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Mode:Espadrilles - Sonne am Fuß

Schon seit 90 Jahren werden die Espandrilles in einem spanischen Familienbetrieb hergestellt - noch immer auf den gleichen Maschinen wie damals.

Die Stoffschuhe finden sich heute sogar in den Kollektionen von Dolce & Gabbana oder Chanel. Ein Besuch in dem Betrieb, der sie herstellt.

Wahrscheinlich signalisieren diese Schuhe so sehr "Sommer!", weil auf den ersten Blick klar ist: Etwas anderes überleben die sowieso nicht. Ein satter Regenguss und die geflochtene Jutesohle fängt an, sich erst wie ein Schwamm vollzusaugen und dann aufzulösen. Oder langsam zu vermodern. Beides kein schöner Anblick. "Bei Regen gehen Sie lieber gleich barfuß", sagt Rafael Castañer, ein rundlicher Mittvierziger mit, erwartungsgemäß, Espadrilles an den Füßen. Wenn Castañer nichts Besseres einfällt, dann niemandem. Seine Familie stellt seit knapp 90 Jahren die berühmtesten dieser Juteschlappen her. Kein Schuh für die Ewigkeit, eher eine leichte Sommerliebe. Dafür eine, die fast jedes Jahr aufs Neue entflammt.

Irgendwann im Mai passiert es, wenn Europa die ersten heißen Tage erlebt. "Dann gehen die Verkäufe sprunghaft nach oben", sagt Castañer. Eis am Stiel, Flachs am Fuß, so ungefähr die Logik. Vergangenes und dieses Jahr noch einmal mehr, weil Espadrilles plötzlich auch in den Kollektionen von Saint Laurent, Valentino, Dolce & Gabbana, Fendi oder Chanel zu sehen waren. Aus Stoff, aus Leder, mit Nieten, geschnürt, mit Leo- oder Camouflage-Print, flach, auf Plateau oder mit Absatz - die Bandbreite ist unglaublich. Die Preisspanne auch: von 40 Euro bis 500 Euro ist alles dabei.

350 000 Stück pro Jahr werden gefertigt

Dabei wurden die Espadrilles, vermutlich benannt nach dem "Esparto"-Steppengras, ursprünglich von spanischen und französischen Bauern auf dem Feld getragen. Weil die Gras-Schlappen leicht, bequem, atmungsaktiv und eben günstiger als Lederschuhe waren. Lluís Castañer, Großvater von Rafael Castañer, und sein Cousin waren 1927 die ersten, die sie industriell herstellten und die Schuhe vom Feld auf die Straße holten. Noch heute fertigt Castañer rund 350 000 Stück pro Jahr. Am Firmensitz im katalanischen Banyoles bei Girona erwartet man also eine stattliche Produktion - und findet schließlich im Industriegebiet zwischen Autozulieferern eine offenstehende, efeubewachsene Werkstatthalle mit Häufchen langer Hanfschnüre am Eingang und gestapelten Kartons mit der Aufschrift "Made in Spain."

Die "Alpargatas", wie sie im Spanischen heißen, werden bei Castañer noch auf den gleichen Maschinen hergestellt wie in den Zwanzigerjahren. Die erste Werkbank erinnert an einen Plattenteller, auf dem eine Frau eine Juteschnur zu einer länglichen Schnecke dreht - die Basis der berühmten Sohle. Sie wird dann auf einer weiteren Maschine in einem Rahmen zur jeweiligen Größe zusammengepresst, außen vernäht und später mit einer dünnen Schicht Gummi verklebt. Jeden Schritt betreuen mehrere Handwerker. In der Mitte der Halle stehen kleine Container voller Schuhsohlen-Türmchen, gekennzeichnet lediglich mit handgeschriebenen Zetteln, auf denen die Größe und das Modell vermerkt sind. So werden sie dann nach Alicante verschickt und dort mit Baumwoll- oder Lederschaft, Schnüren und Bommeln oder was auch immer gerade Mode ist vernäht, bevor sie in die ganze Welt gehen.

Ob die Familie je darüber nachgedacht hat, die Produktion zu modernisieren? Stückweise zu automatisieren? Rafael Castañer antwortet lediglich mit einem kurzen "No", lässt eine der hellen Sohlen in den Container plumpsen, und geht mit schnellen Schritten in sein Büro nach nebenan. Wenn die Firma jährlich 26 Millionen Euro umsetzt, ist das offensichtlich keine Frage, mit der man sich beschäftigen müsste.

