Lokaltermin Cafeteria

Museen bieten oft auch exzellentes Essen. Eintopf und Milchreis so zu versauen wie die Cafeteria der Gemäldegalerie Berlin, ist da fast schon eine Kunst für sich.

Von Harriet Köhler

Unten, in den Sälen und Kabinetten, kann man ja nicht nur eine der bedeutendsten Gemäldesammlungen der Welt bewundern. Man kriegt auch Appetit: Allein der Hummer des Barockmalers Frans Snyders, der so drall und fleischig auf seinem Porzellanteller liegt. Oder die pralle, fast pudrig schimmernde Traube, in die das Englein bei Rubens seine Finger gräbt. Hat man je einen flaumigeren Pfirsich als den in Willem Kalfs "Stilleben mit Glaspokal und Früchten" gesehen?

Doch wehe dem, der eine Etage über all der Herrlichkeit seinen Hunger stillen will. Die "Cafeteria" der Gemäldegalerie ist ein nüchterner Glaskasten, in dem man mit Blick in Richtung Kassen sitzt, während ein Gummibaumungeheuer das Tageslicht daran hindert, in den Raum zu dringen. Nicht, dass viel Erfreuliches zu sehen wäre. Ein mit künstlichen Blumen und Plastikweintrauben verziertes Salatbüffet. Tabletts in Kantinengrau, die klappernd der Kasse entgegengeschoben werden. Eine Warmhaltevitrine mit Bulette, Bratwurst, Hähnchenschnitzel. In der Getränkekühlung: Red Bull, Lübzer Pils und ein Weißwein namens "Richardiere" (Nettopreis pro Flasche bei der Metro: 1,59 Euro). In der Obstschale: fünf Äpfel und ein Pfirsich, der so braun und verledert ist, dass man ihn dem Naturkundemuseum übergeben müsste. Aber wie hieß es bei van Gogh, dem Maler der herrlichsten, erdigsten Kartoffelstillleben? Was wäre das Leben ohne den Mut, etwas zu riskieren!

Bloß: Mancherorts lebt's sich als Feigling besser. Schon das Salatbüffet ist ein Kabinett der Scheußlichkeiten. Allen voran das wohl mediterran gemeinte Gemisch aus Tomaten, Zwiebeln, angetrockneten Potatoe-Wedges und leicht ranzig schmeckenden Billigoliven. Der Mandelbrokkoli verfängt sich zwischen den Zähnen, der Nudelsalat hat eine dunkle Patina. Der Eiersalat schwimmt in wässriger Mayonnaise. Und die Mini-Bulettchen? So fest, dass man sie als Eishockey- Puck verwenden könnte. (Insgesamt kosteten unsere 220 Gramm vom Büffet 6,20 Euro.)

Doch es kommt noch schlimmer. Der "Grüne Bohnen Eintopf" (2,50 Euro) ist eine mit Verdickungsmittel schleimig gebundene, völlig aromenfreie Suppe, in der verkochte Bohnenstücke, ein bisschen Fleisch und etwas getrockneter Majoran schwimmen. Bei der lauwarmen "Hähnchenpfanne mit Curry-Erdnuss Sause + Reis" (10,40 Euro) liefern sich trockenes Fleisch und schlecht gesäuberte Zuckerschoten ein Duell, wer von beiden am faserigsten ist. Der Reis ist fast kalt, und auch die Sauce muss man erst einmal so hinkriegen - denn sie ist zwar leuchtend gelb, schmeckt aber weder nach Curry noch nach Erdnuss und nicht einmal nach Glutamat, sondern nach: gar nichts.

Der "Hackbraten m. Grüne Bohnen + Kartoffeln" (10,30 Euro) ist da fast ein Lichtblick, denn das Hackfleisch hat zwar eine etwas unangenehme Schweinenote, ist jedoch immerhin locker und nicht zu trocken. Und auch die Salzkartoffeln sind genießbar - solange man sie nicht mit der Fertigsauce kontaminiert. Die eiskalten grünen Bohnen dazu kann man beinahe frösteln sehen: nicht das winzigste Flöckchen Butter, nicht das kleinste bisschen Speck ummantelt sie.

Die Krönung allerdings sind die Desserts (je 3,50 Euro). Die "Rote Grütze" schmeckt zwar deutlich nach Himbeere, besteht aber aus nicht viel mehr als Blaubeeren und Kirschen - erst nach langwieriger Forschung lassen sich noch vier Johannisbeeren und die Überreste einer zerkochten Himbeere exhumieren. Ein noch größeres Wunder ist der "Milchreis", bei der es der Küche gelungen ist, aus komplett zerkochtem Reis, wässrigem, weißen Glibber und einem äußerlich an Zimt erinnernden Pulver ein Gericht zu fabrizieren, das man von weitem tatsächlich für den beliebten Seelentröster halten könnte. Auch der Espresso zum Abschluss schafft es, nicht einmal nach Kaffeeautomat zu schmecken, sondern bloß etwas bitter.

Die Tate Gallery in London hat eine preisgekrönte Weinkarte und einen Sommelier, der, wenn man ihm im Voraus eine E-Mail schreibt, gern schon mal die gewünschte Flasche dekantiert. Im Kunsthistorischen Museum Wien lädt Piper Heidsieck zum feinen Dinner mit Jakobsmuschel, Hirschrücken und Champagner-Biskuit. Die Restaurants des Rijksmuseum in Amsterdam und des Guggenheim Bilbao wurden vom Michelin mit einem Stern ausgezeichnet, das "The Modern" im MOMA hat sogar zwei Sterne. So abgehoben muss es natürlich nicht sein - doch am Ende unseres Besuchs haben wir zu zweit fast fünfzig Euro ausgegeben, dabei haben wir noch nicht einmal den Wein probiert. Hackbraten und Milchreis? Gerne. Aber dann bitte so zubereitet, dass man sich als Berliner nicht dafür schämt.