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Tour de France:Kopf aus, weiterfahren

Zabel und Politt müssen sich wohl neues Team suchen

Dürfen sich nach neuen Arbeitgebern umschauen: Die deutschen Rad-Profis Nils Politt (links) und Rick Zabel, die noch für die deutsch geprägte Katjuscha-Alpecin-Equipe fahren.

(Foto: Clara Margais/dpa)

Die Katjuscha-Auswahl und ihr deutsches Personal stehen vor einer ungewissen Zukunft - manch einer wünscht sich gar eine Rückkehr zu den russischen Wurzeln

Nils Politt hatte sich seine Sätze gut zurechtgelegt. Immer wieder ging es um die unklare Zukunft seines Katjuscha-Teams und die Frage, wie sich unter diesen Voraussetzungen überhaupt eine gute Tour de France bestreiten lasse. "Kopf aus und weiterfahren", lautete die Standardantwort des 25-Jährigen, er musste bald grinsen ob der Wiederholung. Aber irgendwann besann er sich doch noch auf seine Herkunft und die dort geltenden Glaubensgrundsätze: "Da gehe ich mit der Kölschen Mentalität ran. Et hätt noch immer jot jejange."

Politt hat durchaus Gründe für eine entspannte Herangehensweise. Der Klassikerspezialist fährt eine starke Saison, insbesondere sein zweiter Platz beim Kopfstein-Monument Paris - Roubaix zeugte davon, und auch auf der ersten schweren Tour-Bergetappe am Donnerstag nach La Planche des Belles Filles zeigte er sich in der Spitzengruppe. Doch bei anderen Beteiligten ist die Stimmung nicht ganz so gelassen. Denn nach Lage der Dinge wird es die Katjuscha-Mannschaft in ihrer jetzigen Konstellation nicht mehr lange geben.

Katjuscha war ja zuletzt so etwas wie die zweieinhalbste deutsche Mannschaft im Peloton. Es gibt Bora aus Oberbayern und Sunweb, das aber trotz deutscher Lizenz niederländisch geprägt ist. Und zudem eben Katjuscha mit einem russischen Kern und einem russischen Milliardär im Hintergrund, einer Schweizer Lizenz, aber auch einem recht starken deutschen Einfluss: Fahrer, diverses Begleitpersonal und vor allem der Bielefelder Shampoo-Hersteller Alpecin als Co-Namenssponsor. Aber nun stehen offenkundig Veränderungen an.

Am Tag vor dem Tour-Start in Brüssel gab es eine Sitzung, in der einem Sprecher zufolge die Teamleitung den Fahrern und dem Personal mitgeteilt habe, "dass die Zukunft unsicher ist und sich in den nächsten Tagen entscheiden wird. Wer sich nach neuen Möglichkeiten umschauen will, kann dies tun." Seitdem gibt es viele Spekulationen, wie es weitergeht. Meldungen über eine komplette Auflösung weisen die Beteiligten zurück. "Bis jetzt ist noch nichts entschieden", sagt Katjuschas oberster Manager Alexis Schoeb, ein Schweizer Rechtsanwalt, der SZ: "Wir prüfen verschiedene Optionen." Alpecin will sich gerade nicht zu dem Thema äußern.

Selbst profilierte Fahrer wie Tony Martin und Marcel Kittel taten sich in dem Umfeld schwer

Im ökonomisch unsicheren Radsport kommen solche Situationen öfter vor. Aber Katjuscha ist aus vielen Gründen noch mal eine besondere Geschichte. Zehn Jahre ist es jetzt her, dass das Team die Rad-Bühne betrat. Als sehr russisches und sehr politisches Projekt wurde es aufgezogen. Das Geld kam vom Oligarchen Igor Makarow, reich geworden im Gasgeschäft, und der Teamname konnte russischer kaum sein. Katjuscha ist erstens ein weit verbreiteter Kosename, zweitens der Titel eines der bekanntesten russischen Volkslieder und drittens die Bezeichnung eines im zweiten Weltkrieg eingesetzten Raketenwerfers. Rasch gab es damals Erfolge, zugleich diverse Dopingskandale.

2016 erfolgte dann ein Strategie-Wechsel. Die Equipe wollte jetzt unbedingt westlicher daherkommen, internationaler und kommerzialisierter statt als osteuropäisches Mysterium. Alpecin stieg als Sponsor ein, und als Zeichen für die angebliche Läuterung musste der Teamchef Wjatscheslaw Jekimow gehen - er war früher jahrelang ein Helfer von Lance Armstrong gewesen. Das Image wurde aber nicht wirklich besser, dafür das Budget geringer und die Zahl der Erfolge auch. Und immer wieder zeigte sich, dass sich selbst profilierte Fahrer in dem Umfeld schwertaten: der Norweger Alexander Kristoff, Zeitfahr-Experte Tony Martin oder auch der 14-malige Tour-Etappensieger Marcel Kittel, dessen Vertrag kürzlich aufgelöst wurde. Nils Politt war nahezu der Einzige, der sich wirklich auffällig stark weiterentwickelte. Und schon im Vorjahr zog es sich ein wenig, bis Alpecin seinen auslaufenden Sponsoren-Vertrag um eine Saison verlängerte.

Jetzt verfolgt die Radszene gespannt, was ab 2020 kommt. Die Lizenz liegt weiter bei einer Firma, die zu 100 Prozent dem Oligarchen Makarow gehört. In Russland wünscht sich mancher, dass das Team wieder russischer daherkommt - und Makarow leistet dem auch mit mancher Wortmeldung Vorschub. Zu Saisonbeginn etwa sagte er der Zeitung Westi: "Angesichts der neuen politischen Situation und der Sanktionen haben wir uns mit Partnern getroffen. Zu uns kamen neue Sponsoren, aber die Ergebnisse haben sich etwas verschlechtert. Interessant ist, dass die Ergebnisse unter russischer Flagge sehr gut waren." Es gibt aber auch Kräfte bei Katjuscha, die gegen eine Rückkehr zu diesem russischen Ansatz sind.

Bei Alpecin wiederum erscheint es aufgrund der Positionierung in den vergangenen Jahren kaum vorstellbar, dass die Firma den Profi-Radsport verlässt. Er ist erkennbar ihre Sportart, Alpecin war erst zwei Jahre Co-Namenssponsor bei Sunweb (damals noch Giant), in den vergangenen drei Jahren nun bei Katjuscha. Unklar scheint nur die Frage zu sein, wo das Unternehmen in der nächsten Saison auftaucht.