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Modetrend:Bis zum Ellbogen in Luxus

Ein bisschen Eskapismus: Lange Handschuhe (v.o.) von Gucci, Dries Van Noten und No.21.

(Foto: Wall Street Journal???)

Wenn schon Krise, dann mit Allure: Lange Handschuhe sind das Accessoire der Stunde in diesem seltsamen Corona-Modeherbst.

Von Anne Goebel

Als Miley Cyrus im Mai des Schicksalsjahres 2020 der Welt einschärft, dass es jetzt wirklich allerhöchste Zeit ist, die Lage ernst zu nehmen, setzt sie auf zwei einprägsame Botschaften. Die eine steht in Brusthöhe auf dem T-Shirt der Sängerin: Wash.Your.Hands. Schön übersichtlich mit Punkten, dazu wilde Lippenstift-Schnute. Das Foto wird umgehend millionenfach geteilt. Das zweite Statement sind ihre geballten Fäuste in sehr engen, sehr langen roten Lacklederschläuchen. Das ist, unter Stil-Gesichtspunkten, fast prophetisch: Große Handschuhe sind das Accessoire der Stunde in diesem seltsamen Corona-Modeherbst.

Margiela oder Off-White, Lanvin, Dior und Givenchy: Zahlreiche Labels hatten bei den Schauen für die aktuelle Saison ihre Models mit armlangen Handschuhen aus Seide oder Leder ausgestattet. Das sah natürlich wunderschön und erlesen aus, hätte aber genauso gut ein Laufstegspleen bleiben können. Das wenigste von dem, was den Häusern aus Paris und Mailand so an dekorativem Beiwerk einfällt, findet ja den Weg an die durchschnittlichen Garderobenhaken, in die Mützenkisten und Schuhregale.

Doch bei den Handschuhen gibt es die langen Modelle jetzt auch von Asos, Zara oder Weekday. Zwar nicht aus butterweichem Luxusleder oder Taft, aber günstig zu haben für eine schnelle Verwandlung ohne Aufwand. Die Lust auf Mode mag nicht zurückkehren in einer unsicheren Zeit, in der niemand weiß, welcher Winter uns bevorsteht. Das heißt aber nicht, dass etwas Abwechslung nicht willkommen wäre, und eine Spur Dramatik offenbar auch.

"Opera Gloves", so der englische Begriff, geben jedem Outfit im Handumdrehen etwas Inszeniertes, selbst wenn sie zu einem guten Teil unter den Ärmeln des Herbstmantels verschwinden. Die Variante von Marine Serre in Neonpink lässt an die sehr junge Madonna denken. Und wer über das stoffbespannte Handgelenk noch eine Armkette streift, landet direkt bei Marilyn - eine schnelle Portion Eskapismus, das entspricht wohl gerade dem Bedürfnis vieler.

Ellbogenhohe Schutzhüllen im Alltag? Gar nicht so abwegig

Genau das hat andererseits die Rückkehr des "Opernhandschuhs" nicht besonders wahrscheinlich gemacht: Die Theatralik, das Formelle dieses Accessoires im buchstäblichen Sinne - netter Schnörkel, aber braucht man das? Ähnlich wie der Smoking oder das Abendjäckchen, das sich Damen im Schulterfreien früher gegen Zugluft bei der Festspielpremiere überlegten, können lange Handschuhe steif wirken und außerhalb eines Festzusammenhangs albern.

Großer Aufritt: Ein Entwurf von Fendi aus der aktuellen Herbstkollektion.

(Foto: Hersteller)

Aber es gibt eben auch die ikonischen Bilder: Marilyn Monroe mit schlängelnden Satin-Armen, Audrey Hepburns Eleganz in Frühstück bei Tiffany's. Dazu die Hygiene- und Abstandsregeln während der Pandemie, das Bedürfnis, möglichst wenig mit nackten Fingern zu berühren. Und plötzlich erscheint es gar nicht so abwegig, demnächst morgens nicht nur in die Herbstjacke zu schlüpfen, sondern in ein Paar ellbogenhohe Schutzhüllen. Es geht ja auch erstmal die unauffällige Variante aus Wolle.

Kurze Aufregung gab es im Sommer um den "glovemaker" der Queen, für die Handschuhe zu tragen das Normalste der Welt ist. Die Londoner Traditionsfirma Cornelia James geriet in die Schlagzeilen, als sie angebliche Antivirus-Handschuhe präsentierte, die von der britischen Boulevardpresse sofort zum "unglaublichen Musthave" erklärt wurden (über dessen durchschlagende Effizienz man dann nicht mehr viel hörte). Das aktuelle Interesse macht sich bei der Nachfrage in Manufakturen wie der von Cornelia James aber durchaus bemerkbar. Das gilt auch für den New Yorker Handschuhmacher Daniel Storto, der handgefertigte Modelle für Designer wie Dries Van Noten oder Emilia Wickstead herstellt.

Storto sagt, begonnen habe der Trend schon 2019 mit Lady Gagas Auftritt in schwarzen Ellbogen-Handschuhen bei den Oscars. Das sei "influential" gewesen, "damals wusste ich, dass sich etwas ändern wird". Vielleicht lag es zusätzlich daran, dass Lady Gaga damals wegen ihres Duetts mit Bradley Cooper dem versammelten Hollywood die Show stahl - jedenfalls tragen sie inzwischen alle: Es gibt Fotos von Beyoncé und Rihanna mit Glamourhandschuhen, von Zoë Kravitz, Ariana Grande, Bella Hadid.

Hubert de Givenchy wird 85

Audrey Hepburn in "Frühstück bei Tiffany's" hat den Mythos des Handschuhs geprägt.

(Foto: dpa)

Historisch gesehen bedeutet die hochglänzende Edelvariante eine Art Rückkehr zu den Wurzeln: Als im Barock der Handschuh als Aufputz in Mode kam, besprengte man am französischen Hof das neue Lieblingszubehör mit Duftwasser und übertrug die Herstellungsrechte den Parfümeuren - am Anfang stand der Handschuh als Luxusgegenstand. Die nach Frankreich verheiratete Italienerin Caterina de' Medici gilt als Erfinderin dieser Sitte. Und von der englischen Königin Elizabeth I heißt es, sie habe ein besonders prunkvoll verziertes Paar bei einem öffentlichen Auftritt vor lauter Eitelkeit gezählte einhundert Mal an- und ausgezogen.

So viel Zurschaustellung wird heute niemand mehr angemessen finden, aber ein wenig Theatralik ist schon im Spiel. Dior-Kreativdirektor Kim Jones hat sogar lange schmale Handschuhe für Männer entworfen, die kräftige Unterarme ungewohnt graziös erscheinen lassen. Vielleicht geht es im Herbst 2020 einfach darum, ein allgegenwärtiges Notfallzubehör in seine schönere Variante zu verwandeln. Jetzt, wo die Corona-Zahlen wieder steigen, kommt man diesem Bild kaum aus, ob am Fernsehschirm oder im Netz: Eine Ärztehand, von grünem Latex ummantelt, die einen Abstrich nimmt, mit Spritzen hantiert. Dann lieber der Opernhandschuh - wenn schon Krise, dann mit Allure.

© SZ/vs
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