Design Unter Dampf

Beim Thema Wasserkocher lässt sich exemplarisch feststellen, wie schwer es ist, Funktionalität und gutes Design im Alltag zu verbinden.

Von Max Scharnigg

Eine besondere literarische Form ist die Wasserkocherkritik. Sie hat meistens einen Ich-Erzähler und trägt oft Züge der klassischen Tragödie. Auf Amazon gibt es Tausende Seiten dieser Problem-Prosa nachzulesen, allein zu einem Einsteigermodell von Philips etwa wurden von Käufern schon mehr als 3000 Kapitel verfasst. Oft fangen diese Erzählungen ähnlich an, nämlich mit Variationen von: "Mein alter Wasserkocher vom Discounter hat acht Jahre lang gehalten, aber dann ..."

Dann beginnt für viele eine Odyssee durch das Wasserkochersortiment, das der Handel heute bereithält und bei dem man sich zwischen Hunderten Modellen, Preisen von etwa 20 bis über 200 Euro und einer spektakulären Formvielfalt entscheiden soll. Es gibt schwungvoll gestaltete Plastik-Fregatten, schlichte Zylinder mit schmollender Gusslippe, manche Wasserkocher ähneln Teekannen, andere sehen eher aus wie Park-Poller oder wie im Windkanal gestaltet, bei vielen wirken die Leuchtdioden, Schalter und Griffe wie nach dem Zufallsprinzip aufgetragen, manche protzen mit männlichem Fake-Edelstahl, andere sind in fröhliche Pastellfarben getaucht oder sollen an Omas Wasserkessel erinnern.

Ein Kocher hat nur eine Funktion, aber es gibt trotzdem viele Arten, sie zu vergeigen

Ohne zu übertreiben lässt sich feststellen, dass die meisten schauerlich hässlich sind. Das ist zwar bei Kleinelektro oft so, aber beim Wasserkocher schmerzt es mehr als beim Mixstab oder Bügeleisen - denn er steht nun mal meistens präsent auf der Arbeitsfläche. Und in eine sogenannte Traumküche neben blanker Espressomaschine und elegantem Vintage-Brotkasten passt ein Stück Tech-Kitsch aus schnullerblauem Plastik eben nicht besonders gut. Deswegen gehört der Wasserkocher zu den Geräten, bei dem für viele Menschen Aussehen und Funktion kaufentscheidend sind. Umso bedauerlicher, dass diese Tateinheit fast nie vorkommt. Trotz jährlich neuer Anläufe der Hersteller - Wasserkocher bleiben vorwiegend hässlich. Wenn sie schön sind, ist irgendwas faul.

Nun hat so ein Kocher eigentlich nur eine Funktion, aber es gibt trotzdem ziemlich viele Arten, sie zu vergeigen: Undicht, Kabel zu kurz, Wasserstandsanzeige mangelhaft, kleckert beim Schütten, mühsam zu befüllen, Deckel leiert aus, Deckel klappt nicht ganz zurück, Kontrolllampe fehlt, Aussparung für Kabel fehlt, automatische Abschaltung arbeitet unzuverlässig, wackeliger Stand, zu heißer Dampf, zu heißer Griff, zu heißes Gehäuse, zu kalkanfällig, zu wenig Füllmenge, keine Temperaturbestimmung etc. Je mehr die Modelle kosten sollen, desto deutlicher rückt zudem noch ein besonders hartnäckiges Feindbild der hiesigen Heißwasserfreunde in den Fokus: Plastik. Nichts davon soll mit dem Wasser in Kontakt kommen und ausflocken beziehungsweise eingasen, aber gerade damit können nur sehr wenige Designs dienen. Manche haben zwar einen Glaskorpus, andere sind aus Edelstahl, aber dann tropft vom Deckel oder aus Dichtungsfugen oft doch wieder Bisphenol A oder Ähnliches in die Brühe - zumindest bei dem, der daran glauben möchte. Jedenfalls: Der plastikfreie Wasserkocher wäre ein Anliegen des Konsumenten, der Markt bietet das aber nahezu nicht an, schon das ist eine bemerkenswerte Fußnote.

Derzeit häufen sich die Versuche, Wasserkocher auch optisch heißer zu machen: Hier etwa der schlicht-massive Kessel "501" aus pulverbeschichtetem Aluminium vom dänischen Hersteller Vipp.

(Foto: Vipp)

Noch auffälliger ist die Sache mit den Designern, die sich seit Jahren an Wasserkochern die Zähne ausbeißen. Jasper Morrisson etwa, ein Meister der guten, klaren Form, der auch schon Drucker und Toiletten in ästhetische Objekte verwandeln konnte. Bei seinem Wasserkocher für den angesehenen Hersteller Rowenta scheiterte Morrsion Mitte der Nullerjahre kläglich an der Technik und sah sich irgendwann sogar gezwungen, auf der eigenen Homepage vor seinen Geräten zu warnen: "Reports received on malfunctioning products. Buyers beware!" Das Gerät wanderte ohne Umweg über die Küche in die Museumsvitrinen. Nicht viel besser erging es Rowenta später beim Wasserkocherentwurf des hochdekorierten französischen Designstudios Elium. Der schlichte Keramikkörper hätte sich formvollendet und plastikarm in eine hochwertige Küche eingefügt. Wegen mutmaßlich technischer Schwierigkeiten verschwand er aber bald ebenso formvollendet und leise wieder aus dem Sortiment. Heute gibt es von Rowenta überhaupt keine Wasserkocher mehr.

