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Ladies & Gentlemen:Schießeisen zum Schlabberlook

(Foto: Lawrence Bryant/Reuters)

Bonnie und Clyde der Trump-Ära? Das leger gekleidete Anwaltspaar, das letzte Woche mit gezückten Waffen aus seinem Haus stürmte, ist auch eine stilistische Betrachtung wert.

Das ist Patricia McCloskey. Sie richtete neulich in St. Louis, Missouri, ihre Pistole auf eine protestierende Menge, die durch eine Privatstraße marschierte, auf dem Weg zum Haus der in Ungnade gefallenen Bürgermeisterin und eben vorbei am Vorgarten der McCloskeys. Ob die Rechtsanwältin wirklich um ihr Leben fürchten musste oder doch nur um die pyramidenartig geschnittenen Buchsbäume vor ihrem Palazzo, das auch über eine steinerne Sitzbank mit Raubtierköpfen als Lehnen verfügt, ist unklar. Glasklar hingegen ist, dass erstens die Darstellung von europäischer Grandezza in der amerikanischen Provinz immer irgendwie disneyartig ist. Und zweitens, dass die Waffenfuchtelei aus irgendeiner Panik heraus entstanden sein muss. Denn sonst hätte Ms. McCloskey ja wohl nicht barfuß Leggings getragen, sondern wäre perfekt im Selbstverteidiger-Look gestylt gewesen, hätte also die Knarre mit Camouflage-Outfit, Patronengürtel und gestrafftem Oberarm kombiniert. Denn so militant stellt man sich amerikanische Grandezza in der europäischen Provinz ja mittlerweile vor. Aber hier schlabbert alles, vom T-Shirt bis zum Kinn! Früher mordeten Amerikanerinnen noch anders, das haben wir vor dem Fernseher gelernt: Im Abendkleid zogen sie einen Mini-Revolver aus einer glitzernden Clutch und entledigten sich formvollendet des Gatten, um die Zukunft alleine in ihren Südstaaten-Palästen zu verbringen. Aber meistens kam ihnen Columbo auf die Schliche. So bleibt festzuhalten, dass das Accessoire Knarre wirklich nie elegante Wirkung zeigt. Egal, ob man damit fuchtelt oder nicht. Julia Werner

Liebe Kinder in Problemvierteln, dieses Foto beweist, dass der Besitz von Waffen einen nicht automatisch cool wirken lässt. Im Gegenteil, das Schießzeug macht hier aus zwei handelsüblichen besorgten Bürgern sogar ganz lächerliche Figuren, bei denen einem freilich das Lachen doch gleich im Hals stecken bleibt. Schon allein, weil jemand, der offenkundig so wenig Übung im Führen einer Feuerwaffe hat, nicht mal in die Nähe eines Abzugs kommen sollte. Dieser Vorfall von letzter Woche ist also beunruhigend skurril, auch weil er einen ganz neuen Biedermeier-Extremismus offenbart. Bonnie und Clyde in Zeiten der Trump-Ära, das Sofa als Schützengraben! Aber schon rätselhaft: Haben die beiden Selbstverteidiger nie einen Film gesehen, dank dem sie cineastisches Waffentragen zumindest nachmachen könnten, so wie alle Amateure? Sie tragen Pistole und Gewehr wie Gartengeräte, was die Gefährlichkeit der Situation irgendwie konterkariert. Eigentlich erinnert das Bild fast an eine Laufsteginszenierung, wo ja in den letzten Jahren immer versucht wurde, möglichst konträre Stilmittel zu vereinen und ein bisschen Skandal zu schinden. Nun, hier ist der Skandal, leider aber in echt: Ein barfüßiger Anwalt schwingt im klassischen Gap-Look, also einer Stoffhose-Gürtel-rosa-Polohemd-Kombi das Sturmgewehr. Dynamische Jungsenioren in diesem gefälligen Aufzug kommen in jedem Land der westlichen Welt tausendfach vor, aber eigentlichen schwingen sie sonst nur große Pfeffermühlen bei "ihrem" Italiener oder große Reden auf dem Tennisclub-Parkplatz. Können wir es bitte dabei belassen? Max Scharnigg

© SZ vom 04.07.2020

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