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Turnen:Zynische Tausendstel

Die deutschen Frauen sind 2020 bei den Olympischen Spielen in Tokio dabei. Doch bis dahin müssen sie noch einiges aufarbeiten, wie das verpasste Team-Finale bei der Heim-WM zeigt.

Von Volker Kreisl, Stuttgart

Es könnte zum Beispiel der Zeh von Elisabeth Seitz gewesen sein. Sie hatte nach ihrer Doppelschraube eine Idee zu viel Schwung beider Landung auf der Bodenmatte. Die Bewegung katapultierte sie nach vorne, womit sie mit einem Fuß ins Aus geriet. Das wären nur 0,1 Punkte gewesen. Weil sie aber, um nicht umzufallen, noch den anderen Fuß nachzog, war der auch draußen, jedenfalls der große Zeh. Und das kostete noch mal 0,2 Pünktchen.

Die deutschen Turnerinnen könnten, wenn sie so drauf wären, jetzt richtig nachgrübeln: Wo lag bloß der entscheidende Fehler? Um 0,034 von 161,897 Punkten haben sie das Teamfinale der besten Acht bei der WM verpasst - 34 Tausendstel, um die die Italienerinnen besser waren, die die Deutschen irgendwo auf dem langen Weg über die vier Geräte liegen ließen.

"Heute hat die Mannschaft die ein oder andere Chance liegen gelassen", sagt Wolfgang Willam

Dabei verfügen die meisten von ihnen schon über Routine, vor allem die Stuttgarterinnen Seitz und Kim Bui; Routine im schnellen Vergessen von Rückschlägen. Und die eigentliche Aufgabe, nämlich die Olympiateilnahme, ist ihnen ja gelungen. Nur die besten Zwölf sind qualifiziert, am Ende qualifizierten sie sich als Neunte. Außerdem hatten sich Seitz und die Kölnerin Sarah Voss sowohl fürs Mehrkampffinale am Donnerstag als auch für je ein Gerätefinale qualifiziert - Seitz am Stufenbarren, Voss am Schwebebalken.

Kein Grund also, lange zu grübeln. Im Prinzip. Denn andererseits haben 34 zynische Tausendstel schon einen verunsichernden Effekt. So gering ist dieser Unterschied, dass jede für sich nun glauben kann, schuld dran zu sein, die Team-Party am Dienstag (14.30 Uhr/SWR und ARD) zu verpassen. "Es war ein Fehler zu viel", hatte Teamchefin Ulla Koch sofort gesagt, noch ehe die zweite Hälfte der Mannschaften am nächsten Tag an die Geräte ging. Es könnte also auch der Sturz von Pauline Schäfer am Schwebebalken gewesen sein, der Fehlgriff von Emelie Petz am Stufenbarren oder auch irgendein Haltungsfehler. "Heute hat die Mannschaft die ein oder andere Chance liegen gelassen", sagte Wolfgang Willam, der Sportdirektor des Deutschen Turnerbunds (DTB). Sie habe zwar eine "super kämpferische Leistung" gezeigt, aber auch ein "unruhiges Gefühl".

Turnen: Weltmeisterschaft

Kopfüber ins Glück: Sarah Voss qualifiziert sich bei der WM in Stuttgart für die Finals im Mehrkampf und am Schwebebalken.

(Foto: Christoph Schmidt/dpa)

Einen Grund dafür sieht Koch in der Zuspitzung nach den ersten Fehlern. Danach wollten die Turnerinnen am Boden aufholen, "etwas gutmachen", sagte Koch. Das setzte Energie frei, Energie, die in anderen Sportarten Wunder wirkt, im Turnen aber gefährlich werden kann. Der Boden mit seiner Weite und seiner dramatischen Musik verleitet dann wohl zum Überziehen, hinzu kam, dass wegen Fußproblemen die Landungen nahe der Bodengrenze weniger trainiert wurden. Irgendwann traten, bis auf Bui, alle im Schwung drüber und sammelten 0,8 Punkteabzüge. Da passen 34 Tausendstel schon zweimal rein.

Aber Grübeln über Details führt nie zu etwas und hört oft damit auf, dass man die Nase voll hat und einfach weitermacht. Darin haben die deutschen Turnerinnen schon ganz gute Übung. Ihr Verband ist ja durchaus stolz darauf, dass er lauter lernende Turnerinnen in seinen Reihen hat, Studierende wie Bui, Abendabiturientinnen wie Schäfer, oder sich sonst wie Fortbildende. Das stört zwar den Trainingsrhythmus, bringt aber langfristig auch existenzielle Sicherheit, die sich auch auf der Matte oder in der Luft auswirkt.

Zu besichtigen war das bei der Stuttgarterin Kim Bui, 30, die mit ihrer Stabilität eine wichtige Stütze war, vor allem aber an Elisabeth Seitz, 25. Dass sie es als Zehnte mit 54,999 Punkten ins Mehrkampffinale schaffte, lag insbesondere an ihrem neuen Sprung. Dem Salto hat sie nun eine Umdrehung hinzugefügt, sie zeigte diesmal eine Doppelschraube. So sicher stand sie danach auf der Matte, als wäre sie in einem Eimer gelandet, was sie selber überraschte: "Plötzlich stand ich da."

Männer-Team liegt auf Rang fünf

Die deutschen Turner liegen bei der WM in Stuttgart nach dem ersten Tag der Team-Qualifikation auf Rang fünf. Andreas Toba, Lukas Dauser, Karim Rida, Nick Klessing und Philipp Herder kamen am Sonntagabend auf 246,508 Punkte und können damit weiter auf die Qualifikation für Olympia 2020 in Tokio hoffen. Dafür muss das Quintett am Ende beider Qualifikations-Tage zu den besten zwölf von insgesamt 24 Teams gehören. Unangefochten in Führung liegt derzeit Russland. Die Mannschaft um Mehrkampf-Europameister Nikita Nagorni erturnte 259,928 Punkte und lag damit klar vor Taiwan (250,093), Brasilien (247,236) und Spanien (246,727). Die weiteren Favoriten aus China, Japan und den USA gehen am Montag an die Geräte. dpa

Außer für die Finalistinnen Seitz und Voss geht es für das Team in den übrigen WM-Tagen nur noch ums Unterstützen und ums Anfeuern. Im Winter beginnt dann die lange Vorbereitung für Olympia 2020, wo sich die Mannschaft sicherer präsentieren will. Stuttgart hat durchaus gezeigt, dass dies gelingen könnte. Zwar ist man aufgrund eigener Hektik und auch Unerfahrenheit gescheitert, andererseits lässt sich das bittere Ergebnis auch anders interpretieren.

Das Problem war nicht mangelnde technische Qualität. Mit ein, zwei Fehlern weniger oder ohne manchen Sturz, der gleich einen ganzen Punkt kostet, hätte man nicht nur Italienerinnen und Britinnen überholt, sondern wäre unter die ersten Fünf gekommen. Das dürfte künftig möglich sein - Platz fünf, der lag auch nur elf Zehntel entfernt, oder 110 Tausendstel.

© SZ vom 07.10.2019

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