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Design:Einleuchtend

Böhmisches Leuchten: Die Serie "Kubismus" der Manufaktur Moser aus Karlsbad.

(Foto: Michael Dvorák)

Klar ist hier gar nichts mehr: Buntes Glas erlebt gerade einen Boom, weil man es so schön fotografieren und im Internet herzeigen kann. Und traditionsreiche Marken machen den Farbtrend im Interior Design natürlich sehr gerne mit.

Wer auf der Webseite des Designladens Coming Soon den kristallklaren Begriff "glass" eingibt, also Glas, bekommt nicht unbedingt das Erwartete. Von wegen durchsichtig. Es gibt königsblaues Geschirr. Dosen in cremigem Beige oder Hellgrün. Aber so gut wie kein Produkt aus gewöhnlichem, transparentem Glas. Dafür eine hübsche zuckerwattenrosa Schale mit Pralinen, die so appetitlich aussieht, dass man beim Anschauen nicht nur gern in das Konfekt beißen würde, sondern in den Teller gleich mit. Und genau das ist die Absicht.

Farbiges Glas kommt besser zur Geltung: Das ist keine besonders überraschende Erkenntnis, und sie ist auch nicht den Machern von Coming Soon in Manhattan vorbehalten, obwohl man sich dort eine Menge auf sein gestalterisches Gespür einbildet. Die Auswahl zeigt, dass normales Klarglas für designinteressierte Menschen offenbar zu langweilig geworden ist. Eine Banalität, die man sich nicht auf den Tisch oder ins Küchenregal stellt. Der Trinkbecher oder die Zitronenpresse muss schon etwas markanter aussehen, sozusagen nicht so durchschaubar. Und wer nur einen kurzen Blick in Interior-Blogs oder auf Pinterest wirft, wird sofort fündig. Ganze heimische Glaslandschaften tun sich auf.

Für seriöse Liebhaber sind die Arrangements, die man da zu sehen bekommt, kaum interessant. Glaskunstwerke sind ja seit jeher wertvolle Sammlerstücke, Museen wie das Grüne Gewölbe in Dresden verwahren Unikate berühmter Kunsthandwerker. Auktionshäuser verkaufen fragile Tiffany-Lampen für Hunderttausende Euro. Dass Glas, gerade farbiges, Menschen fasziniert, ist nichts Neues.

Auf Instagram kommt die Champagnerflöte nicht an gegen fotogenes Pastellglas

Aber jetzt soll diese Spur Extravaganz, das Ausgesuchte in jedes bessere Restaurant einziehen und in jeden Durchschnittshaushalt. Auf einem salbeigrünen Glasteller sieht auch der Mozzarella vom Discounter irgendwie gehoben aus. Für die Saftschorle gibt es bei Ikea Sporadisk-Gläser, deren Muster man mit etwas Fantasie als bauhausartig bezeichnen kann. Die Serie Splash von Hay imitiert das Dekor der Jugendstil-Meister. Und "milk glass", in der namensgebenden weißen Variante oder anderen Nuancen, ist besonders beliebt. Dabei spielt der Retro-Faktor eine wichtige Rolle, ohne den es heutzutage kein Designtrend in die Breite schafft. Die dickwandigen Küchenaccessoires wurden in den Fünfziger- und Sechzigerjahren von den USA aus auch in Europa beliebt.

Jetzt sind sie als Midcentury-Objekte wieder schick. Im Münchner Auktionshaus Quittenbaum mit Schwerpunkt auf Designstücken fällt das Interesse an Buntglas seit Längerem auf. Und bringt schon mal andere Kundschaft in die Räume an der Theresienstraße. Gerade wird eine Murano-Glas-Versteigerung vorbereitet, die historischen Stücke aus venezianischen Werkstätten sind etwas für Kenner. Und die machen den allergrößten Teil der Klientel aus. "Aber es kommt immer öfter vor, dass Leute ein Objekt aus farbigem Glas im Fenster sehen und sagen, das würde super in unsere Wohnung passen", sagt Mitarbeiterin Nadine Becker. "Ohne dass sie es historisch zuordnen können. Darum geht es ihnen gar nicht." Becker beobachtet, dass im Interior-Bereich "mehr Farbe gewagt wird, ohne dass man Angst hat, es könnte kitschig aussehen". Dazu kommt: Auf Fotos für Social-Media-Kanäle sieht bunt einfach besser aus. "Wenn bei unseren Posts ein Glasobjekt farbig ist, zieht es sofort mehr Leute an."

