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Volleyball:Zeit für ein Abenteuer

Celin Stöhr verlässt den Bundesligisten Nawaro Straubing, Anne Hölzig kommt vom SC Potsdam nach Niederbayern.

Es gibt die Redewendung vom Aufbruch zu unbekannten Ufern. Sie wird in sportlichen Zusammenhängen gern strapaziert, wenn sich Athleten oder Vereine neu orientieren, und passt, wenn man ehrlich ist, äußerst selten. Denn unbekannt ist an den angesteuerten Ufern ja meist wenig. Wenn beispielsweise eine Volleyballerin wie aktuell Straubings Celin Stöhr nach zehn Jahren in der ersten Bundesliga beschließt, zur kommenden Saison ins Ausland zu wechseln, ist das im Profibereich ziemlich normal. Das heißt: Es war mal normal, zumindest bis zu diesem Frühjahr. Seit die Pandemie die vergangene Saison vorzeitig beendete, ist Profivolleyball für alle Beteiligten so abenteuerlich wie lange nicht mehr. Das gilt ganz besonders dann, wenn man wie Stöhr noch gar keinen neuen Verein hat.

Die Finanzlage der Klubs ist unklar, dasselbe gilt für Spielplan, Rahmenbedingungen und Start der kommenden Spielzeit im In- wie Ausland. Der Kontrast zu den vergangenen drei Jahren könnte für Stöhr damit kaum stärker ausfallen. Sie gehörte zu den Stamm- und Schlüsselspielerinnen von Straubing, das den Sprung in die erste Liga schaffte und sich in der zweiten Erstliga-Saison für die Playoffs qualifizierte (die dann ausfielen). Die 26 Jahre alte Mittelblockerin hatte entscheidenden Anteil an der sportlichen Entwicklung; sie stabilisierte den extrem jungen Kader durch Leistung und Erfahrung. "Ohne Celin hätten wir den Weg, den wir gemacht haben, so nicht geschafft", sagt ihr Trainer Benedikt Frank.

"Das ist ein echtes Abenteuer und sehr mutig"

Die Trennung kommt dennoch für niemanden überraschend. "Ich habe schon vor der Saison gewusst, dass es mein letztes Jahr in Straubing sein wird, ich will einfach mal was anderes und ein anderes Land erleben", sagt Stöhr, die in Niederbayern sogar zur Nationalspielerin reifte. "Das ist ein echtes Abenteuer und sehr mutig", sagt Frank über ihre Pläne, fügt aber hinzu: "Es ist für sie der richtige Schritt zur richtigen Zeit, und ich kann mir vorstellen, dass sie gut ankommt im Ausland."

Wohin sie der Schritt letztlich führt, ist offen. "Ich warte ab, und dann entscheide ich, ob mir ein Angebot gefällt, oder ob ich aufhöre und mir einen Job suche", sagt Stöhr pragmatisch. Das Karriereende ist eine Option, aber nicht ihre favorisierte. Denn fertig ist sie mit dem Volleyball noch nicht; schon gar nicht nach dem abrupten Saisonende, das keinen ordentlichen Abschied in Straubing zuließ, geschweige denn von einem halben Leben in Turnschuhen. "Darum wäre es schon schade", sagt sie.

Den Straubinger Altersschnitt müssen künftig andere heben, etwa die bald 23-jährige Anne Hölzig, die vom Überraschungsdritten aus Potsdam kommt. Für Franks Talentschuppen ist das bereits ein stattliches Alter, mit sechs Jahren Erstliga-Erfahrung in der Vita fällt der Außen-Annahme-Spezialistin die Rolle der Führungsspielerin im Grunde automatisch zu. Hölzig soll die Lücke schließen, die Julia Schaefer durch ihr Karriereende hinterließ. "Sie bringt Ruhe und Qualität ins Spiel", sagt Frank. "Genauso einen Spielertyp benötigen wir bei uns auf dieser Position."

Auf die ersten gemeinsamen Trainingseinheiten werden alle aber warten müssen. "Wir bieten aktuell nur Trainingsvorschläge im Athletik-Bereich an", sagt Frank, der dazu tendiert, "diese Pause wirklich als Pause für den Kopf und den Körper zu nutzen". Es gebe keinen Zeitdruck. Momentan steht außer einem virtuellen Derby mit den Nachbarinnen aus Vilsbiburg noch nichts Verbindliches im Kalender. Das ungewöhnliche Event ist eine Premiere und soll die Fanbindung in der spielfreien Phase stärken; ein neues Ufer in der Light-Version sozusagen.

© SZ vom 28.05.2020

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