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Ladies & Gentlemen:Große Bühne

Bei den Tony Awards glitzert Rachel Brosnahan im Elfenkostüm, und Aaaron Tveit trägt alles, was für einen Mann an festlicher Kleidung so vorgesehen ist.

Für sie: Schaut, wie es glitzert

(Foto: Andrew Kelly/Reuters)

Wo die Amerikaner sind, da liegt ein roter Teppich. Wie sie den Glamour lieben! Deswegen werden selbst die Tony Awards, der wichtigste amerikanische Theaterpreis, so glitzernd gefeiert wie die Oscars. Sogar bikiniverkaufende Starlets wie Emily Ratajkowski sind zugelassen, um dem Abend mit etwas Haut mehr Aufregung zu verleihen. Das ist zwar geschmacklos, aber das Theater wird sexy für eine breitere Masse. Ein bisschen Showpony-Bashing ist trotzdem angebracht - weil Rachel Brosnahan dieses Elfenkostüm trägt. Im normalen Leben würde eine denkende Frau dieses Kleid mit glitzernden Stickereien, Schulterausschnitten und rüschigen Ärmeln als naiven Hochzeitsfummel verlachen, den man in einschlägigen Läden unweit von Bahnhöfen findet. Aber das hier ist ja Christian Dior. Und außerdem noch Haute Couture, also von kleinen fleißigen Händen handgemacht! Man muss diesen Feen-Look also offiziell schön finden. Außerdem ist Maria Grazia Chiuri, die Designerin von Dior, mit ihren Slogan-T-Shirts offiziell das Fashion-Sprachrohr der Feministinnen. Mode ist heutzutage oft eben nur noch ein großes Theater. Oder eher: ein lautes Musical. Hätte man der Brosnahan dazu noch einen Zauberstab in die Hand gedrückt, hätten wir auch gar nichts gesagt. Julia Werner

Für ihn: Mode aus dem Thermomix

(Foto: Andrew Kelly/Reuters)

Verglichen mit dem Emmys und Grammys umweht die Verleihung der Tony-Awards ein etwas intellektuellerer Stil. Der Dresscode wird einerseits gerne flamboyant interpretiert, weil es um Theater und Musicals geht, andererseits aber auch immer ein bisschen europäisch, weil es um Theater und Musicals geht. Schauspieler Aaaron Tveit führte das exemplarisch vor in dieser Abendgarderobe aus dem Schneiderhaus Alexander McQueen. Auf den ersten Blick wirkt er wie ein mittelwichtiger Protagonist einer Jane-Austen-Verfilmung oder eben ein Kommerzienrat aus dem Jahr 1870, auf dem Weg ins Kontor. Vor allem der Bratenrock und die überlangen Manschetten fördern diesen kostümierten Eindruck, im Abgang schmeckt man noch ein bisschen Vampirfilm heraus. Verstörend modern allerdings ist beim zweiten Blick der blaue Smoking, der dann wiederum, totaler Wahnwitz, mit einer korrekten black tie abgeschlossen wird. Zusammen mit den Nadelstreifen im Gehrock und den Lackschuhen wirkt dieser Look also, als wären sämtliche Kapitel (sind ja nicht viele) festlicher Kleidung für den Mann in den Thermomix gesteckt worden. Sieht trotzdem nicht übel aus, was sicherlich auch an der grundlegenden Schneidigkeit von Herrn Tveit liegt. Nur das Fehlen eines Zylinders ist unverständlich und ernsthaft zu bemängeln. Max Scharnigg

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