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Volleyball:"Und dann schlägt der Corona-K.o. zu"

Volleyball 1. Bundesliga Saison 2018/2019 TV Rottenburg - WWK Volleys Herrsching 23.03.2019 Das Maskottchen der Stadtwe

Das selbsternannte Tollhaus der ersten Liga schließt: TV Rottenburg zieht sich aus dem Profi-Sport zurück.

(Foto: imago)

Wegen der Sponsorenkrise zieht sich der TV Rottenburg nach fast 15 Jahren aus der Volleyball-Bundesliga zurück - anderen Klubs droht dasselbe Schicksal.

Der vergangene Freitag geht als historisches Datum in die Geschichte der Volleyball-Bundesliga (VBL) ein. Als erster Klub aus ihren Reihen hat der TV Rottenburg an jenem 3. April wegen der Corona-Pandemie seinen Rückzug aus dem Profibetrieb bekannt gegeben. Die Begründung: Allein in den vergangenen Tagen hätten sich die Sponsorenabsagen für die kommende Saison auf einen sechsstelligen Betrag summiert. Da sich der Klub prinzipiell nicht verschulden wolle, habe er nun die Reißleine ziehen müssen, hieß es in einer Mitteilung, von der die Liga offenbar völlig überrascht wurde. "Das kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel und ist aus meiner Sicht verfrüht", sagte VBL-Vorstandssprecher Andreas Bahlburg: "Ich hätte mir einen Dialog gewünscht. Dass Rottenburg ohne Vorankündigung die Reißleine zieht, gefährdet auch andere Standorte und beschädigt die Solidarität innerhalb der Bundesliga."

Rottenburg galt als einer jener Klubs, die man unbedingt zum Erstliga-Inventar zählen musste. 2006 stiegen die Männer aus dem Schwäbischen erstmals auf und direkt wieder ab, seit 2008 zeigen sie am Neckar ununterbrochen Profivolleyball. Mit bescheidenen Mitteln allerdings, der Etat lag immer weit unter einer Million, zuletzt dem Vernehmen nach bei rund 650 000 Euro. Für ihre Heimspiele zogen die Rottenburger mangels eigener tauglicher Halle in die benachbarte Studentenstadt Tübingen um. Die dortige Paul-Horn-Arena war innen so grellrosa gestrichen, dass den Gegnern schon beim Einspielen die Augen schmerzten.

Stimmungsvoll war sie fast immer, auch in dieser kurz vor den Playoffs abgebrochenen Saison hatten die Volleyballer dort erneut den zweithöchsten Zuschauerschnitt der Liga - hinter Meister Berlin. Auch sportlich lief es wieder besser, nachdem ihr langjähriger Trainer Hans Peter Müller-Angstenberger 2019 zurückgetreten war. Angstenberger, der "Hexer", der an der Seitenlinie oft wie ein Rumpelstilzchen hin- und herrannte, hatte die sportliche Talfahrt am Ende auch nicht mehr aufhalten können. Rottenburg blieb nur Erstligist, weil zu wenige Klubs dorthin aufsteigen wollten.

In der nun Mitte März jäh gestoppten Saison blühte der Klub aber auf, erreichte mit einem guten Kader das Pokal-Halbfinale, schlug in der Liga die Favoriten Frankfurt, Düren und die Alpenvolleys. Die Playoffs waren noch in Reichweite, als das Virus die Spielzeit beendete. Nun zieht sich Rottenburg in die dritte Liga zurück, dort sollen eigene Talente gefördert werden. "Es fühlt sich so an, wie wenn wir in einem Boxkampf zwölf Runden tapfer gekämpft haben und dann der Corona-K.o. zuschlägt", sagte Rottenburgs Klub-Geschäftsführer Norbert Vollmer.

Der gesamten Liga könnten nun Schneeballeffekte drohen, denn gerade die finanzschwächeren Vereine aus der unteren Tabellenhälfte leiden enorm in diesen Wochen, in denen normalerweise die kommende Spielzeit geplant und Profiverträge unterschrieben werden. Zwar hat die VBL nach dem Saisonabbruch zwei Spieltage vor den Playoffs beschlossen, dass es keine Regelabsteiger geben wird, allerdings fehlten den Klubs die so wichtigen Zuschauer- und Werbeerlöse aus den besucherstarken Playoff-Duellen im Etat. Und dass Sponsoren gerade reihenweise abspringen, erleben gerade nicht nur Rottenburgs Volleyballer.

Erst am vergangenen Dienstag hat der ohnehin insolvente unterfränkische Tabellenletzte Eltmann sein Erstligaprojekt für beendet erklärt, ausstehende Gehälter an Spieler und Trainer können wegen leerer Kassen nicht mehr bedient werden. Eltmann hatte bereits kurz vor Weihnachten Insolvenz beantragt, der finanzielle Absturz hatte zunächst also nichts mit der Corona-Krise zu tun, sondern war selbst verschuldet. Unter anderem geriet der Aufsteiger deshalb ins Schlingern, weil er für seine Heimspiele in die große (und teure) Bamberger Brose-Arena umzog, die auch Bambergs Profi-Basketballer nutzen. Im Schnitt kamen zu Eltmanns dortigen Heimspielen viel zu wenige Zuschauer, selbst bei Topspielen wie gegen Berlin wurden massenhaft Freikarten verschenkt. Kürzlich teilte einer von Eltmanns Hauptsponsoren den Volleyballern mit, dass er die ausstehenden Beträge wegen der Corona-Krise nicht mehr zahlen könne. Eltmann droht von Seiten der VBL nun neben 32 000 Euro Geldstrafe der Ausschluss aus den Lizenzligen. Dass der Klub Erstligist bleibt, gilt als nahezu ausgeschlossen.

Weitere Vereine könnte es treffen, und zwar sehr prominente. Die Alpenvolleys, das deutsch-österreichische Projekt mit Sitz in Innsbruck und Unterhaching, wollen nach Ostern entscheiden, ob und wie es weitergeht. Zuletzt war es aufwärts gegangen mit dem bislang strukturell eher holpernden Bündnis, das sich sportlich längst hinter Berlin und Friedrichshafen als Nummer drei der Liga etabliert hat. Die Zuschauerzahlen stimmten, eine gewisse Euphorie war spürbar. Der Manager Hannes Kronthaler, zugleich als Tiroler Bauunternehmer einer der wichtigsten Geldgeber, fragt sich dennoch, ob das grenzübergreifende Projekt in diesen kaum planbaren Zeiten noch Sinn ergibt.

Einer Liga, in der zuletzt nur zwölf Mannschaften spielten, würde binnen Wochen 25 Prozent ihrer Grundlage beraubt, wenn nach Rottenburg und Eltmann auch noch die Alpenvolleys ihren Abschied verkünden würden. Kurzarbeit gibt es inzwischen in den meisten Klubs. Auch bei den Frauen ist die Lage ernst, aber nicht ganz so schlimm wie bei den Männern. Auch weil sich die Etats besser verteilen und die Schere zwischen Arm und nicht ganz so Arm nicht so weit auseinanderklafft. "Wir stecken in unserer bisher prekärsten Lage, so etwas Einschneidendes ist mir aus der Historie der Volleyball-Bundesliga nicht bekannt", sagt VBL-Vorstandssprecher Bahlburg, der selbst als Vorsitzender des Ligaachten SVG Lüneburg ein Etatloch in knapp mittlerer fünfstelliger Höhe stopfen muss.

Der Schneeball, so lassen es nun auch die Meldungen aus Rottenburg und Eltmann befürchten, kommt erst langsam ins Rollen.

© SZ vom 05.04.2020

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