VfL Gummersbach:Der Vulkan ist aktiv

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VfL Gummersbach: Sofort wieder mittendrin: Miro Schluroff (am Ball) und der VfL Gummersbach sind mit einem Erfolg gegen Lemgo und einem beachtlichen Auftritt gegen Meister Magdeburg in die Handball-Bundesliga zurückgekehrt.

Sofort wieder mittendrin: Miro Schluroff (am Ball) und der VfL Gummersbach sind mit einem Erfolg gegen Lemgo und einem beachtlichen Auftritt gegen Meister Magdeburg in die Handball-Bundesliga zurückgekehrt.

(Foto: Jan Strohdiek/Eibner/Imago)

Der VfL Gummersbach teilte lange das Schicksal vieler Traditionsvereine: große Tradition, immer kleinerer Erfolg. Dann begriff der Klub den Abstieg in Liga zwei als Chance - und ist nun mit neuem Elan und Erfolgstrainer zurück im Oberhaus.

Von Ulrich Hartmann, Gummersbach

Die Geschichte des VfL Gummersbach hätte vor drei Jahren und drei Monaten schon zu Ende sein können: Abstieg in die zweite Liga, vier Millionen Euro Schulden, die ganze schöne Historie kaum mehr etwas wert. "Das Wort Insolvenz geisterte durch die Stadt", erinnert sich der Geschäftsführer Christoph Schindler, 39. Doch leichtfertig wollte man 158 Jahre Vereinsgeschichte und 82 Jahre Handballhistorie in der Kreisstadt im Oberbergischen Land, östlich von Köln, dann auch nicht aufgeben.

Also tilgten Gesellschafter und Sponsoren drei Viertel der Schulden, die Ausgaben wurden radikal reduziert. Zum Zwecke eines Neuanfangs schritt Gummersbach erhobenen Hauptes in die zweite Liga hinab. Dort engagierte man 2020 den isländischen Trainer-Novizen Gudjon Valur Sigurdsson - ein Volltreffer! Nach vielen Jahren der Trübsal und drei Spielzeiten in Liga zwei feierte Gummersbach im vergangenen Mai den Wiederaufstieg in die Bundesliga - und dort am Donnerstagabend in heimischer Halle die umjubelte Rückkehr (zum Saisonauftakt hatte man 30:26 beim TBV Lemgo gewonnen).

Als Gummersbachs erstes Bundesliga-Heimspiel seit dem Mai 2019 gegen Meister SC Magdeburg unglücklich 28:30 verloren war, ließen 3410 Zuschauer ihre Mannschaft in der Arena am Heiner-Brand-Platz mit stehenden Ovationen hochleben. Der jüngste Kader der Bundesliga, mühsam zusammengestellt mit einem der kleinsten Etats, hatte dem Champions-League-Klub derart leidenschaftlich die Stirn geboten, dass deren Trainer Bennet Wiegert hinterher mitfühlend formulierte: "Es tut mir fast leid für Gummersbach, der VfL hat phantastisch gespielt und hätte mehr verdient gehabt - sorry!"

Jahrelang habe die Abstiegsangst den Klub gelähmt, sagt der heutige Geschäftsführer

Mitleid sind sie mittlerweile ja gewohnt in der 50 000-Einwohner-Stadt. Der VfL, zwischen 1966 und 1991 zwölfmal Meister, fünfmal Pokal- und zehnmal Europacup-Sieger, steht zwar immer noch auf Platz zwei der ewigen Bundesliga-Tabelle, schrieb sportlich aber lange keine Schlagzeilen mehr. Jahrelang floss zu viel Geld in mittelmäßige Kader. "In Gummersbach hatte man immer eine Heidenangst vor dem Abstieg in die zweite Liga", so erklärt der Geschäftsführer Schindler heute das Schicksal seiner Vorgänger. Er glitt nach seinem Karriereende 2017 nahtlos ins Management, in einer Phase, als sich alles dem Ende zuzuneigen schien. Zwei Jahre später war der Abstieg in Liga zwei tatsächlich aktenkundig.

