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Volleyball:Keiner will zur WM

Volleyball - Andrea Giani

Ohne sieben - mindestens: Der neue Volleyball-Bundestrainer Andrea Giani steht bei der WM-Qualifikation vor einer hohen Hürde.

(Foto: Vassil Donev/dpa)

Vor der letzten Qualifikation häufen sich die Absagen bei Bundestrainer Giani. Kein Wunder: Für die Spieler ist die Nationalmannschaft ein Zuschussgeschäft.

Von Sebastian Winter

Andrea Giani hat als Sportler so ziemlich alle Hürden überwunden, die es gibt. Mit fast 500 Länderspielen ist der Mann mit den dunklen Haaren und der charakteristischen Silberlocke Italiens Rekord-Volleyballer, er ist mehrmaliger Welt- und Europameister, Champions-League- Gewinner, Weltpokalsieger, seine nationalen Titel kann er kaum zählen. Doch nun droht der 47-Jährige in seiner neuen Funktion als Trainer der deutschen Männer an einem Hindernis zu scheitern, das er früher belächelt hat, der WM-Qualifikation.

An diesem Mittwoch beginnt das Turnier in der belgischen Industrie- und Handelsstadt Kortrijk, erster Gegner sind die starken Spanier, denen die Auswahl des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV) schon vor einem Monat in der World League unterlegen war. Der Modus ist tückisch: Fünf Tage, fünf Spiele für jedes Nationalteam, nur der Sieger qualifiziert sich für das Weltturnier im Herbst 2018. Am Freitag und Samstag warten auf die Deutschen noch die starken Esten und der favorisierte Gastgeber Belgien - mit dem ehemaligen Bundestrainer Vital Heynen.

Die Nationalmannschaft ist für die Spieler ein Zuschussgeschäft

Die Fallhöhe ist gewaltig für Gianis Team, denn unter Heynen war es vor drei Jahren immerhin WM-Dritter geworden. Die DVV-Auswahl hatte damals im volleyballverrückten Polen begeistert, wo zum Eröffnungsspiel 62 000 Zuschauer kamen. Sollte sie nun in Kortrijk scheitern, wäre das eine mittlere Katastrophe für ihre Reputation, und auch hinsichtlich der verpassten Weltranglisten-Punkte, die für die Olympia-Qualifikation eine Rolle spielen.

Dieses Szenario ist aber nicht einmal unwahrscheinlich: Gianis Auswahl fehlen viele wichtige Spieler - und das teils aus diskussionswürdigen Gründen. Deutschlands Topscorer Georg Grozer hatte dem Verband schon früh gesagt, dass er nach seinem Rücktritt vom Rücktritt nur für das erste Qualifikationsturnier Ende Mai zur Verfügung steht - wo die Deutschen allerdings ihr entscheidendes Duell gegen Weltliga-Sieger Frankreich verloren. Nun entschied sich der 32-Jährige, der seit Jahren in Asien und Russland schmettert und in der kommenden Saison beim russischen Topklub Nowosibirsk spielt, für die asiatische Klubmeisterschaft, wo seine Auftritte immerhin honoriert werden. Kapitän Jochen Schöps, wie Grozer seit vielen Jahren in Diensten des Nationalteams, gab der Familie den Vorrang.

Dadurch fehlen der Mannschaft ihre wichtigsten Angreifer. Libero Markus Steuerwald hat sich auch abgemeldet, aus privaten Gründen, wie es heißt. Der zweite Libero, Leonhard Tille, laboriert an einer Fingerverletzung, dem Vernehmen nach denkt er über ein Karriereende nach - mit 22 Jahren. Mittelblocker Philipp Collin ist es wichtiger, sich für die deutsche Beachvolleyball-Meisterschaft zu qualifizieren, dafür lässt er die WM-Chance in der Halle sausen. Und Ferdinand Tille, ebenfalls Libero, sowie Außenangreifer Tom Strohbach hatten Giani schon im Frühjahr abgesagt - sie konzentrieren sich aufs Studium.

Im deutschen Volleyball ist es noch immer so, dass die Spieler ihr Geld nur bei den Klubs verdienen. Wenn sie mit dem Nationalteam im Sommer monatelang durch die Welt touren, für Testspiele, in der Weltliga, für Qualifikationsturniere, im September zur EM, bekommen sie Ausrüstung, Kost, Logis und die Ehre, für ihr Land anzutreten - sonst wenig. Mit den Prämien aus der Weltliga finanziert der Verband meist die teuren Reisen. Zudem müssen die Profis ihre Auslands-Krankenversicherung selbst zahlen, auch das übernimmt der Verband nicht. Das sind oft Hunderte Euro im Monat. Letztlich ist die Nationalmannschaft für sie ein Zuschussgeschäft. Hinzu kommt, dass die Volleyball-Nationalspieler Ende September oft völlig ausgelaugt zu ihren Vereinen zurückkehren - und das kurz vor Saisonbeginn. Wegen all dieser Widrigkeiten überlegt sich jeder Spieler genau, ob er sich die Strapazen antut.

Der DVV hatte Giani als Magnet geholt, seine Vita und seine einnehmende Aura sollten die Nationalspieler anziehen. Doch schon sein Start im Frühjahr misslang. Kurz vor dem ersten WM-Qualifikationsturnier wurde der Wechsel des Berliner Talents Ruben Schott nach Mailand bekannt, jenem Klub, den Giani vom Herbst an zusätzlich zu seinem Job als Nationaltrainer übernimmt. Die Berliner tobten und warfen Giani vor, sein Bundestrainer-Amt für die Abwerbung des deutschen Nachwuchses zu missbrauchen. Berlins Manager Kaweh Niroomand sagte gar, falls Giani einmal zu Besuch in die Heimstätte des deutschen Meisters komme, "schmeiß' ich ihn eigenhändig raus".

Dabei ist Giani auch deswegen angetreten: um eine neue Generation deutscher Volleyballer in Richtung Olympia 2020 in Tokio zu formen. Dann ohne Galionsfiguren wie Grozer oder Schöps, die aber gerade jetzt in Belgien vermisst werden dürften. Nun gehen die Deutschen als Außenseiter mit Junioren wie Tobias Krick, 18, und Egor Bogachev, 20, in die so wichtige WM-Qualifikation. Und mit Libero Nummer vier, Julian Zenger. Zumindest die Belgier dürften wissen, wo die Schwächen des 19 Jahre alten Abwehrchefs liegen. Denn ihr Trainer Heynen ist auch Vereinscoach in Friedrichshafen, wo Zenger vergangene Saison noch spielte.

© SZ vom 19.07.2017
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