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Mode:Stoffwechsel

Seit mehr als 40 Jahren staffiert Barbara Baum die Filme der Großen aus. Jetzt wird die deutsche Kostümbildnerin mit dem Deutschen Filmpreis geehrt.

Was trägt eine Frau, über die ein so tüchtiger wie bornierter Kaufmann den schönen Satz sagt: "Sie hat ein bisschen was Gewisses"? Schlägt sie modisch über die Stränge? Riskiert ihren Ruf in allzu luftigem Gewand? Fräulein Gerda wahrt, angegafft von krämerischen Lübecker Honoratioren, natürlich die Form in der Ballszene von Thomas Manns Roman "Buddenbrooks". Doch ihr Kleid macht sie zur Außenseiterin: Ihre Robe aus Seidenatlas ist von erlesener Schönheit. Sie ist verschwenderisch, ohne provokant zu sein. Sie ist ein rubinrotes Stück große weite Welt im kleinen Lübeck. Wer die Buddenbrooks-Verfilmung kennt, für den wird Gerda immer dieses Kleid anhaben. Und Barbara Baum, die es entworfen hat, freut sich noch immer über dieses Prunkstück. "Das war schön", sagt sie und lacht ihr helles Lachen. "Was war das schön."

So ist das, wenn man Deutschlands bekannteste Kostümbildnerin trifft: Stoffe in jeder Form sind Barbara Baums Leidenschaft, als Geschichten, als Textilien, als Geschichten über Textilien, und sie gibt sie freigiebig preis. Seit mehr als 40 Jahren staffiert die Berlinerin mit legendärer Detailtreue die Filme der Großen aus, sie schneiderte für Fassbinder und Schlöndorff, für Heinrich Breloer und Bernd Eichinger. Vielleicht liegt es daran, dass die Arbeit der Ausstatter selten im Rampenlicht steht, weil sie nach wenig Glamour klingt und viel Aufwand - jedenfalls gibt die 71-Jährige enthusiastisch Auskunft über ihr Handwerk, als solle endlich keine unerzählte Begebenheit mehr unter den Tisch fallen. Allerdings muss eine Verabredung erst einmal zustande kommen. Beim diesjährigen Filmpreis erhält Barbara Baum den Ehrenpreis und ist in den Tagen davor kaum zu greifen. In das Restaurant des "Savoy" in Berlin bringt sie, als es doch noch klappt, sofort diese Altcharlottenburger Boho-Grandezza: die verwehte Ponyfrisur, das Vivienne-Westwood-Shirt zu schwarzen Jeans, klimpernde Ohrhänger in Triangelform. "Uralt sind die", sagt sie. "Von einem Goldschmied aus Athen, wir machten ,Homo Faber' mit Sam Shepard und wohnten in einem alten Kasten von Hotel" - ein paar Sätze genügen, und es ist, als sei man mit dabei am Set in Griechenland.

Figuren anschaulich zu machen, ist die Kunst der Kostümbildner. Barbara Baum kann das mit Worten fast genauso gut, sie ist auch eine blitzschnelle Zeichnerin, aber am Ende geht es um Kleidungsstücke, die man anfassen kann, um raues, schmeichelnd weiches oder kühl abweisendes Material. So nehmen ihre Filmfiguren Gestalt an, der Technokrat Faber in den penibel aufgebügelten Dreiteilern, Lili Marleen mit den frivolen Glanzkleidchen, in denen sie doch oft verloren wirkt.

Rainer Werner Fassbinder ist Barbara Baums Gespür für die Botschaft von Stoffen und Schnitten schon bei der ersten Zusammenarbeit in "Effi Briest" nicht entgangen: 1972 war das, und ihre Entwürfe für die kindlichen, später beengend hochgeschlossenen Gewänder erzählen das Aufbegehren der Titelfigur gegen die gefühllose Mechanik der Konvention auf eigene, berührende Weise. Von da an hat Fassbinder bis zu seinem Tod 1982 mit Baum zusammengearbeitet in seinen wichtigsten Filmen. Dass sich die junge Ausstatterin traute, einen Drehtag umzuwerfen, weil Effis Brosche fehlte, habe dem schon damals sagenumwoben ruppigen RWF Respekt abgenötigt. "Er begrüßte mich gern mit ,Guten Morgen, General'", erinnert sich Barbara Baum. "Das war eine Liebeserklärung, glaube ich."

