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Buchrücken:Umschlagplatz

Die amerikanische Künstlerin Jane Mount (idealbookshelf.com) verewigt auf Wunsch Bücher, die einem wichtig sind, und zeichnet sie in Gouache und Tinte.

(Foto: Jane Mount)

Das Bücherregal verrät eine Menge über den Menschen, der sich damit schmückt. Aber was steht da eigentlich, und in welcher Absicht? Eine Liebeserklärung an den Buchrücken.

Von Julia Rothhaas

Der rote kursive Schriftzug auf Beige: Da könnte man gleich wieder heulen. Daneben, das grüne Leinen mit weißen Lettern: eine Enttäuschung. Dafür würde es sich lohnen, das glänzende Blau eine Reihe tiefer noch mal zu lesen. Wie das Buch heißt, spielt beim flüchtigen Blick auf das Regal erst einmal keine Rolle. Denn der Buchrücken ist der Agent zwischen Auge und Kopf, der uns ein Gefühl vermittelt - und nicht nur Titel und Autor nennt. Wir sehen kurz hin und haben auch nach längerer Zeit wieder ein Gespür dafür, wie die Lektüre war. Der Buchrücken ist wie das Loch, in das Alice im Wunderland fällt, die Eingangstür zu den bunten Welten dahinter und den Gefühlen, die wir beim Lesen hatten.

Über die Gestaltung des Buchrückens muss man hingegen oft hinwegsehen, die erlebt meist ein ähnliches Schicksal wie Skiunterwäsche: nicht schön, aber nötig. Sieht das Original beim amerikanischen Verlag noch gut aus, hinkt die deutsche Fassung oft hinterher. Was vorher bunt und verspielt war und die natürliche Verbindung zu Vorder- und Rückseite, scheint beim Transatlantikflug verloren gegangen zu sein. Beim Kauf mag dieses Kriterium egal sein, im Buchregal hingegen ist die schmale Kante das, was bleibt.

Wie sehr uns die Farblichkeit an der Wand prägt, wird erst ersichtlich, wenn ein Buch fehlt oder die Bücher nach einem Umzug neu sortiert werden. Wohn-Puristen, die sich ohnehin Stück für Stück von ihren Bücher verabschieden, interessiert das wenig. Auch in der elektronischen Lesewelt ist der Buchrücken überflüssig, dort scheint es, als hätte es ihn nie gegeben. Der eigentliche Leidtragende des 15-prozentigen Absatzanstiegs von E-Books im vergangenen Jahr ist also nicht das "echte" Buch, sondern sein Rücken.

Innenarchitekten jubeln hingegen, wenn sie Farbblöcke in Reclam-Gelb, Tropen-Schwarz-Weiß oder als Suhrkamp-Regenbogen ins deutsche Regal oder in Bars und Hotels setzen können, wo sie zwar nie gelesen werden, aber für Heimeligkeit sorgen. Bücher sind schließlich gut fürs Raumklima, weil Papier Staub, Gerüche und Geräusche bindet.

Am schönsten sind allerdings die Buchregale, die ganz ohne Sortierung auskommen. In denen der Ratgeber neben dem Klassiker steht, das Kunstbuch neben dem Kinderbuch, das Erbe neben der Neuerscheinung. Doch kaum jemand überlässt sein Regal mehr dem Zufall: Sortiert wird nach Autor, Größe, Verlag, Genre, Epoche und - Farbe. Was nur begrenzt Sinn macht, denn wer nicht weiß, ob das gesuchte Buch auch rot ist, wird es unter vielen roten Büchern nur schwer finden. Natürlich kann man es handhaben wie der bibliomanische Peter Kien aus Canettis "Blendung", der alle Bücher gleich machen will und jeden einzelnen Band mit dem Rücken zur Wand stellt. Dann sieht gar der mittelmäßigste Umschlag gut aus.

