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Verbot für Hymnen-Protest:Sieg für die Patrioten

Proteste der US-Athleten

Symbolik eines Kniefalls: Das Team der Dallas Cowboys, einschließlich Trainern und Funktionären, beteiligt sich im September des vergangenen Jahres vor der Partie gegen die Arizona Cardinals am stummen Protest.

(Foto: Matt York/dpa)

In der Debatte über die Hymnen-Proteste hat die NFL entschieden - im Sinne von US-Präsident Trump.

Es geht um Bilder, natürlich. Wenn vor Partien der amerikanischen Footballliga NFL eine amerikanische Sängerin die amerikanische Nationalhymne singt, wenn das amerikanische Sternenbanner von amerikanischen Soldaten über das komplette Spielfeld ausgebreitet wird und wenn danach amerikanische Kampfjets über das Stadion donnern, dann soll das auch immer eine Demonstration popkultureller und militärischer Überlegenheit sein. Die Leute in der Arena sollen Biereimer und Bockwürstchen weglegen, sie sollen ihre Hand aufs Herz drücken und ein paar Minuten lang stehen. Die Botschaft dieser Bilder an das Volk, das mit Biereimer und Bockwürstchen vor dem Fernseher sitzt, lautet: Was haben wir es gut getroffen im Leben, weil wir in diesem großartigen Land leben dürfen. Und nun kümmern wir uns wieder um Biereimer und Bockwürstchen und um Gladiatoren, die übereinander herfallen.

Es trübt dieses Gesamtbild freilich, wenn die Akteure an der Seitenlinie während dieser Show nicht dem inszenierten und mitunter sogar vom Verteidigungsministerium finanzierten Patriotismus frönen, sondern über ihr Niederknien, ihre nach oben gereckten Fäuste oder eingehakte Ellbogen andeuten, dass dieses Land doch nicht so großartig ist, wie es sich gerne selbst darstellt; dass es systematische Benachteiligung von Schwarzen gibt oder Polizeigewalt. Der mittlerweile arbeitslose Football-Spielmacher Colin Kaepernick hat mit diesem stillen, jedoch sichtbaren Protest im Jahr 2016 begonnen. Viele Kollegen haben seitdem mitgemacht, und die Bilder haben sich plötzlich nicht mehr auf Sternenbanner, Soldaten oder Sängerinnen konzentriert, sondern auf schwarze Sportler beim Ausdruck des Unmuts über die Zustände in diesem Land.

Das hat dem Make-America-Great-Again-Präsidenten Donald Trump mit seiner America-First-Politik überhaupt nicht gefallen. Er hat die Proteste als "Verachtung von allem, wofür wir stehen" bezeichnet und gesagt: "Wäre es nicht großartig, wenn ein Klubbesitzer, sollte jemand unsere Flagge nicht respektieren, sagen würde: ,Schafft den Hurensohn vom Feld! Raus! Er ist gefeuert!'" Trump hat die Amerikaner aufgefordert, die Spiele zu boykottieren, bis endlich wieder alle brav stehen bei der Nationalhymne - und nun ist die National Football League (NFL) beim Frühjahrstreffen der Eigentümer in Atlanta vor Trump auf die Knie gegangen.

"Die Proteste auf dem Feld haben leider den Eindruck erweckt, dass Tausende NFL-Spieler unpatriotisch seien", sagte NFL-Chef Goodell: "Das ist und war nie der Fall. In dieser Saison werden alle Angestellten der Liga und der Vereine stehen und damit ihren Respekt vor Hymne und Flagge bekunden. Wer darauf verzichten möchte, kann so lange in der Umkleidekabine bleiben, bis die Hymne abgespielt worden ist."

Seit 2009 haben die Akteure aufs Feld kommen müssen, weil das Gesamtbild dann patriotischer ausgesehen hat. Von nun an gilt: Wer der patriotischen Choreografie nicht folgen will, der soll gefälligst draußen bleiben. Man muss noch nicht einmal zwischen den Zeilen lesen, um die deutliche Botschaft an die Spieler zu erkennen: Wer lieber in der Kabine bleibt, der hat ganz offensichtlich keinen Respekt vor Hymne und Flagge, und der ist damit in der Logik von Trump und auch diesen neuen NFL-Regeln zufolge kein Patriot.

Nun wird es interessant, und es wird grotesk: Die NFL hat aufgrund bestehender Tarifverträge keine Möglichkeit, einzelne protestierende Sportler zu bestrafen. Es ist in diesen Verträgen zwischen Liga und Spielergewerkschaft so ziemlich alles geregelt, was sich in diesem Sport regeln lässt - die Maximalstrafe für Übergewicht zum Beispiel - jedoch nicht das konkrete Verhalten beim Abspielen der Nationalhymne. Die NFL wählt deshalb einen Spielzug aus dem Taktikbuch von verzweifelten Jugendtrainern: Wenn einer Mist baut, dann wird die komplette Mannschaft bestraft.

Sollte künftig ein Akteur während des Abspielens der Nationalhymne nicht stehen oder sich anderweitig respektlos gegenüber Flagge oder Hymne verhalten, dann wird seinem Verein eine Strafe aufgebrummt. Es ist nicht bekannt, ob es sich dabei um eine Geldstrafe handeln wird oder um drastischere Maßnahmen wie etwa den Ausschluss aus den Playoffs oder das Entziehen des Wahlrechts bei der Selektion talentierter Nachwuchsspieler. Es heißt im Sechs-Punkte-Pamphlet von NFL-Chef Roger Goodell nur: "Der Verein wird von der Liga bestraft."

Es war erwartet worden, dass die Footballliga eine Pontius-Pilatus-Lösung anbietet, bei der sie die eigenen Hände in Unschuld wäscht und die mögliche Bestrafung einzelner Spieler den Vereinen überlässt. Genau das unternimmt sie zusätzlich: Vereine dürfen protestierende Akteure nach Gutdünken disziplinieren, also, wie von Trump gefordert, womöglich auch hinauswerfen. Christopher Johnson, der Geschäftsführer der New York Jets, sagt dazu: "Es wird bei uns keine Geldstrafen, Suspendierungen oder andere Konsequenzen geben. Wenn das Team bestraft wird, dann werde ich damit umgehen müssen." Die Spielergewerkschaft NFLPA hat inzwischen erklärt, die Regelungen überprüfen und sie gegebenenfalls juristisch anfechten zu wollen.

Die NFL ist kein Verband. Sie ist ein Zusammenschluss der 32 Vereinsbesitzer, und die haben so entschieden, dass es möglichst lohnenswert für diese Vereinsbesitzer ist. Die Bilder aus den Stadien dürften in der kommenden Saison protestfrei sein, der Rückgang der Einschaltquoten im Fernsehen - die wichtigste Währung im NFL-Universum - soll damit aufgehalten werden. Die Liga will ihre Ruhe haben. Sie hat sich durch diesen Beschluss auf die Seite von Trump gestellt, wie Vizepräsident Mike Pence sogleich beim Kurznachrichtendienst Twitter mitteilte. Er veröffentlichte die Nachricht des TV-Senders CNN und versah sie mit dem Schlagwort "winning": gewinnen. Es ist ein Sieg für Trump; es ist allerdings eine Niederlage für das Recht auf freie Meinungsäußerung in diesem Land. Jürgen Schmieder