bedeckt München

Ladies & Gentlemen:Tapfere Schneiderlein

Wie kann sich die Mode an die aktuellen Schutzmaßnahmen anpassen? Zwei Textil-Kreative haben sich Gedanken über eine ganz neue Art der Maskerade gemacht.

Von Julia Werner & Max Scharnigg

(Foto: Stephanie Kresse)

Für sie: Ein Mund-Nasen-Mantel

Wir haben an dieser Stelle schon ausführlich gejammert - über die Tatsache, dass man die Maske zu Hause liegen lässt, einem das aber erst vor dem Supermarkt auffällt. Aber auch wenn man sie dabei hat, wird die Lage nicht besser, denn sie muss jetzt in einer wurschtigen Geste mit der Wintermütze in Einklang gebracht werden, die dabei zwergenmäßig nach oben rutscht, weil sie die Ohren, also die Maskenhalter, bedeckt. Die Idee, die Mund-Nase-Bedeckung zum Bestandteil der Kleidung zu machen, hätte längst von den besten Designern aus Mailand oder Paris kommen müssen. Aber dort wird weiterhin lieber verzweifelt von langlebiger Handwerkskunst gesprochen - ein Thema, das gerade am Zeitgeist vorbeigeht. Wegwerfen war schließlich lange nicht mehr so en vogue wie jetzt, weil eine Hygienemaßnahme. Der "Corona-Kragen" kommt nun also aus dem beschaulichen München. Das Label Lakoula propagiert die Idee, einfach den Kragen hochzuklappen, mit einem Reißverschluss bis zur Nasenspitze zu schließen, und schon ist Frau in der Wurstthekenschlange angemessen bedeckt. Das ist eine praktische Idee und sieht gar nicht schlecht, nämlich ninjamäßig aus. Gleichzeitig ist sie ein bisschen traurig, denn so zieht die Pandemie jetzt auch noch in die Kleiderschränke ein, die bisher der letzte Ort tröstlicher, völlig unpraktischer Träume waren. Also lieber in einen Paillettenfummel investieren, für später. Und weiterhin Masken tragen, mit denen man irgendwann die Erinnerung an diese unlustigen Zeiten wegwerfen kann.

(Foto: Ulturale)

Für ihn: Eine Funktionskrawatte

Es war immer eine charmante Eigenart der Krawatte, dass sie keinem Nutzen diente, sondern Ornament sein durfte. In der gebrauchsorientierten Herrengarderobe stellte der Binder damit eine exotische Erscheinung dar und war stets dem schwelenden Vorwurf der Sinnlosigkeit ausgesetzt. Nun, damit ist es jetzt vorbei. Der ehrwürdige Krawattenspezialist Vincenzo Ulturale aus Neapel hat ihr aktuelle Brisanz verschafft, indem er die Seide einfach verlängerte und oben wieder zu einem Mund-Nase-Tuch samt Ohrhenkel erweiterte. Der Anblick dieser "Vattinn" genannten Erfindung ist nicht allzu ungewöhnlich, im Gegenteil: Wenn uns die Maske weiterhin begleiten muss, dann bitte als derart stimmiges "Embedded"-Accessoire, das harmonisch Gesicht, Hals und Dekolleté durchfließt. Die Frage ist eigentlich nur: Zieht man die Maske auf, bevor man die Krawatte bindet, oder erst zum Schluss? Beide Varianten könnten fummelig werden, nicht zuletzt, weil die Maske ja doch einen Teil jenes Sichtfelds einschränkt, den mancher zum Binden braucht. Außerdem stellt sich die Frage der Waschbarkeit. Aber für alle, die in diesen Zeiten repräsentative Termine wahrnehmen müssen, wäre die Vattinn vielleicht eine gangbare Ausnahme. Schade also, dass sie derzeit nur in Ulturale-Boutiquen in Neapel, Mailand und Rom erhältlich ist. Das wird sich bei entsprechendem Bedarf zwar ändern - noch besser wäre allerdings, wenn die Krawatte bald wieder einfach nur schön sein dürfte.

© SZ/kar
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema