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Tischtennis:Küsse mit Mundschutz

1. FC Saarbrücken - Liebherr Ochsenhausen

Laute Jubelschreie, dennoch gedämpft: Die Tischtennismannschaft des 1. FC Saarbrücken (rechts Patrick Franziska, links Shang Kun) stemmt mit Handschuhen den Meisterpokal.

(Foto: Benjamin Lau/dpa)

Der 1. FC Saarbrücken hofft nach dem ersten überraschenden Meistertitel der Vereinshistorie auf einen Aufschwung der Sportart.

Von Ulrich Hartmann, Saarbrücken/München

Tischtennisspieler müssen Egoisten sein, selbst wenn sie als Mannschaft auftreten. Und weil in Corona-Zeiten nicht mehr alle aus dem Pokal trinken dürfen, fand Patrick Franziska am Sonntagabend ein spontane Blitzlösung: "Ich schnappe ihn mir direkt und trinke als Erster", sagte der Nationalspieler grinsend, nachdem er mit seinem 1. FC Saarbrücken erstmals deutscher Meister geworden war. Vor einem Jahr hatten die Saarbrücker sowohl das Finale des europäischen ETTU-Cups als auch das Endspiel um die deutsche Meisterschaft verloren, diesmal revanchierten sie sich mit einem 3:1-Finalsieg gegen Vorjahressieger TTF Ochsenhausen. Dass der Überschwang aus hygienischen Gründen reguliert werden musste, fanden zwar alle ein bisschen schade, aber der Titel war ihnen deshalb kein bisschen weniger wert.

Mit Mundschutz küssten Franziska, Shang Kun und Darko Jorgic also die Trophäe, dann ging es vom Spielort Frankfurt heim nach Saarbrücken, wo im Hotelsaal eines Klubsponsors Wiener Schnitzel und Champagner aufgetragen wurden. Gegen Mitternacht servierte der Trainer Slobodan Grujic daheim noch Kaltgetränke. Die Gruppe war überschaubar, nicht einmal die Kadermitglieder Cristian Pletea und Tomas Polansky konnten dabei sein. Polansky wird in seiner tschechischen Heimat am Rücken behandelt, Pletea durfte wegen Corona nicht aus Rumänien ausreisen. Mit beiden telefonierte man per Videochat.

Mittlerweile verfügen die Saarbrückener auch über einen sechsstelligen Saison-Etat

31 Jahre hat das schon lange tischtennisbegeisterte Saarbrücken auf diesen Titel gewartet. 1989 gewann der ATSV mit dem chinesischen Spitzenspieler Xie Saike das Triple aus Meistertitel, Pokal und ETTU-Cup, doch Anfang der Neunziger meldete der Mäzen die Mannschaft aus der Bundesliga ab. 2011 wurde die Tischtennisabteilung des 1. FC Saarbrücken eigenständig, gewann 2012 schon mal den nationalen Pokal sowie 2014 den ETTU-Cup und wähnt sich mit dem Gewinn der Meisterschaft nun auf dem Höhepunkt.

An der Seite von Franziska, der mit den deutschen Nationalmannschaftskollegen Timo Boll und Dimitrij Ovtcharov längst mithalten kann, ist Saarbrückens Topmann wieder ein Chinese: Shang Kun. Der 29-Jährige galt einst als großes Talent für sein Heimatland, hatte aber das Pech, an den weltbesten Zeitgenossen Ma Long, Zhang Jike, Xu Xin und Fan Zhendong nicht vorbeizukommen. Als seine Hoffnung auf eine Karriere im chinesischen Nationalteam schwand, wechselte er erst zu einem polnischen Klub und im vorigen Sommer nach Saarbrücken. Nachdem er am Anfang wegen eines Kieferbruchs acht Wochen ausgefallen war, drehte er immer mehr auf. Am Sonntag im Finale demütigte er zunächst Ochsenhausens Franzosen Simon Gauzy mit 3:1 Sätzen und dann den brasilianischen Weltranglisten-Sechsten Hugo Calderano 3:0. Den ersten Punkt hatte Franziska gegen Calderano (3:2) gewonnen, den Ehrenpunkt für Ochsenhausen holte Jakub Dyjas gegen Jorgic (3:1).

Mit Franziska (Vertrag bis 2021) und Kun (Vertrag bis 2022) könnten die Saarbrücker den Titel in der kommenden Saison gleich wieder gewinnen. Mit der Unterstützung des am Ort beheimateten Tischtennisausrüsters Tibhar und seines Seniorchefs Erwin Berg, 80, der im Tischtennisklub als Sportlicher Leiter firmiert, wären sie durchaus in der Lage, es dauerhaft mit den Spitzenklubs Ochsenhausen und Borussia Düsseldorf aufzunehmen. Saarbrückens Saisonetat wird auf eine mittlere sechsstellige Euro-Summe geschätzt. "Wir haben das Potenzial, den Titel zu verteidigen", findet auch Teammanager Nicolas Barrois. Er erhofft sich vom Titel sogar einen Aufschwung am Ort, auch, weil Tischtennis in Zeiten des Social Distancing als Paradesport reüssieren könnte.

Einen Boom brauchen sie beim Herausforderer in Düsseldorf im Grunde nicht mehr. Jahrzehntelang war die Borussia Branchenführer; 2018 gewann sie das bislang letzte Triple als Meister, Pokalsieger und Champions-League-Triumphator. Doch in den vergangenen beiden Spielzeiten ging der 30-malige Meister und 26-malige Pokalsieger komplett leer aus. Sowohl im Halbfinale der Bundesliga als auch des DTTB-Pokals verlor er gegen Ochsenhausen. Auch in der Champions League stand Düsseldorf im Halbfinale, als die Saison wegen Corona abgebrochen wurde.

Für Borussias Manager Andreas Preuß gab es verschiedene Gründe für die zuletzt entgangenen Titel, "mal eine Verletzung, mal schlechte Verfassung in einem entscheidenden Spiel". Im Halbfinale gegen Ochsenhausen lag Düsseldorf 2:0 in Führung, dann verlor Anton Källberg gegen Dyjas in fünf Sätzen, später Boll gegen Calderano in fünf Sätzen, schließlich Kristian Karlsson gegen Gauzy. Am Ende fehlten zwei, drei Bälle zum Finaleinzug. "Saarbrücken, Ochsenhausen und wir sind auf Augenhöhe", sagt Preuß. Er erwartet einen Dreikampf auch in der kommenden Saison. Danach werden die Karten neu gemischt. Für Franziska interessieren sie sich auch in Düsseldorf. Es wäre eine Rückkehr. Der Hesse hat bereits bis 2016 für die Borussia gespielt.

© SZ vom 16.06.2020
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