Volleyball-EM:Lücken hinter Grozer

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Polen - Deutschland

„Wir brauchen ihn in Topform“: Georg Grozer am Netz gegen den überragenden Polen Wilfredo León.

(Foto: Piroschka Van De Wouw/dpa)

Im Viertelfinale ist Polen zu stark für die Deutschen - kein gutes Zeichen für das Olympia-Qualifikationsturnier.

Von Sebastian Winter, Apeldoorn/München

Wilfredo León ist ursprünglich Kubaner, und schon damals, als er in der Karibik aufwuchs und von seiner Mutter trainiert wurde, galt er als Volleyball-Wunderkind. 2008 stand er bei der Olympia-Qualifikation erstmals im Kader von Kubas Nationalmannschaft - als 14-Jähriger. Später heiratete León auf Kuba seine polnische Freundin, er verlor deshalb seinen Status als Nationalspieler, flüchtete mit seiner Frau nach Osteuropa und erhielt die polnische Staatsbürgerschaft. Inzwischen ist der 26-Jährige der wichtigste Angreifer des aktuellen Weltmeisters. Dieser Mann also, der eine Abschlaghöhe von 3,74 Metern hat (knapp 70 Zentimeter über dem Ring eines Basketballkorbes), hat die deutschen Volleyballer im Viertelfinale der Europameisterschaft quasi alleine besiegt.

"Immer Fehler, Fehler, Fehler": Bundestrainer Andrea Giani ist unzufrieden

Polen ist derzeit die mächtigste Nation im Männer-Volleyball, mit León als zentraler Figur; der Weltmeister von 2014 und 2018 wird außerdem von frenetischen Fans unterstützt. Vor fünf Jahren strömten mehr als 60 000 zum Eröffnungsspiel bei der Heim-WM ins Warschauer Nationalstadion, am Montag in Apeldoorn spielten die Deutschen wieder gegen eine lärmende, rot-weiße Zuschauerwand. Die Auswahl des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV) spielte nicht einmal schlecht, doch Polen ließ ihr beim 3:0 (25:19, 25:21, 25:18)-Erfolg trotzdem keine Chance.

Über weite Strecken war es ein Duell Leon gegen Georg Grozer, den besten Spieler der DVV-Auswahl, der nur unwesentlich niedriger abschlägt über dem Netz. Der mächtige Grozer und die Sprungfeder León, die beide zu den besten Angreifern des Planeten zählen, erzielten jeweils 18 Punkte. Der Unterschied war, dass die Deutschen immer wieder in der Annahme wackelten und insgesamt 21 Aufschlagfehler machten - viel zu viel auf diesem Niveau. Eine Auszeit, die Bundestrainer Andrea Giani im dritten Satz beim 12:15 nahm, versinnbildlichte das Malheur: "Ich möchte im Aufschlag Aggressivität und Technik sehen, weil wir immer Fehler, Fehler, Fehler machen", hörte man ihn über das Außenmikrofon fluchen. Kapitän Lukas Kampa sagte später ernüchtert: "Wir haben verdient verloren und müssen anerkennen, dass zu Polen im Moment eine Lücke klafft."

Am späten Abend setzten sie sich noch zusammen zur Kurzanalyse, "es war keine hitzige Abschlussbesprechung", erzählte Kampa, "aber unser Fazit ist eher durchwachsen, nicht zufriedenstellend." Die DVV-Auswahl war angetreten, um den Silbererfolg von 2017 zu wiederholen - oder zumindest eine Medaille zu gewinnen. Anstelle dessen rumpelte sie durch die Gruppenphase des auf 24 Mannschaften aufgeblähten und über die vier Länder Frankreich, Belgien, Niederlande und Slowenien verteilten Turniers. Auftaktniederlagen gegen Serbien und Belgien folgten Pflichtsiege gegen Österreich und die Slowakei - und eine unnötige Niederlage gegen den Außenseiter Spanien. "Wir wollten Konstanz zeigen, solche Aussetzer sind nicht verzeihbar", sagte Kampa. Im Achtelfinale gegen die Niederlande (3:1) fanden die Deutschen schließlich ihre Form, doch Polen wies sie deutlich in die Schranken.

Das Spiel der DVV-Auswahl ist extrem zugeschnitten auf Grozer, 35, der zunehmend von Blessuren geplagt wird, aber ohne ihn geht es nicht. "Wir brauchen ihn in Topform", sagt Kampa. Zugleich stachen die Alternativen nicht wie erhofft, auch wenn jüngere Spieler wie Anton Brehme, Moritz Reichert oder Ruben Schott vielversprechende Ansätze zeigten. Ihnen fehlt noch Erfahrung auf Spitzenniveau. Der Generationswechsel wird spätestens 2020 kommen, nach den Olympischen Spielen in Tokio - falls sich die Deutschen qualifizieren. Die DVV-Frauen, die bei der EM im September ebenfalls im Viertelfinale gescheitert waren, haben ihn schon eingeleitet. Doch ob das kurzfristig reichen wird?

Die Reisen beim Turnier in vier Ländern setzten dem Team zu: "Das ist Blödsinn"

Im Januar haben die deutschen Frauen und Männer die letzte Qualifikationschance für Olympia, die Männer beim Heimturnier in Berlin, nur der Sieger fliegt nach Tokio. Teilnehmen werden die besten acht Nationen Europas, die noch nicht qualifiziert sind wie Polen, Italien und Europameister Russland, der am Montag von entfesselnd spielenden Slowenen aus dem EM-Turnier befördert wurde. Also Teams wie Belgien, Frankreich, Slowenien, Serbien. Es wird eine Herkulesaufgabe, das haben die Niederlagen gegen Belgien und Serbien gerade bei der EM gezeigt. Womöglich ist das Berliner Turnier im Januar Grozers letzter Auftritt im deutschen Dress; Olympia in Tokio ist jedenfalls sein letztes großes Ziel.

Grozer und seine Kollegen haben noch viel zu tun bis dahin. Sie freuen sich aber schon auf ein Turnier der kurzen Wege in Berlin. Die Mammut-EM mit ihren ständigen Reisen zu verschieden Spielorten empfanden auch sie als nicht gerade förderlich, nicht nur Kampa und Grozer kritisierten die erstmalige Idee eines Vier-Länder-Turniers: "Es ist einfach schrecklich, drei Länder in ein paar Tagen zu wechseln. Das ist Blödsinn, das sollten die ganz schnell ändern, wenn die ein bisschen Verständnis für die Sportler haben", sagte Grozer.

Zumal viele Spiele auch noch vor fast leeren Rängen stattfanden. Bei den Partien der Deutschen gegen Spanien und Österreich schauten gerade mal 50 bzw. 200 Fans zu. Und Polen schickte am Dienstag extra einen Regierungsflieger nach Amsterdam, wo das Nationalteam wegen eines ausgefallenen Fluges nach Slowenien zum Halbfinale gestrandet war. In Berlin, das ist schon jetzt klar, wird die Halle jedenfalls ausverkauft sein.

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