Volleyball Tadelloser Sirtaki

Erfolgsfaktor: Die für Schwerin so wichtige Hauptangreiferin Kimberly Drewniok wurde am Sonntag in Stuttgart sechsmal geblockt.

(Foto: Nils Wüchner/imago)

Die Bundesliga-Spielerinnen aus Stuttgart und aus Schwerin liefern sich eine flirrende Finalserie - nach vier zweiten Plätzen in Serie fühlen sich die Schwäbinnen jetzt bereit für ihre erste Meisterschaft.

Von Sebastian Winter, Stuttgart/München

Der Sirtaki ist ein ziemlich neumodischer Tanz, erst vor schlappen 55 Jahren wurde er in der Romanverfilmung von Alexis Sorbas uraufgeführt. Hauptdarsteller Anthony Quinn erzählte in seinen Memoiren, dass er mit der schleppenden, schleifenden Schrittfolge damals am besten eine schwere Fußverletzung kaschieren konnte. Bei traditionellen griechischen Tänzen wäre ihm das unmöglich gewesen. Seitdem taucht der Sirtaki auch im Sport immer wieder auf, selbst Roger Federer zeigt ihn - in Werbespots für einen italienischen Nudelhersteller.

Viel passender war allerdings der tadellose Sirtaki, den Stuttgarts Volleyballerinnen am Sonntag den 2251 Zuschauern in ihrer ausverkauften Halle präsentierten - unter Anleitung ihres griechischen Trainers Giannis Athanasopoulos. Sie hatten auch allen Grund zu tanzen nach dem umkämpften 3:2 (22:25 25:23 19:25 25:20 15:9) über den deutschen Meister Schwerin. Mit dem zweiten Erfolg in der Playoff-Finalserie nach dem Modus Best-of-five haben die Schwäbinnen nun zwei Matchbälle - am Donnerstag in Schwerin oder, bei einer Niederlage, am Samstag wieder in eigener Halle. "Es war ein komisches Spiel", fand Stuttgarts Sportdirektorin Kim Renkema: "Schwerin hat teilweise Bälle abgewehrt, bei denen man sich fragt: Wie geht das? Und wir sind wieder von den Toten aufgestanden. Unser Traum lebt jetzt."

Das Interesse des Fernsehens ist sogar größer als bei den Männern aus Friedrichshafen und Berlin

Stuttgart, seit elf Jahren in der Bundesliga, war noch nie deutscher Meister, dafür 2015, 2016, 2017 und 2018 jeweils Zweiter. In den vergangenen beiden Jahren platzte der Traum in teils bitteren Finalserien jeweils gegen Schwerin, dieser Übermannschaft des deutschen Frauenvolleyballs. Dort, hundert Kilometer östlich von Hamburg, residiert der zwölfmalige deutsche Meister, der Europapokalsieger und einstige Vorzeigeklub der DDR. Coach Felix Koslowski ist zugleich Klub- und Bundestrainer und wacht über die Entwicklung einiger Nationalspielerinnen. "Der SCC ist ein Magnet für die gesamte Region", sagt Julia Retzlaff, für die erste Liga zuständige Managerin bei der Volleyball-Bundesliga. Stuttgart, der dreimalige Pokalsieger, hat mehr zu kämpfen an seinem Standort mit den Fußballern und anderer Konkurrenz. Vier deutsche und sechs amerikanische Profis sind im Team - das inzwischen einen unangenehmen Stempel trägt: Ja, Pokal könnt ihr, aber Meister eben nicht.

Renkema, die Sportdirektorin, hat mehrmals betont, dass die spielerische Qualität vorhanden sei für den Meistertitel - immerhin scheiterten die Schwäbinnen kürzlich als letzte deutsche Mannschaft erst im Viertelfinale der Champions League. Es gebe aber in entscheidenden Situationen ein Mentalitätsproblem. Angst vor dem historischen Erfolg?

Die war am Samstag bei den Stuttgarterinnen überhaupt nicht zu spüren, im Gegenteil. Mit 1:2 Sätzen und 5:10 Punkten lagen sie schon zurück, als ihnen die Wende gelang. Andere sprangen diesmal für die ausnahmsweise eher schwache Hauptangreiferin Krystal Rivers ein, wie die so starke Mittelblockerin Paige Tapp, die auch den Matchball mittels eines Blocks verwandelte. Dass Rivers, die zweitbeste Scorerin der Liga, Leistungsvolleyball spielen kann, grenzt ohnehin an ein Wunder. Vor dem Pokalfinale Ende Februar hatte sie der Stuttgarter Zeitung erzählt, dass sie als Baby unter dem Tethered-Spinal-Cord-Syndrom gelitten habe, ihre Wirbelsäule war steif, sie hatte eine offene Bauchdecke, Knochen waren deformiert.

Als sie ein Jahr alt war, mussten ihr beide Hüftgelenke gebrochen werden. Irgendwie gelang es ihr dann doch, laufen zu lernen, und wie. Aber 2014 kam dann die Diagnose Krebs. Rivers erholte sich nach einer Chemotherapie wieder - und ist inzwischen die wohl stärkste Angreiferin der Liga. "Sie ist unglaublich athletisch, springt fast einen Meter hoch", sagt Renkema. Rivers, die wegen ihrer Vorgeschichte nie ganz schmerzfrei ist, wird auch im vierten Spiel am Donnerstag wieder ein entscheidender Faktor sein.

Auf der anderen Seite des Feldes steht Kimberly Drewniok, die drittbeste Scorerin der Liga hatte Schwerin noch Ende Februar im Pokalfinale gegen Stuttgart zum deutlichen 3:0-Erfolg geführt. Doch Drewniok, die Koslowski in Schwerin zur Nachfolgerin der nach Italien gewechselten Nationalspielerin Louisa Lippmann formen will, ist erst 21, was in so einer Drucksituation auch ein Faktor sein kann.

Es ist jedenfalls eine flirrende Serie zweier Größen im deutschen Frauenvolleyball, die gute Werbung für ihren Sport machen. Ihre Hallen sind gerade ausverkauft, beide haben Hauptsponsoren, was nicht üblich ist, ihr Etat bewegt sich zwischen 1,5 Millionen und zwei Millionen Euro. Profiklubs aus anderen Sportarten leisten sich für solche Summe einen einzigen Spieler. Was auch nicht unbedingt zum Allgemeinwissen gehört: Im deutschen Frauensport gab es laut Erhebungen von Marktforschern im Schnitt zumindest bis 2015/16 keine höheren Etats als im Volleyball, weder im Fußball noch im Hand- oder Basketball. Auch die durchschnittlichen Zuschauerzahlen waren 2017/18 - dem jüngsten Erhebungszeitraum - im Frauenvolleyball mit statistisch 1640 Fans pro Spiel am höchsten. Es folgten Handball (1027) und Fußball (835). Das Fernsehen zeigt inzwischen Interesse - bemerkenswerterweise sogar größeres als an den Männern aus Friedrichshafen oder Berlin - mit Sport 1 ist ein langfristiger TV-Vertrag unterzeichnet. Am Donnerstag wird man auch dort sehen, ob die Stuttgarterinnen wieder mit ihrem griechischen Trainer Sirtaki tanzen.