Solche Fälle ziehen sich durch die Designgeschichte - sobald Elektrizität und Alltagsbelastung ins Spiel kommen, sind Entwerfer eben noch mal ganz anders gefordert. Viele, die tadellose Beistelltische, Sitzschalen und Teller entworfen haben, scheitern an einem Produkt, das täglich genutzt, geputzt, eingeschaltet und erhitzt werden soll. Das Design des iPhones von Jonathan Ive oder die Elektrogeräte von Dieter Rams sind deshalb abermals gar nicht hoch genug einzuschätzen - eine gebrauchsfreundliche Einheit von Funktion, Technik und Form bleibt die selten erreichte Königsklasse. Wobei freilich auch bei Rams nicht immer alles tadellos funktioniert hat, und einen Wasserkocher hat er leider auch nicht entworfen.

Die Firma Alessi ringt seit Jahrzehnten immerhin lustvoll darum, Designer und Wasserkocher miteinander auszusöhnen - mit gemischtem Erfolg. Einerseits produzierten sie Anfang der 90er-Jahre mit dem Modell "Hot Bertaa" von Philippe Starck so ziemlich das erstaunlichste Stück Küchenavantgarde, das jemals aus einem Raumschiff gefallen ist. Leider praxisuntauglich. Andererseits behaupten sich ihre gefälligen Wasserkocher "Hot it" ("Deckelprobleme") von Wiel Arets und der Wasserkessel "9093" von Michael Graves ("schlecht befüllbar" / "zu heiße Außenhülle") seit Jahren zumindest am unteren Mittelfeld in der strengen Wasserkocherkritik. Das nagelneue Modell "Plissé" wurde jetzt von Michele de Lucchi einem Faltenrock nachempfunden und ist ein echter Hingucker in der Küche - leider wieder komplett aus Plastik.

Der Wasserkocher „Plissé“ mit Faltenlook von Alessi.

(Foto: Alessi)

Viele Großhersteller versuchen gar nicht erst, schöne Wasserkocher zu bauen. Der Grund liegt mutmaßlich in der Produktionsrealität. Es gibt nur sehr wenige Zulieferer von Heizelementen für Wasserkocher weltweit, und an diesen Teilen kann kein bemühtes Designstudio etwas verändern, genauso wie an den Zertifizierungsvorgaben für die Geräte. Und selbst wenn Industriedesigner einen Wasserkocher komplett neu denken wollten - kein Unternehmen möchte die Investitionen dafür tragen. Wirkliche Neuerfindungen sind bei mittelpreisigen Haushaltsgeräten nicht vorgesehen, eigentlich nicht mal externe Designer. Das In-House-Design für Haushaltsgeräte hat dabei meist nur die Aufgabe, die Sachen modern wirken zu lassen und von früheren Modellen abzuheben. Kühlschränke bekommen also Displays verpasst, die nie jemand vermisst hat, Toaster blinkende Leuchtdioden und Kaffeemaschinen eine matte Edelstahloptik - an der Technik ändert sich aber kaum was, auch wenn, wie im Fall der Wasserkocher, manches zu verbessern wäre.

Zwei Jahre bemühte sich ein Start-up um einen neuen Wasserkocher, dann: Insolvenz

Besonders deutlich macht das der Fall von Deutschlands ehemals erfolgreichstem Kickstarter-Projekt. Unter dem Namen "Miito" sammelten zwei Berliner Designstudenten im Frühjahr 2015 beachtliche 800 000 Euro für die Entwicklung eines ressourcenschonenden Induktions-Wasserkochers, der neuartig und schön anzusehen war. Aus der schnell erzielten Summe und dem großen Medieninteresse damals lässt sich der grundsätzliche Wasserkocher-Frust der Menschheit ablesen. Aber auch dieses Projekt scheiterte. Zwei Jahre bemühte sich das Start-up um den Produktionsstart, dann meldete die kleine Firma Insolvenz an. Als Gründe nannten die Verantwortlichen Probleme mit der Fertigung und Zertifizierung der Geräte. Außerdem sei man von der "Komplexität der Elektronikentwicklung" frustriert gewesen. Irgendwie liegt ein Fluch auf dem Thema.

Immerhin, in den vergangenen zwölf Monaten wurden auffallend viele Wasserkocher vorgestellt, die auch formpenible Menschen zufriedenstellen könnten. Neben Alessi hat etwa der dänische Luxushersteller Vipp einen Wasserkessel im Sortiment, der zumindest in Sachen Gewicht und Schlichtheit seinesgleichen sucht - mit über 200 Euro aber ziemlich teuer ist. Bei Eva Solo bemüht man sich mit massivem Holzgriff und mattem Edelstahl um haptische Eleganz, während Stelton auf die Idee kam, seine ikonischen Isolierkannen zum Wasserkocher umzubauen. Das Design von 1977 hatte sich schließlich millionenfach bewährt - also wurde kurzerhand ein Heizelement druntergeschoben. Und was sagt der Verbraucher zu dieser Idee? Na, er sagt das Übliche: undicht, Kabel zu kurz, wackelt. Es bleibt spannend.