In der Geschichte der Bücher tauchten Buchrücken lange nicht auf. Im Mittelalter wurden die Wälzer liegend aufbewahrt; der Rücken bekam oft ein Piercing, damit man das kostbare Werk anketten konnte. Seit dem 16. Jahrhundert reichte der Platz für all die Gutenberg-Produkte nicht mehr aus und sie wurden aufgerichtet. Allerdings ganz nach Kien: mit dem Rücken nach hinten. "Die Bücher waren zum Schutz armiert, sie trugen Metallschließen", sagt Andreas Wittenberg, Referatsleiter der Abteilung Historische Drucke der Staatsbibliothek zu Berlin. "Weil man sie daran auch gut aus dem Regal ziehen konnte, wurden sie mit dem Vorderschnitt, also den Seiten, in Richtung Betrachter aufgestellt." Vom 16. Jahrhundert an wurde die Privatbibliothek zum Statussymbol, und man ließ die Bücher so binden, wie es zu Einrichtung und Geschmack passte - und zum Budget. Bis ins 18. Jahrhundert kam man um den Buchbinder nicht herum, denn gekauft wurde nur der Buchblock, der gedruckte Teil, der einen Mantel benötigte.

Eine Bücherwand verrät viel über ihren Besitzer: Ist die Auswahl kuratiert oder zufällig? Was versteckt sich ganz unten im Regal?

Auch Schutzumschläge, die das Bücherregal so schön bunt machen, kamen erst Ende des 19. Jahrhunderts in Umlauf. Der Umschlag wurde von den Bibliotheken nicht selten entsorgt - er diente tatsächlich nur zum Schutz beim Transport und nicht als Werbemittel. Manche Verlage verzichten heute noch auf den Einband, weil es in schlichtem Leinen oder Pappe schicker aussieht. Und Geld spart.

Ein wunderbares Durcheinander im Regal ergeben nicht nur die Farben und Schrifttypen, sondern auch die Kennzeichnungen auf dem Rücken: Deutschsprachige Bücher werden meist von unten nach oben beschriftet, weil die Verlage davon ausgehen, dass der Großteil der Leser Rechtshänder ist, die ein Buch also mit der rechten Hand aus dem Regal nehmen und während der Suche nach einem Buch den Kopf nach links neigen. Bei englischsprachigen Werken ist es genau andersherum. Eine Antwort auf das Warum gibt es genauso wenig wie eine verbindliche Vorschrift, nicht mal eine internationale Norm hat sich durchgesetzt. Was zu einigem Kopfschütteln führt, gerade vor dem Regal, aber man soll sich ja bewegen. Ob Bücher von Autoren mit kurzen Namen (Eco) oder kurzen Titeln ("Kruso") sich besser verkaufen, weil sie ohne Kopfdrehen zu lesen sind, ist nicht bekannt.

Bücher sagen viel über ihren Besitzer aus (noch lieber versuchen Menschen, mithilfe von Büchern etwas über sich zu sagen, aber das ist ein anderes Thema). Eine Bücherwand ist also auch die Eintrittskarte für Alltagsvoyeure: Wirkt die Auswahl durchkonzipiert oder eher zufällig? Welcher Buchrücken hat Risse, weil die Ausgabe wohl häufig gelesen wurde? Welche Bücher stehen auf Augenhöhe? Was wird auf den unteren Regalböden versteckt? Sind das die gleichen Bücher, die man selbst gerne aussortieren würde?

Der Onlinehändler Amazon, ewiger Kampfschauplatz zwischen "schnell-bequem-praktisch" und "Rettet den Einzelhandel!", probiert sich seit Anfang November in einem neuen Segment aus, dem realen Geschäft mit Büchern. Dafür wurde in einer ehemaligen Barnes&Noble-Filiale in Seattle der erste eigene Buchladen eröffnet. Das Sortiment von rund 5000 Titeln ist überschaubar, doch das Unternehmen möchte die Bücher unbedingt flach auslegen. Da lacht der Buchrücken: Im Regal ist ja doch nur er wieder zu sehen.

© SZ vom 14.11.2015
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