bedeckt München

Ladies & Gentlemen:Drüber und Drunter

(Foto: Matt Jelonek/WireImage)

Der Herbst macht ernst. Höchste Zeit zu schauen, was die Leistungsträger der Mode für diesen Fall vorschlagen.

Von Julia Werner und Max Scharnigg

Für sie: Das Kleingesteppte

Wenn der Herbst nicht golden ist, sondern so grau wie jetzt, dann muss selbst der optimistischste Mensch zugeben: Diese Jahreszeit bedeutet Tod und Verderben. Mit den modrigen Blättern fällt auch die Frau, und zwar in ein feuchtes, kaltes Loch. Übergangsmäntel, also Trenchcoats, hängen ohne Bestimmung im Schrank, denn die Umstände verlangen nach Daunen und Schals. Allein, man kann nicht jetzt schon seine ganze Antikältemunition verschießen. Die wirklich arktische Ausrüstung sollte die intelligente Frau sich unbedingt für die Zeit aufheben, in der alles noch schlimmer wird, also für den echten Winter. Und dann ist ja sowieso egal, wie man aussieht. Aber jetzt noch nicht! Hier kommt deshalb die Lightversion der Steppjacke ins Spiel. Es ist jetzt sehr angesagt, etwas zu tragen, dass noch bis vor kurzem ein Inbegriff der Biederkeit war, nämlich: die kleine Steppung. Solche Modelle trugen bisher nur blondgesträhnte Villenbesitzerinnen mit Perlensteckern in den Ohrläppchen und Weimaraner an der Hundeleine.

(Foto: Matt Jelonek/WireImage)

Jetzt aber können Steppjacken gar nicht kleinkariert genug sein, wie man hier auf dem Laufsteg des skandinavischen Hipsterlabels Ganni sieht. Mit einem solchen Mantel könnte man unter normalen Umständen Trendgespür auf dem nächsten Paris-Trip beweisen, aber der fällt pandemiebedingt aus. Also tragen wir ihn eben bei der samstagmorgendlichen Altglasentsorgung und dem darauf folgenden Drogeriemarktbesuch mit dem Lebenspartner. Wir sind alle Spießer. Das einzige, was man dagegen tun kann, ist, endlich auch so auszusehen.

Für ihn: Der All-In-One-Mantel

Einer der Punkte, an denen sich der stilistisch versierte Mann vom Normalo unterscheidet, ist das Bemühen um kunstvolles Layering. Also die Absicht, allerlei verschiedene Kleidungsstücke und Accessoires übereinander zu einem stimmigen Gesamtbild zu fügen. Ergebnis soll ein spannendes aber eben auch harmonisches Potpourri sein, bei dem das Auge des Betrachters viele interessante Details entdeckt. Der Durchschnittsmann nimmt hingegen gerne mit der erforderlichen Mindestmenge an Kleidungsstücken Vorlieb, sprich Hose und Oberteil, fertig, anstrengend genug.

(Foto: Victor Virgile/Gamma-Rapho)

Einen vergleichbar vielschichtigen Effekt wie das Layering erzeugt auch die Hybrid-Fashion, die in diesem Winter in allerlei Schaufenstern zu beobachten ist, hier besonders schön exerziert bei Junya Watanabe. Scheinbar gegensätzliche Materialien, Muster und Farben werden dabei in einem einzigen Stück vereint. Das ergibt im besten Fall einen stimulierenden Patchwork-Look, der auch einem eher blassen Charakter interessanten Tiefgang verleiht. Im schlechtesten Fall sieht es aus, als hätte eine betrunkene Nähmaschine einen Auffahrunfall mit dem Altkleidercontainer gehabt. Was diesen konkreten Watanabe-Mantel angeht, so löst die Bricolage aus Wolle, Glencheck, Retro-Sportnylon und Pirelli-Aufnäher vor allem erstmal eine Erinnerung an die mittlere Kindheit aus. Genauer gesagt an jene Momente, in denen Oma aus dem Kleiderschrank im Keller allerlei Textilien der Familiengeschichte ans Licht beförderte, die man in kindlicher Pflichterfüllung dann leider auch mindestens auf einem Klassenfoto trug. Keine gute Erinnerung. Der Look hier ist also eher was für Profis.

© SZ
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