Turn-WM:Aus dem Nest zu Silber

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World Artistic Gymnastics Championships

Schweben über dem Balken: Pauline Schäfer-Betz beherrscht abermals bei einer Weltmeisterschaft ihr Lieblingsgerät.

(Foto: Kim Kyung-Hoon/Reuters)

Turnerin Pauline Schäfer-Betz hat in Kitakyushu ihre dritte WM-Medaille errungen - abermals am Schwebebalken. Sie präsentierte sich in starker Form, dabei hat sie momentan Wichtigeres zu tun.

Von Volker Kreisl, Kitakyushu/München

Etwas hatte nicht gepasst. Eine Kleinigkeit nur, ein Unwohlsein unter der Fußsohle. Irgendwas hatte gebremst, sodass Pauline Schäfer-Betz bei einer Umdrehung nicht so schnell herumkam, um die flüssige Abfolge ihrer Übung fortzusetzen. Der Bezug des japanischen Schwebebalkens war etwas rauer als der ihrer Lieblingsmarke in Europa, aber was half's? Für Schäfer-Betz würde kein Extrabalken montiert werden, die Zeit zur Eingewöhnung war auch knapp. Also versuchte sie es mit positivem Denken, konkret dem Gedanken an ihre zweitliebste Balkenmarke, ein ähnliches Gerät, das ja auch unter der Sohle bremst, und auf dem sie trotzdem 2015 WM-Bronze gewonnen hatte und 2017 Weltmeisterin wurde. Es hat geklappt. Schäfer-Betz hat in Kitakyushu in Japan ihre dritte WM-Plakette gewonnen. Hinter der Japanerin Urara Akishawa landete sie, Bronze gewann Mai Murakami, ebenfalls Japan.

Mit dieser Silbermedaille ist es nun ein kompletter Medaillensatz, wie es nun auch Schäfer-Betz sagte, was gut klingt, womit aber oft nur die Enttäuschung über verpasstes Gold überdeckt wird. Bei Schäfer-Betz wohl eher nicht, sie weiß aus mittlerweile schon sieben Jahren auf höchstem Niveau, welchen Wert in diesem Einzelsport ein Podiumsplatz egal welcher Art hat. Möglicherweise haben ihre Auftritte über die Jahre auch etwas Werbung für ein Gerät erzeugt, das, hätte es eine Seele, unter seinem falschen Image als "Zitterbalken" leiden würde. Dieser wirkt gefährlich, man balanciert irgendwie über dem Abgrund, assoziiert werden rudernde Arme, Stürze, Verletzungen. Dabei, sagte einst schon Bundestrainerin Ulla Koch, hole man sich meist nur blaue Flecken.

Nach dem Aufgang wackelte sie, dann wurde sie mit jedem Element stärker

In Kitakyushu aber gelang Schäfer-Betz mehr als nur Promotion für ein Gerät mit schlechtem Ruf. Schäfer-Betz' gesamter Auftritt war ungewöhnlich, ihr aktueller Hintergrund, die spontane Planung und die Tatsache, dass sie die einzige deutsche Turnerin war. Unterstützt hat sie ihr Heim-Coach, zudem ihr Trainingsgefährte und fester Freund Andreas Bretschneider, der wiederum am Reck knapp das Finale verpasst hatte. Dennoch hat sein Einsatz dazu beigetragen, dass das noch unerfahrene Männerteam erste höhere Erfahrungen sammelte. Dieser Umbruch wird wohl noch länger dauern, auch wenn eine Europameisterschaft im August 2022 in München bevorsteht.

So konzentrierten sich die Medaillenhoffnungen ganz auf Pauline Schäfer-Betz. Gleich nachdem sie auf den Balken hinaufgesprungen war, musste die den Schwung unterbrechen und ihren Oberkörper nach rechts verdrehen, um nicht sogleich wieder links herunterzufallen. Man könnte dies als Zeichen von Mentalschwäche auslegen, insgesamt war es aber das Gegenteil. Denn nun durfte sie sich nichts mehr erlauben, und tatsächlich fand sie mit jedem gelungenen Element mehr Sicherheit, in den Zweier- und Dreier-Kombinationen oder im Schäfersalto, einem gehocktem Überschlag auf den Balken mit halber Drehung, den sie schon vor längerer Zeit erfunden hatte. Hin und wieder Ausgleichsbewegungen mögen zu kleineren Abzügen geführt haben, insgesamt war es jedoch ein starker Auftritt auf dem zehn Zentimeter breiten Steg. Als sie den Abgang, einen Rückwärtssalto gestreckt, stabil und unverrückbar stand, riss sie die Arme hoch, klatschte in die Hände und ballte diese zu Fäusten. Das hat man früher bei ihr selten gesehen.

Die Trennung von ihrer Stützpunkttrainerin war überfällig

Vermutlich ahnte Schäfer-Betz, dass sie gerade auch auf dem Medaillen-Podium sicher gelandet war, obwohl noch fünf Turnerinnen folgten. Tatsächlich reichten dann ihre 13,8 Punkte, um sich zwischen Siegerin und Dritter zu platzieren, worauf sie ihre Freude mit allen teilte. "Ich habe keine Worte dafür", sagte Schäfer-Betz, derartige Gefühlsausbrüche hatte sie früher nicht ohne weiteres in der Öffentlichkeit gezeigt. Man kannte sie als konzentrierte, in einem Team versteckte, eher in sich gekehrte Spitzensportlerin. Das hat sich offenbar geändert, so wie sich in den vergangenen Jahren auch ihr gesamtes Umfeld geändert hatte.

Viele große Talente kommen an den Punkt, an dem sie eigene Wege gehen. Die alte Umgebung bringt sie nicht mehr weiter, mehr noch, sie hemmt sogar. Schäfer-Betz hat schon vor Monaten jenen Schritt getan, der längst überfällig war. Die Art der Ansprache ihrer Chemnitzer Stützpunkttrainerin Gabriele Frehse empfand sie ähnlich wie andere Kader-Athletinnen als psychische Gewalt, schon länger trainiert sie am Stützpunkt in Chemnitz mit den Männern, gewissermaßen hat sie das Nest verlassen. Dass sie in der Folge nicht nachgelassen hat, zeigt, dass sie sich selbst organisieren, sich Ziele setzen und erreichen kann. Schäfer-Betz' allgemeines Programm ist jedenfalls ambitioniert. Nach Olympia in Tokio ist sie anders als ihre Teamkolleginnen früher wieder eingestiegen, weil sie spürte, dass ihre Form eine WM-Medaille ermöglicht. Und nun, da sie diese Medaille in der Tasche hat, wird sie gleich nach der Rückkehr zusammen mit Bretschneider ihr neues Projekt anschieben, ein Turn-Camp namens Grip and Grow, mit einem modernen, psychisch gewaltfreien Training.

Außerdem befindet sich der Turnerbund gerade in einem Wechsel auf Bundestrainer-Ebene, auch deshalb war die Einzelturnerin Schäfer-Betz in Kitakyushu mehr als sonst auf sich selbst gestellt. Das ganze Team war zu Hause, und sie blieb als einzige Turnerin übrig? War das nicht schwer? Schäfer-Betz sah's nüchtern. Selbst wenn das ganze Team dabei ist, dann ändere das auch nichts, denn: "Dann muss man sein Zeug da oben auf dem Balken ja trotzdem alleine machen." Am Sonntag ist ihr dies gelungen.

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