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WM in China:"Er ist unser Lehrer"

Basketball - FIBA World Cup - Semi Finals - Argentina v France

Der 39-Jährige argentinische Nationalspieler Luis Scola nach dem gewonnenen Halbfinale gegen Frankreich.

(Foto: Thomas Peter/Reuters)

Argentiniens Luis Scola ist der Liebling des Publikums bei der WM. Im Finale am Sonntag will er seine große Karriere krönen. Gegen Spanien hat der 39-Jährige ohnehin noch eine Rechnung offen.

Wenn man Luis Scola eine Weile nicht gesehen hatte, hat man ihn kaum erkannt vor dieser Basketball-Weltmeisterschaft. Sein Markenzeichen war weg, die glatten, schwarzen Haare, die ihm bis auf die Schultern hingen, und die er mit einem Gummiband im Zaum hielt, wenn er spielte. Stattdessen trägt er die Haare nun kurz, und man sieht, dass sie an den Schläfen allmählich grau werden. Auch an Luis Scola ist die Zeit nicht vollkommen spurlos vorübergegangen. Aber körperlich ist der 39-Jährige immer noch der Alte, fit wie früher, alles tipp-topp, wie er bei der WM in China eindrucksvoll demonstriert.

"Ich verstehe, dass jeder über mein Alter redet", sagte Scola, der drittälteste Spieler dieses Turniers und einer von bloß einer Handvoll Basketballern, die es auf fünf WM-Teilnahmen bringen. Bloß er mag sich nicht mit dem Alter beschäftigen. "So funktioniert mein Gehirn nicht", hat er in China erklärt: "Ich gehe nicht auf das Parkett und denke: Oh mein Gott, ich bin älter als diese Jungs, sie sind fünf, zehn, fünfzehn Jahre jünger als ich. Das ist keine Goodbye-Tour - das ist eine WM!"

Und bei der gehört der Argentinier immer noch zu zehn besten Spielern, was die Punkte angeht (19,3 im Schnitt pro Partie), die Rebounds (8,1) die Effizienz ganz allgemein. Er hat damit seine Mannschaft ins Finale geführt, an diesem Sonntag (14 Uhr/live auf Magenta Sport) gegen Spanien, und es ist klar, dass sich in der Wukesong Sport Arena von Peking alles um ihn drehen wird, den 2,06 Meter großen Flügelspieler. Er ist der "sentimental favourite", wie die Amerikaner sagen, der Liebling des Publikums.

Dieses Turnier ist ja fast ein Heimspiel für Luis Scola. Nach einem Jahrzehnt in der amerikanischen Profiliga NBA, in Houston, Phoenix, Indiana und Brooklyn, ist er seit zwei Jahren in der chinesischen Liga aktiv, zuletzt für die Shanghai Sharks, natürlich als deren Topscorer. Scola hat aber die ersten zehn Jahre seiner Profi-Karriere in Spanien verbracht, wo er zweimal zum besten Spieler der Liga gewählt wurde, 2005 und 2007; er hat sogar einen spanischen Pass, was nicht unüblich ist für jemanden aus dem Einwandererland Argentinien.

Vor allem aber ist Scola der letzte Mann von Argentiniens "Generación Dorada", die nicht umsonst so genannt wird: Bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen wurde die Mannschaft um Manu Ginobili, Fabricio Oberto, Andrés Nocioni und eben Scola mit Lorbeerkränzen und Goldmedaillen gekrönt.

Seine Vielseitigkeit macht Scola zeitlos

Zu Beginn dieses Jahrtausends verzauberten Argentiniens Basketballer die Fachwelt mit ihrer Spielweise: So flüssig, so trickreich, so teamorientiert ließ keine andere Mannschaft den Ball durch ihre Reihen laufen. Diesen Argentiniern gelang sogar eine historische Leistung: Sie waren die ersten, die eine US-Auswahl voller NBA-Profis bezwangen, und das auch noch auf deren Boden, bei der WM 2002 in Indianapolis, 87:80 in der Zwischenrunde. Im Finale dieses Turniers gegen Jugoslawien war Luis Scola dann die tragische Figur. In den Schlusssekunden hätte er für den Sieg sorgen können, wurde aber wegen eines vermeintlichen Fouls zurückgepfiffen, als er allein auf den Korb zurannte. So blieb es beim 75:75, die Partie ging in die Verlängerung und dort 77:84 verloren. Scola konnte es nicht verhindern, er durfte nach seinem fünften Foul nicht mehr mitspielen. Noch heute fühlen sich viele Argentinier wegen des Foulpfiffs gegen Scola um den Erfolg betrogen.

So nah wie in Indianapolis kam Argentiniens goldene Generation dem WM-Titel auch nie mehr. Vier Jahre später scheiterte sie in Japan im Halbfinale - 74:75, ausgerechnet gegen Spanien. Auf dem Weg ins Endspiel von Peking 2019 haben die Argentinier im Viertelfinale bereits die hochfavorisierten Serben aus dem Weg geräumt, die legitimen Nachfolger Jugoslawiens. Nun geht es also gegen Spanien, es ist die letzte WM-Rechnung, die Scola noch offen hat und die er nun begleichen will.

Ursprünglich hatte Luis Scola bereits verkündet, dass seine Zeit im Nationaltrikot nach dieser WM endet. Aber nachdem mit dem Halbfinaleinzug schon die Olympia-Qualifikation perfekt war, überlegt er nun wieder: Er könnte in Tokio 2020 bei seinen fünften Sommerspielen starten. Die Teamkollegen hätten vermutlich nichts dagegen.

"Er ist unser Anführer", sagt Spielmacher Facundo Campazzo, der als zweimaliger Euroleague-Champion mit Real Madrid selbst Anspruch auf die Führungsrolle anmelden könnte, aber klugerweise hinter den Altmeister zurücktritt. "Wir alle haben eine Menge über das Spiel von hm gelernt", sagt der 28-Jährige, "und wir folgen seinem Vorbild in jedem Training und in jedem Spiel." Selbst Nationaltrainer Sergio Hernandez sagt über Scola: "Er ist unser Lehrer. Er geht mit gutem Beispiel voran, nicht bloß mit Worten."

Und Luis Scolas Taten sind ja immer noch zu gut, um ganz Schluss zu machen. Seine Spielweise und sein Spielverständnis erlauben es ihm, trotz mitunter fehlender Geschwindigkeit Einfluss auf das Geschehen zu nehmen. Ein Hakenwurf da, geschickte Hände beim Rebound dort, mittlerweile kann er sogar Dreier treffen. Diese Vielseitigkeit macht Luis Scola in gewisser Weise zeitlos.