Die Begeisterung im Netz für farbige Produkte ist ein wichtiger Grund für das relative Desinteresse an Klarglas, das daneben eben ziemlich fad aussieht. Auf Instagram kommt die klassisch durchsichtige Champagnerflöte einfach nicht an gegen pastellige Gläserserien wie Rialto vom Label Sir/Madam: sanfte Sorbetfarben, nostalgische Kelchform, transparente Auslassungen für ein dekoratives Licht-Schatten-Spiel auf Fotos. Da ist alles genau kalkuliert für die urbanen Kunden zwischen zwanzig und vierzig. Dass der Boom bisher unauffällige Marken plötzlich ganz nach oben spülen kann, weiß auch Jörg Benecke. Er betreibt bei Bremen den Onlineshop "Home Of Cake" für Glashauben und Tortenplatten. So ein "cake stand" ist sozusagen die tragende Säule in der Flut süßlicher Küchlein- und Muffinfotos, die uns seit Jahren überschwemmen. Und am besten sollte er von Mosser Glass sein.

"Der Klassiker", sagt Benecke. "Neuerdings wird er gern in Schwarz gekauft." Die Firma aus Cambridge, Ohio gibt es seit 1959, sie produziert Krüge oder Tellersets in freundlich robuster "All-American"-Machart. Praktisch im Haushalt und trotzdem frisch anzusehen. Seit einigen Jahren sind die Produkte in ausgesuchten Concept Stores zu haben. Filmausstatter und Stylisten lieben Mosser Glass. Wer einen Bericht auf der Webseite der "Alliance for American Manufacturing" über den Betrieb liest, sieht Arbeiter vor Brennöfen pistaziengrüne Tortenständer bearbeiten. Das passt nicht so richtig zum hippen Instagram-Universum. Aber von den zahlreichen Glasfabriken der Gegend mussten die meisten schließen. Mosser floriert gerade. Da macht es nichts, wenn sie manchmal den Kopf schütteln über die Launen der Kundschaft in London oder Friedrichshain. Zum Beispiel beim "hen on nest", einem in die Jahre gekommenen Modell. Ein kleines Behältnis mit Deckel, das eine hockende Henne darstellt. Es war auf einmal der Renner, aus buntem Glas, was sonst.

Von solchen Kurzlebigkeiten ist ein Name wie Moser Karlsbad eigentlich weit entfernt. Die Glasbläserei aus Böhmen besteht seit Mitte des vorvergangenen Jahrhunderts und beliefert die feinsten Adressen mit ihren schweren Trinkgefäßen. Queen Elizabeth II. genehmigt sich ihre Getränke in Moser. Die königliche Hochzeit von Felipe und Letizia in Spanien, Festbankette von Scheichs oder Oligarchen: Echtes Kristall von Moser ist ein Prestigeobjekt. Während solche Luxusmanufakturen früher ihr Sortiment oft auf hochwertige, aber in der Gestaltung konventionelle Entwürfe beschränkten, müssen sie längst mit der Zeit gehen. Porzellan aus Meißen oder Nymphenburg sieht heute auch nicht mehr so aus wie vor dreißig Jahren.

Bei Moser heißen die modernen (und trotzdem kostspieligen) Trinkglas-Serien Bar oder Kubismus. Vielkantig geschliffen, damit sich das Licht schön darin bricht. Und natürlich sind sie farbig. Mit einmaliger Leuchtkraft, betont das Unternehmen. Und: schon möglich, dass Farbe beim Glas gerade Trend sei. Aber wie diese Intensität hinzubekommen ist, stehe in einer Geheimrezeptur. Und die komme aus Karlsbad nicht heraus.

© SZ vom 01.02.2020

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