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WM-2006-Verfahren:Im Büro war er jedenfalls nicht

FILE PHOTO: Swiss Attorney General Lauber listens to a question during news conference in Bern

„Er sollte zurücktreten“: Bundesanwalt Michael Lauber.

(Foto: Ruben Sprich/Reuters)

Der Schweizer Staatsanwalt Remund dementiert auf kuriose Weise, dass er verbotenerweise bei einem heiklen Treffen war.

Von Thomas Kistner

Am Montag ist er offiziell verjährt, aber schon deutlich früher ist er unrettbar in sich zusammengefallen: Der Strafprozess um die berühmte 6,7-Millionen-Euro-Schieberei bei der Fußball-WM 2006. Die Schweizer Bundesanwaltschaft (BA) hat das Verfahren krachend an die Wand gefahren. Das bescheinigte ihr sogar das Bundesstrafgericht in Bellinzona, das erst Nachbesserungen verlangte, dann starke Bedenken wegen Befangenheit formulierte; und schließlich wurde der BA-Chef Michael Lauber, 54, sogar rechtskräftig von den meisten Fußball-Verfahren der eigenen Behörde suspendiert. In Erklärungsnot geraten ist aber auch der operative Ermittlungschef in diesem "Sommermärchen"-Verfahren: Cédric Remund, 38.

Im Raum steht der Verdacht, der Staatsanwalt Remund sei der fünfte Mann bei einem der bizarren Geheimtreffen des Chefermittlers Lauber mit dem Fifa-Präsidenten Gianni Infantino, 50, gewesen (SZ vom 18.4.). Diese heimliche Zusammenkunft hat in der Schweiz einen Justizskandal ausgelöst. Sie fand am 16. Juni 2017 im Berner Nobelhotel Schweizerhof statt, Tür an Tür zur Botschaft des Emirats Katar, dem das Gebäude auch gehört. Leider wollen Bundesanwalt und Fifa-Boss ihr zweistündiges Palaver total vergessen haben, so haben beide es ausgesagt; und auch ihre Getreuen an jenem Tische erlitten einen spontanen Gedächtnisverlust: BA-Sprecher André Marty und der Kantonaljurist Rinaldo Arnold, der für seinen Schulfreund Infantino eine windige Rolle spielt, indem er ihm Justiz-Kontakte vermittelte.

An jenem Tag nahm Remund sich frei. Ist das ent- oder belastend?

Ein Teilzeit-Blackout in Gruppenstärke: Das nährt den Verdacht, dass die vier Amtsträger ein unvorteilhaftes Detail jenes 16. Juni 2017 ausblenden wollen, ein Detail, das nicht fürs Tageslicht bestimmt ist. Durch die Restaurant-Rechnung, Kalender-Einträge sowie SMS-Verkehr unterfüttert ist der Verdacht, dass noch ein fünfter Gast zugegen war. Wer? Ein Tabu wäre die Anwesenheit des Ermittlungsführers Remund (oder auch einer anderen Person aus der Fifa-Fußball-Taskforce der BA). Operative Ermittler am Tisch solcher privater, nicht protokollierter Dates - das würde auch andere Strafverfahren so blamabel beenden wie das Sommermärchen.

Diverse Medienanfragen, ob Remund der Fünfte war, hat die BA nie dementiert (anders, als es etwa andere zwischenzeitlich als Teilnehmer verdächtigte BA-Juristen taten). Zu Remund erklärte sie nur ausweichend, sie beteilige sich nicht an "Medienspekulationen" und verwies auf frühere "Stellungnahmen" zum Thema, die sie nicht näher benennen wollte. Groß ist seither die Aufregung in der Schweiz.

Intern erkannte die BA offenbar Klärungsbedarf. Schon deshalb, weil die Anwälte der im WM-2006-Verfahren beschuldigten Ex-Funktionäre die Nachrichtenlage in den Prozess trugen: Sie unterstellten zentralen Stellen der BA massive Fifa-Nähe und bombardierten das Bundesgericht mit Befangenheitsanträgen.

Erst an diesem Montag nun reagierte Cédric Remund: Dem Bundesstrafgericht teilte er mit, er sei nicht der fünfte Mann bei dem Treff 2017 gewesen. Wie er das belegt? Nein, Flugtickets wie sein damaliger Vorgesetzter Olivier Thormann, zeigt er nicht vor, auch keine eidesstattliche Versicherung oder sonst ein starkes Hilfselement für seine Erklärung. Sondern folgendes: Er habe an jenem Tage einen wissenschaftlichen Beitrag verfasst und sich in der Behörde frei genommen - was er mit einem "entsprechenden Auszug" aus dem elektronischen Zeiterfassungssystem der BA zu belegen versucht. Der Auszug aber vermerkt nur, dass die Bezugsperson "absent" war. Ob Remund zuhause, spazieren oder im Hotel Schweizerhof war, vermerkt der Auszug nicht. Wie könnte er.