Am Tiefpunkt entschied man sich, dem siechenden Klub forsch den Slogan "Heimat des Handballs" zu verpassen und in der Region mit mehr Transparenz und neuer Demut um Sponsoren und Fans zu werben. Das zeigte Wirkung: 1700 Dauerkarten verkaufte der VfL zuletzt, ein Rekord für die zweite Liga. Der Absturz entpuppte sich als Gelegenheit, zu neuen Kräften zu kommen. "Wir haben erkannt, dass der VfL Gummersbach mehr ist als die Liga, in der er spielt", sagt Schindler. Dass man jetzt wieder in der Bundesliga dabei ist, dagegen wehren sie sich aber auch nicht.

Im Oberbergischen Land ist seit mindestens 25 Millionen Jahren kein Vulkan mehr ausgebrochen - für Eruptionen haben sie seit zwei Jahren den isländischen Import Sigurdsson. Man braucht den 43-Jährigen nicht zu fragen, ob er eher Vulkan oder Eisberg ist. Das interessiert den Trainer nicht. Vom Manager Schindler erfährt man über diesen einst weltbesten Linksaußen, er sei vom Handball "besessen". Im Sender Sky sagte der Studioexperte Stefan Kretzschmar am Donnerstagabend: "Wenn seine Spieler auch nur annähernd so hart arbeiten wie Goggi früher als Spieler, dann müssen wir uns um den VfL Gummersbach keine Sorgen machen."

VfL Gummersbach: Eisberg oder Vulkan? In jedem Fall versteht VfL-Trainer Gudjon Valur Sigurdsson eine Menge von seinem Geschäft.

Eisberg oder Vulkan? In jedem Fall versteht VfL-Trainer Gudjon Valur Sigurdsson eine Menge von seinem Geschäft.

(Foto: Jürgen Augst/Eibner/Imago)

Beim neuen Rückraum-Shooter Dominik Mappes, gekommen vom Zweitligisten Hüttenberg, scheint der Trainer schon mal eine besondere Wirkung entfaltet zu haben: Mappes führt nach zwei Spieltagen die Bundesliga-Trefferliste an, mit 22 Toren. Und seinen Vertrag hat Sigurdsson auch schon mal verlängert, bis 2025.

Für Sigurdsson war die Stelle in Gummersbach die Einstiegsluke ins Traineramt, sie bot gleichermaßen Chancen wie Risiken. So einen taumelnden Traditionsklub reißt es schnell noch tiefer hinab. Doch der Isländer zog die Mannschaft rasch auf seine Seite. Beim Training ist er stets der Erste, nachdem er schon zehn Kilometer gelaufen ist oder im Kraftraum geschwitzt hat. "Das animiert die Spieler dazu, mal mindestens genauso fleißig sein zu wollen wieihr 20 Jahre älterer Trainer", sagt der Manager Schindler, dann schmunzelt er. Da nimmt man die kleinen Schwächen des Trainers, Cola light und Süßigkeiten, auch mal wohlwollend zur Kenntnis.

Auch mit der Frage nach der Besessenheit braucht man Sigurdsson nicht zu kommen. "Ich fühle mich nicht besessen. Handball ist einfach nur das, was ich machen will und was ich gut kann", sagt er. Die hiesige Branche kennt er bestens, seit er insgesamt 15 Jahre in Deutschland gespielt hat für den TuSEM Essen, Gummersbach, den THW Kiel und die Mannheimer Rhein-Neckar-Löwen.

Mit Gummersbach hat er sich für diese Saison nicht mehr als den Klassenerhalt vorgenommen. "Aber im Prinzip arbeitet man jeden Tag hart daran, etwas Unrealistisches zu schaffen", gießt er seine Philosophie in einen Aphorismus, der es wert wäre, auf einer Postkarte zu stehen. Nach einer unglücklichen Niederlage wie gegen Magdeburg, obwohl aller Ehren wert, zeigt er sich "angepisst" und "verärgert" über zu viele individuelle Fehler.

Schindler, der Geschäftsführer, sagt: "Goggi ist wirklich nie zufrieden." Genau dieser Perfektionismus gefällt ihnen beim neuen VfL.

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