Videobeweis:"Das Produkt ist nicht ausgereift"

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Eine Serie irritierender Vorgänge nährt Zweifel an der Zuverlässigkeit des Videobeweises bei der WM-Premiere. Sogar ehemalige Spitzen-Referees rätseln: "Wie sind die Vorgaben?"

Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner, Saransk/Samara

Carlos Queiroz schickte noch ein paar mahnende Worte vorweg, womöglich galten sie vor allem ihm selbst. Er müsse seine Worte sehr vorsichtig wählen, hob der Trainer der iranischen Nationalelf im Presseraum von Saransk an, nach einem 1:1 gegen Portugal und dem denkbar knappen Aus in der vielleicht schwersten aller Vorrundengruppen. Aber dann redete er sich flott in Rage wegen des Umgangs mit dem Videobeweis; wegen der Bewertung einer Aktion von Cristiano Ronaldo - und ganz generell.

20 Jahre habe er für das System gekämpft, sagte Queiroz, aber jetzt gehe er frustriert nach Hause. Nicht nachvollziehbar sei das alles, insbesondere die mangelnde Transparenz monierte er. "Ich muss wissen, wer die Entscheidungen trifft, wer das Spiel leitet. Es muss Klarheit herrschen. Ich will wissen, ob meine Tochter schwanger ist. Nicht, ob sie es ein bisschen ist. Entweder sie ist schwanger, oder nicht!" Und Queiroz ist mit dieser Kritik nicht alleine.

Serbia v Switzerland: Group E - 2018 FIFA World Cup Russia

Nein, dieses ist nicht der Schweizer Nationalsport Schwingen. Es ist Fußball, der an Schwingen und Ringen erinnert: Im zweiten Vorrundenspiel legten die Schweizer Schär und Lichtsteiner den Serben Mitrovic (in Rot) auf den Rasen - trotz Videobeweis gab es zum globalen Erstaunen keinen Elfmeter.

(Foto: Matthias Hangst/Getty)

Erstmals kommt der Videoassistent, also die technische Hilfe für den Unparteiischen, bei einer WM zum Einsatz. Und gut eine Woche lang gab es viel Lob für dessen Einsatz. Es galt die Devise, dass der Video-Assistent nur zurückhaltend und bei klaren Fehlentscheidungen einzugreifen habe - und die Unparteiischen hielten sich daran. Am Montagmittag, vor Beginn des dritten Gruppenspieltags, teilte die Fifa mit, dass aus ihrer Sicht bisher alles wunderbar geklappt habe. "Die Fifa ist extrem zufrieden mit der erfolgreichen Einführung des Videobeweises", hieß es: "Der Videobeweis wurde positiv aufgenommen und wird in unserer Fußballgemeinschaft geschätzt."

Aber das war schon zu dem Zeitpunkt eine eigenwillige Interpretation. Denn tatsächlich ist seit knapp einer Woche eine Serie irritierender Vorgänge zu beobachten. Weil entweder der Videoassistent eingriff, obwohl es angesichts der hohen Eingriffsschwelle ("klare Fehler") gar nicht angebracht war. Oder weil der Videoassistent gar nicht eingriff, obwohl es auf dem Platz zu einem solch klaren Fehler kam.

Eine vollständige Aufzählung ist kaum mehr möglich. Die Tiefpunkte: Australien erhielt dank der Intervention des Video-Mannes gegen Dänemark einen Hand-Elfmeter - dabei war Yussuf Poulsen ein Kopfball aus nächster Nähe an die überm Kopf ausgestreckte Hand gesprungen. Bei der Notbremse von Jérôme Boateng gegen den Schweden Markus Berg gab es den fälligen Foulelfmeter indes nicht; auch der Assistent blieb stumm. Ebenso folgenlos blieb der viele Sekunden währende Ringkampf des Schweizer Duos Schär/Lichtsteiner gegen den Serben Mitrovic. Saudi-Arabien erhielt gegen Ägypten trotz eines harmlosen Kontakts Elfmeter. Und bei Portugal versus Iran führten gleich zwei Situationen zu globalen Debatten. Erst kam Ronaldo trotz Ellbogenschlags um die rote Karte herum; dann befand der Referee nach Hinweis seines Videoassistenten auf Elfmeter, als einem Portugiesen ein Kopfball aus kurzer Distanz an den Arm gesprungen war.