Der Staatsanwalt erklärt also seine Abwesenheit beim heiklen Treff im Nobelhotel, indem er nachweist, wo er zur besagten Zeit nicht war: am Arbeitsplatz in der BA. Ist das entlastend - oder ist es eher belastend? Was sagen erfahrene Strafermittler? "Lustig", sagt einer, der in Remunds geplatzter Sommermärchen-Causa beschuldigt war, "eigentlich kann er da auch sagen, er sei Angeln gewesen." In der Tat. Ein Nachweis, zum Zeitpunkt des Treffens dort gewesen zu sein, wo man sich an den meisten Werktag-Vormittagen aufhält und wo es gewöhnlich Zeugen gibt, nämlich am Arbeitsplatz: Das wäre ein stabiles Alibi. Stattdessen war Remund gerade nicht dort - was natürlich in keiner Weise belegt, dass er nicht im Hotel war. Wo war er also? Man weiß es weiterhin nicht.

Das ist das Dauerproblem in dieser unsäglichen Prozessposse, die sich wie blickdichter Filz um die stillen Dates des Chefanklägers Lauber mit dem umstrittenen Fifa-Patron ranken, von denen inzwischen drei nach und nach aufgeflogen sind. Der Verdacht, den die Justiz-Aufsicht AB-BA in einem Disziplinarbericht gegen Lauber bereits offen deponiert hat, wirkt immer monströser: Die Berner Bundesanwaltschaft hat sich in die Hände des Fifa-Bosses manövriert - wie und warum auch immer! Dafür sprechen die konsequente Nichtverfolgung substantieller Anzeigen gegen die Fifa, auch gegen Infantino persönlich. Dazu gehört auch die geräuschlose Einstellung eines Ermittlungsverfahrens zu einem von Infantino noch als Uefa-Direktor signierten TV-Vertrages, der einen Korruptionsverdacht nährte.

Interessant sind aber auch Details, die sich aus Remunds eigenen Erklärungen gegen diverse Befangenheitsanträge ergeben. Mitte März hatte Remund die Eingabe eines Beschuldigten zu dem Verdacht, er, der leitende Staatsanwalt, sei der Fünfte im Kreis der amnesischen Tafelritter gewesen, nicht etwa mit der nun verbreiteten wissenschaftlichen Nebentätigkeit am freien Tag gekontert. Sondern mit einer Satzkonstruktion, die man erst mal zusammenschrauben muss: Dieser Verdacht "entpuppt sich als falsch", leitete Remund in eigener Sache herbei, weil er im Disziplinar-Bericht der AB-BA weder "namentlich genannt" noch sonst wie thematisiert worden sei. Weil die Aufsicht es nicht herausgefunden hat, war er es nicht. Aha.

In jenem Schreiben liefert Remund noch mehr Aufschlussreiches. So habe sein Chef Lauber niemals "aktiv" an den operativen Verfahren mitgewirkt - außer, wenn das ob "seiner Funktion als Vertreter der Bundesanwaltschaft nach außen notwendig war". Im Sommermärchen also anlässlich eines Rechtshilfeersuchens an Katar, das eines "Erinnerungsschreibens an den Generalstaatsanwalt" in Doha bedurfte. Katar, wie erwähnt, gehört das Gebäude, in dem das große Mattscheiben-Meeting stattfand, Tür an Tür zu Katars Botschaft.

Im Übrigen, schrieb Remund, habe er stets frei arbeiten können. Vorgesetzte, versichert er den Richtern in Bellinzona, hätten nie versucht, "ihn zur Bevorteilung einer Partei am Verfahren zu bewegen"; keine seiner Entscheidungen als "Sommermärchen"-Verfahrensleiter sei "bei den Vorgesetzten (...) auf Widerstand gestoßen". Was einen erfreulich flüssigen Ablauf bezeugt, aber halt auch, dass die zufriedenen Vorgesetzten stets gut informiert wurden - wie, fragt ein erfahrener Strafjurist, hätten sie sonst keinen Widerstand leisten können?

Auch versichert Remund, er habe stets "mit gleicher Sorgfalt sowohl die belastenden als auch die entlastenden Umstände" untersucht. Wie das konkret aussah? Ein Beispiel: Seit März 2016 steht fest, dass der deutsche WM-Organisationschef Franz Beckenbauer im Jahr 2002 zehn Millionen Franken an den damaligen Fifa-Vize und Finanzvorstand Mohamed bin Hammam nach Katar überwies. Laut Beckenbauer, um von der Fifa im Gegenzug einen WM-Kosten-Zuschuss zu erhalten. Aber die Fifa dementierte das, und die Millionen flossen von Bin Hammam auch nie an die Fifa weiter. Das wäre ein klassischer belastender Umstand gewesen. Dass das kein Ermittlungsverfahren gegen den Katarer Bin Hammam, seine damaligen Fifa-Kollegen oder den Spender Beckenbauer begründete, zählt bis heute zu den tiefen Mysterien des Sommermärchens.

Wenigstens ist sichergestellt, dass man die Arbeit des Berner Detektivtrupps von Bundesanwalt Lauber ... genau: getrost vergessen darf.

© SZ vom 26.04.2020
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