Auto-Trend SUV:Verhaltene Reaktionen der Mitmenschen

Die Reaktion der Außenwelt auf meinen Monstertruck fällt hingegen viel blasser aus, als ich erwartet hatte. Sie pendelt zwischen taktvollem Wegschauen (Antiquare in Haidhausen) und kindlicher Bewunderung (Schulklassen im Westend). Kein Kopfschütteln, keine Mittelfinger von Radfahrern. Die tollen Momente sind die, in denen ich an einer Ampel stehe und neben mir ein Handwerkerbus hält. Da kleben die Lehrlinge mit der Stirn an der Scheibe.

Insgesamt aber ist den Münchnern im Jahr 2015 ein Spritschlucker in der Größe eines Batmobils voll wurscht. Ich rolle morgens vor mehreren Kitas entlang, steuere einen Wertstoffhof und ein berüchtigtes Schwabinger Mutti-Café an, parke demonstrativ rücksichtlos vor dem Bürgeramt. Keine nennenswerten Reaktionen. Vermutlich war die Annahme auch vermessen: zu denken, man falle mit so einem Ding noch irgendwie auf. In München! Der Geländewagenfahrer in der Stadt, ahne ich nach zwei Tagen, das ist natürlich längst kein politisch inkorrekter Rebell mehr. Das ist die Norm, die Angepasstheit, das moderne Spießertum. Ein absurder, aber leider wahrer Satz: Wer im Straßenverkehr ein Punk sein will im Jahr 2015, muss wahrscheinlich ein Elektroauto fahren.

Und das, obwohl die Politik die Elektromobilität längst unterstützt. Stromtankstellen werden, zumindest in Städten, immer normaler, 19 Elektro-Automodelle werden in Serie produziert, auf der IAA werden es wieder ein paar mehr. Nur kaufen will sie keiner. Renault verfehlte 2014 sein (eh schon bescheidenes) Ziel, in Deutschland 4000 Elektro-Autos zu verkaufen, um sensationelle 50 Prozent: Nur 1800 gingen weg. Rechnerisch haben sich für jeden Deutschen, der im letzten Jahr ein E-Auto gekauft hat, 36 einen SUV zugelegt. So viel zum Umweltbewusstsein in einem Land, das sonst sehr stolz darauf ist, seine Atomkraftwerke abzuschalten.

Ist das nicht alles absurd, unlogisch, irrational? Ein Anruf bei Rüdiger Trimpop, Professor in Jena, einer der renommiertesten Verkehrspsychologen. "Von wegen", ruft er in den Telefonhörer und schaltet gleich den rhetorischen Allradantrieb an: "Grün-alternative Großstädter wie Sie überrascht das vielleicht - aber das Image, das ein Auto mit sich bringt, ist fast allen Leuten wichtiger. Umweltschutz? Pfff, wir trennen doch den Müll!" Die Deutschen hätten zur Zeit viel Geld angespart, gerade sind Kredite billig wie nie - also verwirklichen sie sich ihren Imagetraum. Aber, Herr Trimpop, die fossilen Brennstoffe? Das Klima?! - "Ja, gut", schnaubt der Professor. "Dann werden die halt irgendwann knapp. Aber solange der Sprit noch so billig ist, ist das eher ein Grund, sich erst recht ein großes Auto zu leisten. Solange man es noch kann!"

Auto-Trend SUV: Illustration: Bene Rohlmann

Illustration: Bene Rohlmann

Tag zwei, Autobahn. Das nervöse Piepsen der Stadt weicht einer wunderbaren Ruhe. Die Masse von 2,2 Tonnen Leergewicht mit 1,70 Metern Höhe macht ein herrliches Überlegenheitsgefühl. Die Autos fahren vor mir auf die rechte Spur. So müssen sich Fahrer von Betonmischern fühlen, wenn sie im Schritttempo auf eine befahrene Landstraße einbiegen. In der Stadt bin ich vielleicht eine peinliche Dickhose mit zerschrammten Kotflügeln - auf der Autobahn bin ich die Spitze der Nahrungskette.

Unerwünscht in der "Fahrradhauptstadt"

Nach anderthalb Stunden ist Erlangen erreicht. Wenn ich mit dem Zivil-Panzer irgendwo auf Widerstand stoße, dann dort. Erlangen ist seit den Siebzigern "Fahrradhauptstadt", die Stadt der progressivsten Öko-Visionäre Bayerns. Überall auf den perfekt asphaltierten Straßen sind grellweiß markierte Radspuren, stellenweise breiter als die Fahrbahn, ständig stoppe ich vor Einbahnstraßen, in die nur Radfahrer dürfen. Die Stadt macht mir und meinem X6 schnell klar, wer hier erwünscht ist. Wir jedenfalls nicht.

Marlene Wüstner steht am Fenster im 14. Stock des Rathauses, im höchsten Büro der Stadt. Sie guckt runter: Bäume, Grüngürtel, Radfahrer, in der Ferne Nürnberg. Wüstner ist Stadträtin und Vorsitzende der "Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundliche Kommunen in Bayern". Sie vergibt Zertifikate für Fahrradfreundlichkeit, man könnte auch sagen: für SUV-Feindlichkeit. Die Kommunen reißen sich darum.

"Warum heute alle mit Allradantrieb durch die Stadt fahren wollen? Keine Ahnung." Auf ihrem Besprechungstisch liegt die Lokalzeitung, ein Artikel über die legendär aggressiven Radler von Erlangen. Der Autor schildert eine Szene, in der ein Radfahrer von einem SUV ausgebremst wird und mit den Fäusten auf die Motorhaube einprügelt. Marlene Wüstner sagt: "Ich nehm so was nicht wahr" und grinst dabei.

Sie kennt natürlich die Spannungen, die es mit sich bringt, wenn seit den Achtzigerjahren die Radwege immer breiter werden - und die Autos nun leider seit ein paar Jahren auch. Sie hat auch deshalb eine Toleranz-Broschüre herausgebracht, Überschrift: "Rücksicht kommt an!" Aber ihr Ziel ist ja noch lange nicht erreicht. Das wäre die komplett autofreie Stadt, in der man sich nur zu Fuß, im Bus oder auf dem Rad bewegt. Das Auto bleibt auf dem Parkplatz am Stadtrand. Kopenhagen sei jetzt schon fast so weit - "Erlangen in 20 Jahren auch."

Wenn man Wüstners Vision folgt, könnte der SUV auf sehr lange Zeit gesehen also quasi nachträglich Sinn bekommen: Wenn man Autos nur noch zwischen Städten fährt, gibt es keine Kratzer mehr im Stadtverkehr und keinen Konflikt mit Radwegen. Daran denke ich, während ich auf dem Rückweg mit 225 Sachen den Kombi vor mir wegblinke: Noch bin ich mit diesem Auto in der Stadt vielleicht ein Clown. Aber bald kommt meine Zeit!

Wie gesagt: Das Auto hat gesiegt.

Ich fahre das nie wieder.

Der Text erschien am 12. September 2015 im Wochenendteil der Süddeutschen Zeitung.

© SZ vom 12.09.2015
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