World Cup - Group F - Germany vs Sweden

Optische Täuschung im Spiel Deutschland gegen Schweden: Nein, Jérôme Boateng (weiße Stutzen) spielt nicht den Ball, er trifft das Bein von Marcus Berg (blaue Stutzen). Trotz Videobeweis gab es auch in dieser Szene keinen Elfmeter, den man durchaus hätte geben können, geben müssen.

(Foto: Michael Dalder/Reuters)

Experten sind über die Entwicklung verwundert. "Die Iraner sagen zu Recht, dass das völlig willkürlich sei", sagte der frühere Schweizer Spitzen-Schiedsrichter Urs Meier der SZ. "Das Ganze muss transparenter werden. Wie sind die Vorgaben?" Fouls wie das von Boateng an Berg oder das des Schweizer Abwehr-Duos am Serben Mitrovic sind für Meier klare Muss-Entscheidungen. "Das Problem ist, dass die Sache so klar ist, und die Referees pfeifen trotzdem nicht." Auch verschiedene Trainer äußerten sich ähnlich, zum Beispiel Schwedens Janne Andersson: "Ich hoffe, dass es eine klarere Linie gibt, wann der Videobeweis benutzt wird und wann nicht."

Der Videobeweis bei der WM funktioniert etwas anders als in der Bundesliga. Er wird zwar grundsätzlich ebenfalls nur bei vier entscheidenden Situationen eingesetzt: bei Tor- und Elfmeterszenen, roten Karten sowie der Verwechslung von Spielern bei persönlichen Strafen - und eben unter der Prämisse, dass eine klare Fehlentscheidung vorliege. Aber drei Dinge sind anders. So ist das Videoteam in der Moskauer Zentrale größer, es besteht aus insgesamt acht Personen pro Spiel, vier Referees und vier Technikern. Zudem kommen die sogenannten kalibrierten Linien zum Einsatz, die präzise zeigen sollen, ob ein Spieler im Abseits stand oder nicht. In der Bundesliga war das aus technischen Gründen bisher nicht möglich. Und schließlich versucht sich der Weltverband Fifa an einer anderen Kommunikation als der deutsche Fußball. Die Zuschauer sollen eigentlich besser informiert werden, warum der Schiedsrichter gerade eine Szene prüft - und warum er wie entscheidet.

Doch auch daran übt Meier Kritik. "Die Fifa macht das generell, dass gewisse Spielszenen nicht gezeigt werden, wie brutale Fouls, die nicht geahndet werden. Wären die ganzen Fouls der Iraner gezeigt worden, hätte man einen anderen Eindruck von ihrer Spielweise", sagt Meier. Er rügt: "Das Produkt ist nicht ausgereift, und damit geht man zur WM."

Dann gab es am Montag auch noch eine Szene, in der zunächst alles so aussah, als habe sich der Einsatz des Videoassistenten als überzeugend erwiesen. Im Spiel der Spanier gegen Marokko schoss Aspas den Ball per Hacke ins Tor, der Schiedsrichter wollte den Treffer wegen Abseits zunächst nicht geben. Dann zeigte der Bildschirm an, dass es gemäß der kalibrierten Linien ganz knapp kein Abseits gewesen sei. Der Treffer zählte. Blöd nur: Der Eckball vor dem Tor war gar nicht von der Seite ausgeführt worden, wo der Ball ins Aus gegangen war. Urs Meier sagt der SZ, auch das sei auf WM-Niveau "nicht akzeptabel" - so etwas nicht zu sehen. Weil der Eckball zum Tor führte, fragt sich auch hier, ob er nicht Teil der Videoprüfung hätte sein müssen.

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