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Design:Runde Sache

Schöner stapeln: Der Bell Chair ist durchaus als Massenware konzipiert.

(Foto: Michael Mann/PR)

Sitzriese: Der neue Stuhl von Konstantin Grcic kostet deutlich unter hundert Euro und besteht komplett aus Recyclingmaterial .

Von Max Scharnigg

Normalerweise geht Kreativität nicht den Weg den größten Widerstands. Aber für einen Designer wie Konstantin Grcic, der in den vergangenen 20 Jahren alles erreicht hat, was ein Designer erreichen kann, liegen Herausforderungen wohl mittlerweile in absichtlich kniffligen Problemstellungen. Bei diesem Projekt las sich die Aufgabe zunächst harmlos: Einen Plastikstuhl herstellen, der sich von den anderen Plastikstühlen unterscheidet. Der also, so Grcics Auslegung, langlebiges Design und Funktionalität mitbringt, den sich aber auch jeder leisten kann und der dabei auch noch ökologisch vertretbar ist. Um den Extremismus dabei zu begreifen, hilft ein Blick auf die Geschichte des Monobloc-Chairs. Solche Stühle aus einem einzigen Stück Plastik gehören etwa seit den 70er-Jahren fest zur Designgeschichte und lassen sich seither immer in zwei Familien einteilen. Zum einen die immer billiger und dünner werdende Massenware, deren allgegenwärtige weiße Einweg-Version seit den 80er-Jahren millionenfach auf Europas Terrassen, vor Imbissbuden und - mit gebrochenen Beinen - auf Müllkippen herumsteht. Und zum anderen die immer ausgefeilteren Modelle der Designer, etwa von Jasper Morrisson, Philippe Starck oder James Irvine, die in den vergangenen Jahrzehnten gerne mit dem Spritzgussverfahren experimentierten und dabei die Welt um einige sehr formschöne Plastikstühle bereicherten. Diese Entwürfe sammelten zwar Auszeichnungen und Designpreise, standen aber mit ihren Verkaufspreisen doch stets im Gegensatz zu dem, was das Wort Plastikstuhl eigentlich suggeriert.

Grcic wollte bei seinem neuen Stuhl beide Lager vermeiden. "Am Anfang stand natürlich die Überlegung, ob die Welt überhaupt einen weiteren Plastikstuhl braucht. Erst war ich ziemlich ablehnend, aber je mehr ich darüber nachgedacht habe, desto größer schien mir doch der Bedarf an etwas Neuem in diesem Bereich zu sein. Es gibt auf dem Markt entweder sehr billige oder zu exklusive Stühle, aber wenig was erschwinglich und dabei vielseitig einsetzbar wäre", sagte er bei der Vorstellung des Bell Chair. Für ein ökonomisch und ökologisch gleichermaßen vorzeigbares Ergebnis stand von Anfang an die Materialfrage im Mittelpunkt. Entscheidend bei der Antwort war, dass Grcic und die norditalienische Möbelfirma Magis als dritten Partner für das Projekt sehr früh einen Kunststoffspezialisten fanden, dessen Ingenieure aktiv an der Entwicklung mitarbeiteten und auch die entscheidende Zutat beisteuern konnten: ein neu entwickeltes Polycarbonat, hergestellt aus Kunststoffabfällen der italienischen Autoindustrie und der eigenen Möbelproduktion von Magis. Dank der homogenen Qualität dieser Industrieabfälle entstand ein stabiler Werkstoff, dessen leichte Granulatoptik auch am fertigen Stuhl zu sehen ist - was mit den drei verfügbaren Farben sogar als angenehm kurzweiliges Muster durchgeht.

Dieser voll recycelte und recyclebare Werkstoff also verlieh dem Projekt die zeitgemäße Schubkraft und rückte die Vision in greifbare Nähe. Genauso wichtig war aber auch eine leistungsfähige Spritzgussanlage, die ebenfalls von Ingenieursseite entwickelt wurde und die jetzt einen Bell Chair in weniger als einer Minute herstellen kann. Mit derart optimierten Materialeinsatz und Fertigung lässt sich der Verkaufspreis für einen Stuhl auf 77 Euro drücken. Das ist zwar immer noch mehr als der No-Name-Billig-Monoblock kostet, aber mit dem Wegwerfprodukt ist der Bell Chair mit seiner nahezu adeligen Provenienz und den soliden inneren Werten auch nicht zu vergleichen. Die - übrigens auch für die Marke Magis ungewöhnliche - Kalkulation muss also als ernsthafter Vorschlag betrachtet werden, der das Bild hiesiger Terrassen- und Außenflächenbestuhlung mittelfristig verändern könnte.

Wobei es natürlich eine Einschränkung gibt: Das Vertriebsnetz von Magis umfasst bis jetzt eher die klassischen, hochwertigen Einrichter in den Städten. Wenn sich der Bell Chair bewährt und irgendwann in den Gartenabteilungen der Baumärkte auftaucht, wird es wirklich interessant. Denn erst wenn nachhaltiges Design auch breit zugänglich und überall gesehen wird, kommt der nachhaltige Aspekt richtig zum Tragen, das gilt für Mode, Interieur und eigentlich jedes neugrüne Produkt. Aber, ja: Ein Designerstuhl unter hundert Euro ist eine beachtliche Ansage. Denn viele der maßgeblichen Möbelfirmen haben in den vergangenen Jahren zwar mit nachhaltigen Prozessen experimentiert und viele Designer kümmern sich längst darum, welche Nebenwirkungen ihre Entwürfe auf die Umwelt haben. Die Preise dafür sind aber fast immer deutlich im dreistelligen Bereich angesiedelt.

Beim Bell Chair zeigt sich auch, dass Design doch noch mehr kann, als die Dinge immer nur schön und teuer zu machen. In zahllosen Verbesserungsrunden tüftelten Grcic und sein Team ein ganzes Jahr lang an einer Form, die nicht nur Sitzkomfort, Stapelbarkeit und Stabilität bietet, sondern dabei auch so wenig Material verbraucht wie statisch irgendwie möglich. Das Ergebnis ist eine halbeiige Sitzschale für draußen und drinnen, die ihrem Insassen Sitzfläche, Armauflage und Lehne in einem bietet und sich auf Beinen mit C-Form selbst maximal stabilisiert. Mit gerade mal 2,7 Kilo verwendetem Polykarbonat ist der Stuhl dabei halb so schwer wie vergleichbare Armlehnstühle - er wiegt tatsächlich nur so viel wie der weiße Billig-Bestseller, bei deutlich längerer Lebenserwartung.

Auch Fertigungsdetails beschäftigten Grcic, der sich trotz aller Lorbeeren vonseiten der Luxusbranche als Industriedesigner versteht. Viele Stuhlmodelle sind stapelbar, aber die meisten Stapel wachsen konstruktionsbedingt Stuhl für Stuhl zu einem windschiefen Turm in die Höhe. Ein Bell-Chair-Turm aber lässt sich sauber vertikal aufrichten, was nicht nur in der Praxis auf der Terrasse ordentlich aussieht und Platz spart, der eigentliche Vorteil liegt in der Logistik - auf einer eigens konstruierten Palette können die Stühle damit gleich direkt aus der Gussanlage stabil gestapelt und als Turm für den Versand zum Großhändler vorbereitet werden. Die einzelne Verpackung für jeden Stuhl entfällt. Auch hier war das Ziel, die Prozesse soweit wie möglich zu vereinfachen und Überflüssiges einzusparen. Vorsprung durch Technik und Grcic, gewissermaßen.

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