Es gibt neuerdings ein ganzes Buch mit solchen Elogen auf "la Baum", wie sie manche nennen: Der Begleitband "Filmstoffe" zur großen Fassbinder-Ausstellung im Berliner Gropius-Bau widmet sich ganz dem Schaffen der vielfach prämierten Kostüm-Erfinderin. Von Iris Berben bis Jessica Schwarz, von Michael Ballhaus bis Heinrich Breloer würdigen deutsche Filmgrößen ihre Kunstfertigkeit und Hartnäckigkeit: Kein Weg zu einem entlegenen Fundus sei ihr zu weit gewesen, kein Textillager aus ungeordneten Ballen zu verstaubt auf der Jagd nach der ultimativen Trophäe, dem Stoff für eine ganz bestimmte Szene. Und sie alle preisen - das steht in beinahe jedem Text - ihren lebenslustigen Humor, die Berliner Schnoddrigkeit, obwohl sie ja eigentlich aus Magdeburg kommt und ostpreußische Wurzeln hat. Kostprobe? "Großartig, dieses Kleid von Sunnyi Melles bei der letzten Berlinale", sagt sie und kichert los, anders kann man das nicht nennen. Die elegante Robe besaß eingebaute LED-Leuchten, die man über die Handtasche an- und ausknipsen konnte. La Baum ist beim Gedanken daran immer noch entzückt. "Die Sunnyi kann so etwas wunderbar tragen. Det war der Gag des Jahrhunderts."

Dass Barbara Baum ursprünglich aus der Mode kommt, wird mit jeder Antwort deutlicher. Wahrscheinlich hat damit auch ein Teil ihres Erfolgs zu tun. Sie gilt international als Spezialistin für historische Kostüme. Zum Beispiel hat sie "Das Geisterhaus" mit Meryl Streep und Jeremy Irons ausgestattet - oder Breloers gesammelte Thomas-Mann-Filmografie. Wobei sie ihre Leidenschaft für versunkene Epochen ja schon durch die Zusammenarbeit mit Fassbinder entdeckt hatte. "Wir machen einen historischen Film, aber aus unserer Sicht": Diesen Ausspruch Fassbinders zitiert sie gerne, sein Credo, über Sujets aus vergangener Zeit aktuelle Themen der Gesellschaft zu verhandeln. Und bei ihr kam und kommt eben noch eine ganz andere Verbindung zur Gegenwart dazu: Die Liebe der gelernten Schneiderin zu modischer Raffinesse, zu einer besonders schön fallenden Seide, einem kostbaren Druck. Man braucht ihr nur zuzuhören, wie sie sich als Studentin der Kostümgeschichte in den Sechzigerjahren etwas dazuverdiente mit einer kleinen Werkstatt für zahlungskräftige feine Berliner Damen. Ein lachsfarbenes Tageskleid hier, ein Abendmodell aus silbergrauer Spitze dort - es ist, als habe sie jedes einzelne Exemplar von damals mit dem eingenähten Etikett "Barbara Baum Berlin" noch vor Augen. Und so sind ihre bekanntesten Filmkostüme wie Hanna Schygullas schulterfreies Blaues als Nazi-Ikone Lili Marleen auch: zeitlos elegante Schaustücke einer Modedesignerin.

Stilsicherheit und handwerkliches Können haben Barbara Baum wohl mit dem nötigen Selbstbewusstsein ausgestattet, um auch Hollywoodstars auf Augenhöhe zu begegnen. Und keinen Schritt zurückzuweichen bei ihrer oft zeitraubenden Suche nach dem perfekten Kostüm. Jeremy Irons ging mit ihr stundenlang geduldig jeden Look durch. Und als Meryl Streep in einem luftigen Nachtkleid beim Geisterhaus-Dreh in Portugal zu frieren begann, ließ sie Barbara Baum kommen. Ob sie die Hausschuhe anbehalten dürfe beim nächsten Take, oder ruiniere sie damit das Kostüm? Sie durfte.

Auch zu sich selbst ist sie streng. Faule Kompromisse gibt es nicht. Zum Ehrenpreis, den sie an diesem Freitag erhielt, schneiderte sie sich selbst etwas aus Velours-Chiffon. Und eine ganz bestimmte Sorte italienischer Strümpfe musste es sein, seien sie noch so schwer zu bekommen. "Falls ich ohnmächtig werde, sehe ich in denen nämlich für meine Verhältnisse noch sexy aus." Auch so ein schöner verrückter Barbara-Baum-Satz.