Turnier in Köln:Maskenball

Lesezeit: 4 min

Pavlovic, Milan

Pavlovic, Milan Pavlovic, Milan

(Foto: Bernd Schifferdecker)

Applaus vom Band, Maschinen statt Linienrichter, Ballkinder mit Handschuhen, freie Platzwahl: Tennis in Corona-Zeiten kann gespenstisch sein.

Von Milan Pavlovic

Als ich zehn Jahre alt wurde, änderte sich mein Leben auf fundamentale Art: Ich begann, Tennis mehr zu mögen als Fußball. Natürlich ging ich immer noch zum Kicken auf die Wiese, aber mindestens so gerne drosch ich Bälle gegen die Garagenwand und trug imaginäre Turniere aus. Mein Lieblingsspieler war Jimmy Connors, und als er 1975 im Wimbledon-Finale gegen Arthur Ashe antrat, waren meine Sympathien klar verteilt. Das ist mir heute etwas unangenehm, weil Ashe ein geschmeidiger, stilistisch höchst eleganter und in jeder Hinsicht großer Athlet war - und ich Connors später als rüpeligen, aggressiven, oft einfach unsportlichen Menschen erlebt habe. Damals war ich jedoch ziemlich bestürzt über Connors' Niederlage, und das Einzige, was das wettmachte, war meine neue Liebe zum Tennisgucken; wohlgemerkt am Fernseher, wo nur wenige Sportarten so gut zur Geltung kommen. Dass der heute selbstverständliche Service mit Spielstand, Zeitlupen, Nennung der Breakchancen und der Anzeige der Aufschlaggeschwindigkeiten fehlte, wog damals nicht so schwer - wir wussten es ja nicht besser.

Den Transfer ins "wirkliche Leben" schaffte ich allerdings noch nicht. Dass Jimmy Connors 1976 in Köln war und bei der ersten Austragung des Cologne Cups triumphierte, konnte mich ebenso wenig zu einem Live-Besuch animieren wie die späteren Kölner Stippvisiten von Größen wie Björn Borg (1977), Ivan Lendl (1981) und Kevin Curren (1982), die sich allesamt in die Siegerliste eintrugen - oder die ersten Gehversuche eines gewissen Boris Becker (1983) und des angeblich talentierten Teenagers Stefan Edberg (1984). Im Stadion fehlte mir immer die Nähe zum Geschehen und auch die Inszenierung mit dem Wechsel von Totalen zu Großaufnahmen und zurück.

Ich weiß, wie ignorant das ist. Aber ich sah mich in meiner Haltung bestätigt, als ich erstmals als Berichterstatter zu einem Turnier reisen durfte, 1989 für den Kölner Stadt-Anzeiger zum Saisonfinale, das damals noch in New York stattfand. Der Madison Square Garden war eine imposante Arena, aber von den Presseplätzen, die gefühlt unter dem Hallendach lagen, sah ich herzlich wenig von den Nuancen, ganz zu schweigen von den Blickwechseln zwischen den Protagonisten, zu denen neben den Cologne-Open-Veteranen Becker, Edberg und Lendl auch John McEnroe, Michael Chang, Brad Gilbert und ein gewisser Andre Agassi gehörten, Letzterer mit pinken Radlerleggings. Wenn ich genug Atmosphäre getankt hatte, schlich ich mich zu den Fernsehern im Pressezentrum zurück, um Tennis gucken zu können.

Meine Offenbarung hatte ich erst im Sommer danach. Bei den US Open freundete ich mich mit zwei Ordnern an, die über die Logen-Plätze am Kopfende des Center Courts wachten - und mich gerne in die geheiligte Zone ließen. Das waren ziemlich schmucklose Sitze, aber sie waren ganz nah am Platz, und so erlebte ich bei sengender New Yorker Hitze in der ersten Reihe, wie John McEnroe in fünf Sätzen gegen den renitenten Spanier Emilio Sánchez gewann. Einmal lamentierte Mc an der Bande, quasi direkt unter mir und führte beißende Selbstgespräche. Es war ein zehrendes, beglückendes, unvergessliches Vierstunden-Erlebnis, bei dem ich zu keiner Sekunde einen Fernseher vermisste. Seitdem träume ich davon, mit einem Lottogewinn Logen bei den vier Grand-Slam-Turnieren mieten zu können.

An McEnroe und New York musste ich in dieser Woche mehrmals denken. Die Corona-Pandemie hat dafür gesorgt, dass einige Profi-Turniere in Asien abgesagt werden mussten - und dass ein findiger Veranstalter zwei Lizenzen übernommen und beide Turniere in Köln verankert hat. Allerdings hat Corona dann auch dafür gesorgt, dass die Besucherzahlen reduziert werden mussten. Die ursprüngliche Idee war es, gut 6000 Zuschauer zuzulassen. Diese Zahl sank bald auf 999 - und schließlich ab Mittwoch auf 250, weshalb die Veranstalter ganz auf zahlende Zuschauer verzichteten, weil sie es unwürdig fanden, weiter auszusieben.

Das führte zu einer gespenstischen Atmosphäre - und der Chance, sich als Reporter auf Plätze zu setzen, auf die man sonst nie kommen würde. Da saß ich dann, quasi in Griffnähe zu gestandenen Profis wie Fernando Verdasco (Australian-Open-Halbfinalist) und aufstrebenden Athleten wie dem zottelhaarigen Südafrikaner Lloyd Harris, der so frech (und gut genug) war, um Alexander Zverev im Viertelfinale einen Satz abzunehmen. Ich sah aus nächster Nähe, wie viel Spin selbst die niedriger notierten Athleten inzwischen den Bällen geben, wie sie auf dem Hartplatz rutschen, sodass man förmlich zusehen kann, wie sich die Sohlen ihrer Schuhe nach und nach auflösen. Ich sah Ballkinder mit Mundschutz und Handschuhen. Ich sah keine Linienrichter, weil diese im Corona-Zeitalter durch ein platzumspannendes elektronisches Hawkeye-System ersetzt worden sind. Und ich hörte Applaus, der vom Band eingespielt wurde, um den Verlust der Zuschauer atmosphärisch wenigstens ansatzweise aufzufangen. Nach seinem zweiten Sieg drehte sich Alexander Zverev dorthin, wo Zuschauer sitzen müssten. Er schien sich bedanken zu wollen - bis er sich daran erinnerte, dass da niemand saß. Ich wiederum saß auf der anderen Seite und war noch nie so traurig über einen derart guten Sitzplatz.

Ab Montag findet das zweite Kölner Profi-Turnier seit 1992 statt, das zweite außerdem innerhalb von zwei Wochen. Ich wäre gerne etwas schlechter gesessen, wenn das bedeutet hätte, dass doch ein paar Zuschauer reingedurft hätten. Aber das wird nicht passieren. Und ich muss gucken, wie ich am Montag und Dienstag ohne Auto nach Köln-Deutz komme: Auf der Strecke der Regionalbahn - meiner besten Verbindung - finden Bauarbeiten statt, die U-Bahn wird bestreikt, und der Schienenersatzverkehr im Hot Spot ist notorisch überfüllt. Soll niemand sagen, dass Tennis in Köln leichtes Spiel hätte.

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