Turnen Reise ins Ländle

Trotz Trainingsrückstandes am Ende ein klarer Vorsprung: Simone Biles am Stufenbarren beim Mehrkampf-Weltcup in Stuttgart.

(Foto: Herbert Rudel/imago)

Die vielfache Weltmeisterin und Olympiasiegerin Simone Biles hat wie erwartet den DTB-Pokal gewonnen. Für die Stuttgarter Gastgeber war ihr Erscheinen ein Höhepunkt.

Von Volker Kreisl, Stuttgart

Das Gedränge hatte bereits am Nachmittag eingesetzt - im Eingangsbereich. Hunderte Turnschülerinnen warteten da, bewaffnet mit Smartphones und auch mit Biles-Bildern und Filzstiften. Drinnen turnte zunächst die Weltklasse der Frauen im Teamwettkampf, später sollten auch noch einmal die besten Mehrkämpferinnen dieses Wochenendes auf dem Podium in der Stuttgarter Arena trainieren. Die Russin Aliya Mustafina war dabei, klar, auch die Deutschen Kim Bui und Elisabeth Seitz, alles bekannte Turnerinnen. Vor allem aber übte hinter den Türen diesmal Simone Biles.

Das Turnen zählt als Bestandteil des Schul- und Vereinslebens weltweit zum Standard, so genannte Superstars bringt diese Sportart dennoch nur selten hervor, vielleicht alle 30 Jahre. Die Amerikanerin Biles ist gerade wieder so einer. Sie gewinnt bei Weltmeisterschaften, seit sie 2013 als 16-Jährige ins Erwachsenenturnen gewechselt war. 1,42 Meter ist sie groß, turnt aber mindestens eine Klasse höher als der Rest der Welt. Seit Biles nun angekündigt hatte, beim Weltcup im Ländle anzutreten, gingen die Karten weg, der Sonntag war mit 5000 Tickets ausverkauft.

Wie bei jedem überragenden Weltsportler wird auch in Simone Biles viel hineininterpretiert - begnadetes Talent, höchste Kraft, Disziplin und Professionalität und ein Leben in der glitzernden Welt. Manches davon stimmt auch, aber wenn sie dann im Stuttgarter Stadtteil Bad Cannstadt, S-Bahnhaltestelle Neckarpark, in der Arena steht und die Fragen der Medienleute beantwortet, da wirkt die Biles plötzlich doch wie ein normaler Mensch.

Auf WM- und Olympiapodien ist sie gestanden, hatte aber noch nie die Europa-Weltcups besucht

Zu den Traditionen im Sport zählt das Aufbauen von Fallhöhen, in diesem Fall das Maximum bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio. Bei denen könnte Simone Biles, so wird schon länger vorgerechnet, fünfmal Gold gewinnen, womit sie ihre Erfolgsserie von 14 WM- und vier Olympiasiegen in eine unerreichbare Weite ausdehnen kann. Aber noch ehe die Frage, ob sie selbst das wirklich anpeilt, zu Ende gefragt ist, schüttelt Biles den Kopf, lächelt und sagt: "Mein Gott ..."

Erst mal sei jetzt hier der DTB-Pokal in Stuttgart, und ihre Form brauche noch viel Arbeit, um auf das entsprechende Niveau zu kommen. Allen geht das so, die Saison hat gerade erst begonnen, weshalb auch die beiden Stuttgarterinnen Seitz und Bui noch im Aufbau stecken. Bui wurde am Sonntag im Mehrkampf Siebte, Seitz belegte Platz drei. Und Biles? Gewann trotz ihres Formrückstandes mit 3,668 Punkten Vorsprung, ganz locker also. Einen Etappensieg in seinem Formaufbau hatte am Tag zuvor der Unterhachinger Olympia-Silbergewinner Marcel Nguyen im Sechskampf erreicht, als er beim Sieg des Russen Artur Dalaloyan Vierter wurde und mal wieder an allen Geräten eine ansprechende Leistung zeigte.

Zur Normalität will Biles wohl allein schon deshalb zurückkehren, weil auch sie über Jahre ein Opfer des Missbrauchs durch den langjährigen und inzwischen verurteilten Teamarzt Larry Nassar war, was in den vergangenen Monaten fast alles überlagerte. Das Leben ist in Bewegung, und Biles sagt: "Ich habe mehr Ziele in mir zurzeit als außen." Sie behält diese Ziele weitgehend für sich, eines davon ist aber offenbar die Tugend, sich nicht von fernen Superlativen wie Tokio verführen zu lassen: "Ich will nicht zu viele Erwartungen an mich richten, bevor es so weit ist."

Wie allen Hochleistungssportlerinnen, kann auch Biles immer alles Mögliche passieren, zum Beispiel eine plötzliche Nierenstein-Operation kurz vor einer Weltmeisterschaft. In Doha im November hatte sie auf einmal starke Schmerzen und musste sich einem Eingriff unterziehen, heute ist die Sache überstanden. Und irgendwann wird man als Reisesportler generell vorsichtiger und auch abergläubisch, weshalb Biles in der Mixed Zone von Stuttgart antwortet, vor Wettkämpfen esse sie grundsätzlich das, "was ich immer esse". Mithin habe sie noch keine Spätzle oder Maultaschen probiert.

Fast allein ist sie unterwegs gerade, nur mit Heimtrainer Laurent Landi und wenigen Helfern, für Biles ist diese Reise nach Stuttgart auch Neuland. Auf allen WM- und Olympiapodien ist sie bereits gestanden, hatte aber noch nie an den Weltcups in Europa teilgenommen. Nun schlug ihr der Verband vor, die Gelegenheit zu nutzen, das Arena-Areal schon mal zu erleben, in dem im Oktober die WM stattfindet; zudem auch noch den Weltcup in Paris. Und das alles ohne die "girls", ohne ihre Teamgefährtinnen, mit denen Biles sonst immer verreist.

Sportlich ist sie derart dominant, dass in ihrer Turnwelt alles von selber zu laufen scheint. Tatsächlich muss sie sich jetzt wie jede andere auf das Wesentliche konzentrieren und vor allem ihre Stufenbarren- und Bodenübung weiter verbessern - am Sonntag war sie in Stuttgart nach ihrem letzten Sprung auf der Schlussbahn aus dem Gleichgewicht geraten und aus der Matte getreten.

Vielleicht war es auch ein Kalkül des Verbandes, Biles mal vom Trubel in der Heimat zu befreien, sie loszuschicken, ohne Pressesprecher, ins ferne Stuttgart, nur mit Coach Landi, womit immerhin einer da war, mit dem sie in der Woche ihren 22. Geburtstag feiern konnte.