wochen vorliegender Gesetzentwurf sieht teilweise strikte Werbeverbote vor. Das trifft in erster Linie private Anbieter von Sportwetten, die via Internet aus dem Ausland agieren und dem staatlichen Toto-Angebot Oddset immer mehr Kunden wegnehmen, und eben die Klassenlotterien.

Rombach sagt, ihm sei von den Finanzministerien in Bayern und Baden-Württemberg bestätigt worden, dass die SKL nach der Verabschiedung des Gesetzes nicht länger Werbebriefe per Post in die Haushalte schicken und keine Lose mehr per Telefon verkaufen dürfe.

Über diese beiden Vertriebswege erziele die SKL mehr als 90 Prozent des Umsatzes. "Wir können dann keine neuen Kunden mehr werben." Rombach: "Wir sind in unserer Existenz bedroht." Das sagt auch NKL-Vorstandschef Günther Schneider. "Unser Absatz bräche sehr schnell zusammen, die NKL wäre am Ende."

Die beiden Klassenlotterien erlösen aus dem Verkauf ihrer Lose derzeit gut 1,3 Milliarden Euro im Jahr. Der größte Teil fließt in die ausgelobten Preise (Bargeld, Autos, Reisen, Häuser). Auch die 16 Länder profitieren bislang mit Steuern und Abgaben in Höhe von rund 300 Millionen Euro pro Jahr von ihren Klassenlotterien. Auf diese Einnahmen wollen die Länder offenbar verzichten, um ihr weit einträglicheres Lotto- und Totomonopol zu sichern, das ihnen jährlich mehrere Milliarden Euro bringt.

Offiziell dient das Monopol seit jeher dem Schutz der Bürger vor der Spielsucht. Da die Glücksspielbetriebe der Länder ihre Angebote über die Jahre hinweg aber stark ausgeweitet haben (Super 6, Keno, Bingo, Oddset) und zunehmend aggressiver um Kunden werben, lassen das Bundesverfassungsgericht und die EU-Kommission dieses Argument nicht mehr gelten. Der Verbraucherschutz sei durch die Staatslotterien längst nicht mehr gewährleistet, schrieb die Kommission der Bundesregierung.

Die Zeit zurückdrehen

Die EU will den deutschen Markt für private Sportwett-Anbieter aus dem Ausland öffnen und hat ein entsprechendes Verfahren gegen die Bundesrepublik eingeleitet. "Die Beschränkung von öffentlichen Glücksspielen" in Deutschland verstoße gegen die von den EU-Staaten vereinbarte Dienstleistungsfreiheit, teilte die Kommission bereits im Frühjahr der Bundesregierung mit.

Die dadurch unter Druck geratenen Länder wollen nun gewissermaßen die Zeit zurückdrehen und Glücksspiele im Internet ebenso verbieten wie die TV-Werbung und die "unverlangte Übermittlung von Werbematerial", um mit solchen Einschränkungen ihren Monopolanspruch rechtfertigen zu können.

Es sieht so aus, als wollten die Länder ihre Klassenlotterien opfern, weil diese weit weniger Geld in die Landeskassen bringen als Lotto und Toto, aber mehr Ärger verursachen. Besonders umstritten ist der Losverkauf per Telefon, den nur SKL und NKL so praktizieren. Von privaten Subunternehmern und Call Centern, die für die Klassenlotterien arbeiten, werden immer wieder Verbraucher ohne deren Einwilligung zu Hause angerufen, was rechtswidrig ist. Mehrere Gerichtsverfahren sind anhängig.

Der bayerische Finanzminister Kurt Faltlhauser sagt, ohne Telefonwerbung müsse sich die SKL "neu aufstellen" und das vorhandene Kundenpotential ausschöpfen. "Ein Verbot dieses Instruments wäre nicht das Ende der SKL."

Die Chefs von SKL und NKL sehen das anders und rechnen vor, dass 16.000 Arbeitsplätze in Gefahr seien. Davon sind aber nur einige hundert Stellen direkt bei den Klassenlotterien, also bei staatlichen Gesellschaften angesiedelt. Alles andere verteilt sich auf private Werbefirmen und vor allem auf die von ihnen beauftragten Call-Center.

© SZ vom 15.09.2006
Zur SZ-Startseite