Familie Castañer -- v.l.n.r. Rafael, Antonio, Cristina y Luis Castañer

Die Familie Castañer (von li. nach re.): Rafael, Antonio, Cristina und Luis führen ihr Schuh-Unternehmen in dritter Generation.

(Foto: Leon Forado B)

Andererseits pflegt Castañer gern den Mythos, dass das Geschäft mit den Schlappen nie so ein Spaziergang war, wie es der mit ihr verbundene leichtfüßige Lebensstil vermuten lässt. Mitte der Dreißigerjahre wurde die Familie vom Militär enteignet, weil die Soldaten die Alpargatas im Bürgerkrieg tragen sollten. Danach zogen die meisten Bauern in die Städte, nun in "richtigen" Schuhen. Lediglich auf die Hippies war noch Verlass. Dass Grace Kelly und Jackie Kennedy große Fans waren, reichte offensichtlich nicht aus, um den einfachen Schuh "chic" zu machen.

Also kratzten Lorenzo und Isabel Castañer, Rafaels Eltern, in den Siebzigern ihr letztes Geld zusammen und fuhren auf die Ledermesse nach Paris. Drei Franzosen kamen an ihren Stand, die schon seit Längerem vergeblich auf der Suche nach einem Hersteller für Espadrilles mit Keilabsatz waren. Isabel erkannte einen von ihnen als den Designer Yves Saint Laurent, flüsterte ihrem Mann zu, der sei wichtig, woraufhin dieser kurzerhand versicherte: "Kein Problem, das können wir, Monsieur Saint Laurent!" Wie genau, wusste er zwar noch nicht, aber zurück in Spanien machte er sich mit einem befreundeten Schreiner an die Arbeit und entwickelte so die erste "Carina" mit Wedge-Absatz aus Kork. Für eine weitere Reise nach Paris reichte allerdings das Geld nicht, also drückten die Castañers dem Zugschaffner in Girona das an Saint Laurent adressierte Paket und ein paar Münzen in die Hand. Er möge es doch bitte überreichen.

Der Rest ist Geschichte: Yves Saint Laurent und seine bunten Wedge-Espadrilles wurden zum prägenden Sommerschuh der Siebzigerjahre. Der Erfolg machte den Namen Castañer ebenfalls berühmt. Aufträge für Kenzo, Hermès, Valentino, Balenciaga und Tom Ford folgten.

Der Experte rät: Niemals ein Modell häufiger als zweimal hintereinander anziehen

Noch heute produziert Castañer für viele Luxushäuser, nur dürfen sie jetzt nicht mehr darüber sprechen, weil zwar ihr Handwerk drin steckt, aber später ein anderer Name drauf steht. Das Geld müssten sie ohnehin mit den eigenen Geschäften verdienen, sagt Rafael Castañer. 1994 eröffnete die erste Boutique in Barcelona, es folgten Läden in Madrid, Paris und Athen, gerade haben sie in Chile und Kolumbien expandiert. Dafür mussten sie in Saint-Tropez schließen: Für das dortige Pflaster seien ihre Schuhe schlicht zu günstig, sagt Castañer.

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Umso mehr wächst der Onlineshop: ein Paar für 80 bis 195 Euro wird eher mal im Internet bestellt. Auch Online-Stores wie Net-a-porter und Mr Porter sind extrem wichtig. Letzterer vor allem, um die Schuhe den Männern näherzubringen, die immer noch nur zehn Prozent des Gesamtmarkts ausmachen, sagt Rafael Castañer. Während sich seine Brüder um die Fertigung und die Finanzen kümmern, führt die Schwester ein Geschäft in Barcelona. Er ist für das Design der Herrenmodelle zuständig. Heute trägt er Espadrilles mit blauem Camouflagemuster. Für nächstes Jahr hat er welche mit perforiertem Lederschaft entworfen. Aber der Bestseller ist immer noch der klassische "Pablo", aus festem Canvas und mit der hellen groben Naht zur Sohle.

Schon klar, warum hier nie mit wasserfesten Materialien oder Beschichtungen experimentiert wurde. Tradition ist Tradition, sagt Rafael Castañer. Und Geschäft ist ja auch Geschäft: neuer Sommer, neue Espadrilles. Ob er nicht doch noch einen Tipp habe, wie die Schuhe ein bisschen länger halten, abgesehen von striktem Schönwetter-Tragen? "Nicht häufiger als zweimal hintereinander anziehen", sagt Castañer schließlich. "Die Sohle kann zwischendurch gut eine Verschnaufpause gebrauchen." Am besten also man habe immer ein zweites Paar zum Wechseln zur Hand. Der Sommer ist sowieso zu kurz für nur eine Liebe.